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EgonstrasseEine Siedlung wird immer kleiner

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Da waren’s nur noch drei. In diesem Seitenarm der Egonstraße stand bis vor kurzem noch ein Haus, wo heute ein Bretterzaun steht.

Stammheim – Sonntag ging hier der große Schützenzug durch. Montag der kleine. Dann begann unweit das Königsvogelschießen. Doch für manch einen Bewohner der kleinen Siedlung in Stammheim hat die Stadtverwaltung längst den Vogel abgeschossen. Indem sie immer mehr der kleinen nunmehr nur noch 55 Häuschen mit den sehr günstigen Mieten entlang der Egonstraße abbrechen lässt.

Und das ohne triftigen Grund – finden Karl-Heinz Hemmer sowie Michaela und André Bilstein. Die Anlieger fürchten um den Erhalt ihrer Siedlung. „Um uns herum verschwindet ein Haus nach dem anderen – auch solche, die von der Stadt erst kürzlich modernisiert wurden“, kritisiert Hemmer, Inhaber einer Kampfsportschule. „Die Stadt müsste doch Wohnraum schaffen und nicht vernichten.“

Die Siedlung Egonstraße gehöre zu Stammheim wie der Schlosspark und das Klärwerk, die in direkter Nachbarschaft liegen. Im Zweiten Weltkrieg sollen sich hier Munitionslager befunden haben. Nach Krieg wurden die Baracken – zuerst aus Holz, dann aus Stein gebaut – zur neuen Heimat für kinderreiche Familien. So gab es nie eine Baugenehmigung für dieses Veedel. Bis heute.

Auf dem Papier sind die Häuschen immer noch ohne Bad und Heizung. Küche, drei Zimmer. Fertig. So wohnen auch Menschen heute noch hier für nur 180 Euro, wenn sie sich zum „Unterhalt für Dach und Fach“ verpflichten. Als Mieter sanierten sie Dächer, ersetzten Fenster, verputzten Fassaden, ließen Bäder und Heizungen einbauen. Konnten sie das nicht (mehr), erledigte es später die Stadt – gegen eine höhere Miete von bis zu 600 Euro – für Köln immer noch sehr günstig. Trotzdem sei manche Haus-Substanz nicht mehr zu retten gewesen. „Acht bis neun Häuser mussten wir in den letzten zwölf Jahren niederlegen“, erläutert Peter Bock, zuständiger Vermieter beim Liegenschaftsamt. Die Anwohner seien aber freilwillig gegangen, die Gebäude nicht mehr weiterzuvermieten gewesen. „Ihr Erhalt wäre teurer als ein Neubau an anderer Stelle.“ Was hier nicht geplant sei. Das Gebiet ist als Grünfläche ausgewiesen, Ersatz- oder Neubauten seien aber auch deshalb nicht möglich, weil sich das Gebiet in der Bannmeile des Klärwerks befindet, das nach der Siedlung entstand.

Neue Mieter mit alten Verträgen – sie wurden regelrecht vererbt – seien juristisch nicht mehr tragbar. „Wir müssen bewohnbare Mietsachen zur Verfügung zu stellen“, so Bock. Er beteuerte, alles unternommen zu haben, Mieter mit Abwanderungsgedanken – die hier selten sind – zu halten. „Hier können auch Familien mit einem geringen Einkommen hin, ohne Sozialhilfe beantragen zu müssen.“ Deshalb seien auch die Investitionen immer nötig. „Doch das ist wie mit einem alten Auto. Irgendwann rechnet sich das nicht mehr.“

Die Bezirksvertretung Mülheim ist für den Erhalt der Siedlung, beschloss gar die Straßensanierung, die bald beginnen soll. Andreas Köhler (CDU): „Unter den Bauten sind richtige Schmuckstücke.“ Auch der Bürgerverein hat mit den Siedlern – einige sind hier geboren – kein Problem.

Pressesprecher Dirk Conrads: „Der Karnevalsverein »Mädcher und Junge aus der Egonstraße« geht sogar bei uns im Stammheimer Sonntagszug mit.“ Eigentlich – so scheint es – wollen alle das Gleiche. „Die Egonstraße gibt es seit 70 Jahren“, verspricht Bock. „Und sie wird es auch in 70 Jahren noch geben.“ Fragt sich nur, mit wie vielen Häusern.