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Mein VeedelGuido Cantz bleibt Porz treu

Lesezeit 6 Minuten
Naturerlebnisort am Scheuermühlenteich

Naturerlebnisort am Scheuermühlenteich

Porz – Ländliche Szenen, bevölkert von Bauersleuten auf den Feldern, Wanderern mit Blick auf die Tiefebene, Musikanten, um die sich scherzende und trinkende Menschen geschart haben. Ja, so ist das Leben im äußersten Südosten von Porz – zumindest auf den deckenhohen Wandgemälden des Gartensaales von Schloss Wahn, wo Guido Cantz sich mit einer Mischung aus Stolz, freudiger Erinnerung und etwas Sorge umsieht. Das hinter efeubewachsenen Mauern und beleibten Kastanien gelegene Schloss, in dem einst die Grafen Schall von Bell residierten und nun die Theaterwissenschaftliche Sammlung der Uni zuhause ist, kennen durchaus nicht alle Wahner. Diejenigen aber, die zu Konzerten oder Ausstellungen einen Blick in die bezaubernden Repräsentationsräume oder den Schlossgarten getan haben, sind stolz auf das Kleinod. Guido Cantz hat hier geheiratet. „Schön!“ sagt der Comedian, und präzisiert: „Die Trauung an diesem Ort – und die ganze Zeit seither auch.“

Sorge um das Schloss

Seine Sorge gilt der Zukunft des spätbarocken Schlosses, wenn die Theaterwissenschaftliche Sammlung tatsächlich auszöge. „Es ist so schön hier, daraus müsste man doch etwas machen!“ Wie man überhaupt aus Porz „viel mehr machen“ müsste, wenn sich nur mehr Menschen dafür engagierten.

Guido Cantz ist in Porz geboren, in Lind aufgewachsen, in Wahn zur Schule gegangen, er hat in Porz seine ersten Auftritte in familiärem Rahmen gehabt, ist im Fernsehen zunächst als der witzige Typ mit den vier Buchstaben „Porz“ auf der Brust bekannt geworden und hat nie anderswo gelebt. „Warum auch?“ fragt er und legt die Stirn in die Querfalten, die schon seit mehr als zwei Jahrzehnten sein xx-extrabreites Lächeln begleiten. „Nur damit ich später mal von Hamburger oder Berliner Jahren erzählen kann? Das brauch' ich nicht. Ich reise beruflich so viel herum, dass ich wirklich froh bin, danach wieder nach Hause zu kommen.“

Als Promi hier zu wohnen ist für einen, der immer hier gelebt hat, mit keinen besonderen Umständen verbunden. Die Leute, die er auf der Straße oder beim Einkaufen trifft, kennt „der Guido“ durchweg ja schon aus Kindertagen; die machen um ihn kein Bohei.

Autogrammjäger umlagern ihn jedenfalls nicht, wenn er die Allee vom Schloss entlanggeht, die zugleich der Weg vom S-Bahnhof zum Zentrum des Örtchens ist. Die schlichte Schlosskapelle steht hier, die Cantz aus Messdienerzeiten in der St. Ägidius-Gemeinde vertraut ist. Von dort aus ging bei seiner Erstkommunion der festliche Zug zur neugotischen Backsteinkirche, die vor allem wegen der Hänneschen-Krippe bekannt ist. „Ich war gern Messdiener, und ich war überhaupt ein viel braverer Junge als die meisten Leute heute glauben.“ An Streiche wie in der Fernsehreihe „Verstehen Sie Spaß“ erinnert er sich nicht; als Possenreißer in der Schule sei eher sein Bruder aufgefallen.

Die Unterhaltung wird schwieriger, denn wir sind an der Hauptkreuzung. Adieu, Schlossromantik und Landidyll. Kieslaster aus Libur donnern über die Heidestraße, Lkw rumpeln über den Asphalt-Flickenteppich der Frankfurter Straße. Hier ist Wahn so laut, wie es vom Luftraum her nach Einschätzung Auswärtiger ständig sein müsste – wegen des Flughafens. Tatsächlich hört man die Maschinen nur an wenigen Tagen, wenn sie über die Querwindbahn einfliegen.

Cantz blickt sich um. „Ein Trauerspiel“ nennt er das Sterben kleiner Geschäfte. Kneipen, Parfümerie, Sparkassen-Filiale – aus, vorbei, längst dicht, zuletzt machte Schlecker an der Ecke zu. Und der tolle Metzger, in dessen Laden jetzt Versicherungen verkauft werden... Metzger hat Cantz in lebhafter Erinnerung: Sein Opa in Schwaben war einer. Die Leidenschaft für gut gemachte Wurst ist erblich.

Ein Dauerziel seiner Schülerjahre existiert aber noch: Zielstrebig begibt sich Cantz bei Schreibwaren Kuth in die Ecke, wo früher Schulsachen auslagen. Sieh da, Gutes bleibt. Nur die schwarzen Klassenarbeitshefte mit dem Aufdruck „Maximilian-Kolbe-Gymnasium“ gibt’s nicht mehr, sagt Verkäuferin Ulrike Kattoll. Dafür alles andere: vom Radiergummi bis zur Geburtstagskerze.

Schule „hat eigentlich Spaß gemacht“, sagt Cantz. Denn außer dem Unterricht gab es viele Möglichkeiten, sich auszuprobieren. Pauke, Chor, Theater, das hat er „alles mitgenommen“. Einmal ist er auch beim Laientheater „Wahner Spielleute“ aufgetreten. Ansonsten gehört seine Leidenschaft dem Fußball: In Wahn, Langel und Spich hat er gespielt. Jetzt ackert er in der Troisdorfer Altherren-Mannschaft als Abwehrspieler. Natürlich tritt auch Söhnchen Paul schon gegen Bälle, seit die stolzen Eltern seine ersten Schuhe im Schuhhaus Buschmann erwarben. „Man darf nicht nur das Sterben des örtlichen Einzelhandels beklagen, man muss auch etwas dagegen tun“, beschwört Cantz die Kundentreue und streichelt im Fachgeschäft den fast 40 Jahre alten Schaukel-Werbeelefanten, der dort schon zu seiner Kinderzeit wilde Ritte erduldete. Spricht's und unterschreibt eine Petition, mit der die Einführung der Brötchentaste (kostenfreies Parken zum Einkaufen) beantragt wird.

Naturerlebnis am Teich

Jetzt zum Naturerlebnisort am Scheuermühlenteich zu laufen, wäre für den Sportler ein Klacks, aber Cantz muss nachher den Flieger nach Berlin erwischen und einen „Verstehen Sie Spaß“-Scherz auflösen. Deshalb geht’s im Auto über die Heidestraße, vorbei an der Kaserne zum lauschigen Ort, wo die Jungs früher Dämme gebaut und Eishockey gespielt haben. Cantz hat seinen Sohn hier erstmals aufs Glatteis geführt und beobachtet mit ihm die Wassertiere.

Damit Kinder in Wahn und Lind einen schönen Spielort bekommen wie er ihn früher bei der Bauspielplatzaktion Schlumpfheide hatte, spendete Cantz die Hälfte seiner Prämie vom Pilawa-Starquiz 2009 dem Bürgerverein zum Spielplatzbau. Er bedauert sehr, dass der rührige Verein wegen irrwitziger bürokratischer Hemmnisse noch nicht zum Bauen gekommen ist. Bei einem zweiten Quizgewinn bedachte Cantz das Kinderkrankenhaus Porz, „wo Chefarzt Alfred Wiater so wunderbare Arbeit leistet“, und den Wahner Pfarrverein.

Schnell noch nach Lind. Cantz schätzt hier die Ruhe bei sehr guter Erreichbarkeit von Autobahn und Flughafen. Und die Menschen, denen er begegnet. Beim Bäcker, an der „weltbesten Tankstelle Schenkelberg“ oder, natürlich, im Metzgerbetrieb, den Klaus und Albine Wessel seit 1979 führen. Hier, zwischen Regalen mit Konserven und einer Theke mit 30 Sorten eigener Fleischerzeugnisse, schwärmt Cantz von Wurstwonnen. Und erkundigt sich, wann der 74-jährige Meister wieder die „herrliche Erbsensuppe“ macht, die er Cantz zuweilen im Plastikeimerchen vor die Tür stellt.

Dass sein 3500-Seelen-Heimatort nicht das stille Zentrum der Glückseligkeit ist, lässt der Fernsehstar nicht unerwähnt: Wie die Stadtplanung Parkstreifen so einrichtet, dass der Linienbus kaum durchkommt, aber andererseits auf Kosten von Parkraum ein Dorfplatz entstehen soll. „Und wer pflegt den? Das sieht dann so aus“, sagt er und weist auf wogendes Unkraut auf einem Grünstreifen.

Ungezähmtes Grün ist ihm anderswo lieber: Am alten Wasserturm, wo kaum Spaziergänger „sich über einen vor sich her brabbelnden Menschen wundern“, sagt Cantz und grinst. Die pointierten Geschichten, die er in der Bütt oder im Fernsehen so locker von sich gibt, hat er schon oft mit Blick auf das Relikt der Dynamitfabrik Wahn auswendig gelernt.

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