"Man schaltet sofort um in die Anatomie"

Suzan Yarkin vor dem Eingang des Evangelischen Krankenhauses im Weyertal
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- Ärztin Susanne Yarkin über die Arbeit in der Notaufnahme in der Evangelischen Klinik Weyertal und Sonnen- und Schattenseiten von Lindenthal
Frau Yarkin, Sie haben die Leitung der Zentralen Notaufnahme im Evangelischen Klinikum Köln-Weyertal übernommen. Wie hat Ihr beruflicher Weg denn angefangen? Warum haben Sie sich dazu entschieden, Medizin zu studieren?
Mein Vater war Kinderarzt. Ich als Älteste war immer bei ihm in der Praxis. Ich fand den sterilen Geruch und die Instrumente toll. Ich habe alle meine Sportverletzungen, die ich mir beim Volleyball Tennis oder Leichtathletik zuzog, selbst behandelt und verbunden. Ich habe mir von meinem Vater Bücher darüber besorgt. Für mich war immer klar, dass ich entweder Sport oder Medizin studiere. Sportlehrerin wäre aber gar nichts für mich gewesen - und da fiel die Wahl auf Medizin.
Und Sie hatten keine Probleme, einen Studienplatz zu bekommen?
Ich hatte ein eher durchschnittliches Abi, jedenfalls nicht den Numerus Clausus. Den Mediziner-Test habe ich aber auch eher mittelmäßig bestanden. Damals gab es dann noch die Möglichkeit per Losverfahren an einem Auswahlgespräch teilzunehmen. Da habe ich Glück gehabt, und nach dem Gespräch haben sie mich dann sofort genommen. 1989 wurde ich tatsächlich gefragt, warum ich denn als Frau Ärztin und nicht Physiotherapeutin werden will. Ich habe in meiner damals noch naiven Art geantwortet, dass ich Rezepte ausstellen und bestimmen möchte, was mit den Patienten passiert. Da hat die Prüfungskommission sich gekrümmt vor Lachen. Die dachten damals dann wohl, das passt schon.
Und aus welchem Grund sind Sie Chirurgin und Orthopädin geworden?
Ich wollte immer operieren, und mich hat immer die Biomechanik der Gelenke und die Anatomie des Körpers fasziniert. Das hatte für mich den Bezug zum Sport.
Warum sind Sie als Chirurgin und Orthopädin dann Leiterin der Zentralen Notaufnahme geworden?
Ich habe elf Jahre lang als Notärztin für die Stadt Köln gearbeitet. In dieser Notarzttätigkeit lernt man alles kennen, von der kindlichen Reanimation bis hin zum Herzinfarkt. Dadurch habe ich die rettungsdienstlich notärztliche Erfahrung gesammelt. In unserer interdisziplinären Notfallambulanz kommt mir das zugute. Um das Ganze zu koordinieren und strukturieren, ist es sinnvoll, Kenntnis über mehr als sein eigenes Fachgebiet gewonnen zu haben.
Wie gehen Sie damit um, wenn Sie schwere Verletzungen sehen?
Erst einmal geht es darum, die notwendige medizinische Versorgung lücken- und fehlerlos zu leisten. Die menschlichen Schicksale müssen wir später auf der Station meistern, mit den Angehörigen und den Verletzen selbst. Wenn da so ein Knochen heraussteht, denke ich vor allem: "Okay, da ist noch die dicke Arterie, ist er überhaupt noch richtig durchblutet?" Man schaltet sofort um in die Anatomie und überlegt, was man jetzt noch untersuchen muss. Wenn die Patienten vom Rettungsdienst auf einer Liege zu uns gebracht werden, wissen wir gar nicht, wie das verunfallte Auto oder Fahrrad aussieht. Deshalb ist es immer gut, wenn die Sanitäter uns den Unfallort schildern, damit wir wissen, wie stark der Aufprall war.
Wie entspannen Sie denn privat von dem stressigen Alltag?
Mit Kunst, Kultur und Sport. Privat bin ich mit vielen Leuten aus dem Film-, Sport und-Literaturbereich zusammen. Ich kenne einige der Crew der lit.Cologne-Organisatoren und Schauspielerinnen wie Bibiana Beglau, die sich über völlig andere Dinge des Lebens Gedanken machen als ich. Das erweitert den Horizont. Am 29. März kommt der Film "Tausend Arten Regen zu beschreiben" in die Kinos. Das ist ein Film von einer Kölner Regisseurin, einer Kölner Drehbuchautorin und einer Kölner Produzentin. Freundinnen von mir. Sehenswert!
Was gefällt Ihnen an Ihrem Wohnort, dem Belgischen Viertel?
Im Belgischen Viertel ist man gefühlt immer am Zahn der Zeit. Du gehst raus und erlebst ein buntes Treiben von Jung und Alt. Es gibt viel Leben auf der Straße mit Gesprächen beim Flaschenbier oder in einer der unzähligen Kaffeebuden. Es ist schmuddelig und doch irgendwie geordnet. Es ist klein und ein richtiges Stadtviertel, in dem man kopfnickend durch die Straßen zieht, weil man immer jemanden sieht, den man kennt. Es könnte aber sauberer werden, und man könnte die verkehrsberuhigte Zonen erweitern.
Und Lindenthal, wo Sie arbeiten?
In Lindenthal würde ich gerne irgendwann wohnen. Es liegt nah am Stadtzentrum, aber man hat dort ein wohliges familiäres Gefühl mit viel Grün und tollen Restaurants und Sportmöglichkeiten. Es ist sauber und geordnet. In Lindenthal sind allerdings die Wohnungspreise inakzeptabel. Derzeit gehe ich hier vor allem mit Kollegen essen. Ich bin ich allerdings auch gerne im Sommer auf dem Dürener Straßenfest. Da trifft man dann auch schonmal ein paar Patienten.
STECKBRIEF
Meine Lieblingorte: in Lindenthal die Plüsch- und Retrooase Haus am See und der Melatenfriedhof. Im Belgischen Viertel sind es die Hinterhöfe. Meine Lieblingslokale: in Lindenthal das japanische Restaurant Zen an der Bachemer Straße. Im Lieblings an der Zülpicher Straße esse ich gerne Kuchen. Im Belgischen Viertel mag ich das indonesische Restaurant Bali am Brüsseler Platz und den Salon Schmitz, wo man den Catwalk auf der Aachener Straße bestaunen kann.
Meine Hobbys: Reisen, Film, Theater, Konzerte, Beachvolleyball (Playa), Golf , Fitness und Tennis.
Zur Person und Serie
Susanne Yarkin (47) ist Tochter eines türkischen Kinderarztes und einer deutschen Kinderkrankenschwester. Sie wuchs in Baden-Württemberg auf und studierte Medizin in Hannover. Dann spezialisierte sie sich in einer orthopädischen Praxis und arbeitete in der Chirurgie und Unfallchirurgie unter anderem im St. Franziskus-Hospital in Ehrenfeld. Seit 2008 ist sie Unfallchirurgische Oberärztin im EKK Weyertal, seit 2017 Leiterin der zentralen Notfallambulanz im EKK Weyertal.
In dieser Interviewreihe stellen wir interessante Menschen vor, die etwas zu erzählen haben. Möchten Sie jemanden vorschlagen? Dann schreiben Sie der Stadtteil-Redaktion mit dem Stichwort "Menschen im Veedel". ksta-stadtteile@dumont.de
