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Dichterkunst am DreikönigsgymnasiumEin Hoch auf die beste Freundin

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Manchmal hart, aber immer fair: Die Deutsch-Lehrkräfte Markus Becker, Christian Schwarz, Margit Böhmer und Frederic Begaß (v.l.) bildeten die Jury.

Bilderstöckchen – Es ist beeindruckend, wie schnell Amina Osmic Deutsch gelernt hat. Erst seit rund sechs Monaten lebt sie in Deutschland – und nun stand sie bereits auf der Bühne, um mit einem eigenen Text als Poetry-Slammerin anzutreten. Darin geht es um eine besondere Person. „Die immer ein Lächeln für mich hat, wenn ich traurig bin. Die immer eine starke Schulter hat, an die ich mich lehnen kann, wenn ich traurig bin“, spricht sie ins Mikro. „Die die Sonne in mein Leben brachte – oder sogar selbst die Sonne ist. Ihr denkt, welche Person das sein kann?“ Das Publikum grübelte mit. Erst im Schlusssatz kam die Auflösung: Es ist ihre beste Freundin, der sie den Text gewidmet hat.

Das Pädagogische Zentrum des Dreikönigsgymnasiums an der Escher Straße war zum jährlichen Poetry-Slam-Wettbewerb rappelvoll. Die Kandidaten kamen aus der Jahrgangsstufe 10. „Ihr könnt aufstehen, wenn Euch ein Vortrag gefallen habt. Alle, die stehen, werden Teil der Gesamtwertung. Den Rest erledigt unsere überaus qualifizierte Jury“, so Moderatorin Gina Gruner, die mit Sidar Bayanay – zugleich einer der 13 Mit-Slammer – durch die Show führte. Die Schüler lachten – denn die überaus qualifizierte Jury bestand aus vier alten Bekannten: Margit Böhmer, Christian Schwarz, Markus Becker und Frederic Begaß, die alle Deutsch am Gymnasium unterrichten. Abwechselnd gaben die Juroren ein Statement zum Vortrag ab; dann zückte das Quartett gleichzeitig eine Wertungskarte zwischen 1 und 10. Die besten drei Slammer – inklusive der Publikumswertung – zogen ins Finale ein.

Das Thema beim Slam hieß „Wirkl-ich-keit“ – es sollten also Texte aus der Ich-Perspektive sein. Heraus kamen zum Teil sehr persönliche, reflektierte Werke. „Ich bin wie ein kleines Kind, das die Welt zu entdecken versucht und Fragen stellt“, so etwa Marvin Shad in „Du und ich“. „Wenn ich will, kann ich weinen wie ein Wasserfall oder wüten wie Hulk. Meine Aufgabe ist, diesen Marvin Shad freizulassen. Doch das wird nicht einfach.“ Die spätere Zweite im Wettbewerb, Cansu Kilic, ist konsum- und gesellschaftskritisch. „Wir kaufen mit Geld Dinge, die wir eigentlich nicht mögen – und lügen, da wir die Wahrheit nicht ertragen“, sagte sie in ihrem Vortrag, unterlegt mit einer Klavier-Melodie. „C’est la vie, sagt der Clown – und malt sich mit tränenden Augen ein Lächeln ins Gesicht.“

Die Siegerin des Abends, Anna Blens, entwarf eine Zukunftsvision – die jedoch an der Tristesse des Alltags zerplatzt. „Ich will nicht immer weiter unbewusst in der Ecke stehen, sondern Menschen bewegen. Ich will, dass das Universum in buntesten Farben sprüht und die Sonne in alle Ewigkeit blüht.“ Besonders ihre Souveränität begeisterte. „Ich habe den Verdacht, du machst das heute nicht zum ersten Mal“, so die Jury.

„Wir hatten diesmal nur zweieinhalb Wochen Vorbereitung– und dafür haben sie es toll gemacht“, bilanzierte Sibylle Haseke, die als eine von drei Lehrkräften den Workshop im Deutschunterricht der Jahrgangsstufe leitete und jetzt im Publikum saß. Auch die Präsentation auf der Bühne sei Thema gewesen. „Die Texte sind bei Poetry Slams schon wichtig, aber eine gute Performance ist die halbe Miete.“ Weitere Schüler der Stufe, die nicht selbst auftraten, kümmerten sich um Aufbau, Technik oder das Büffet im Foyer.

Unter weiteren guten Ideen war der Text von Ella Tambwe aus der Perspektive eines depressiven Dornröschens, das vor ihrer Erweckung von Albträumen heimgesucht wird – oder das aufrüttelnde Werk „Zombie“ von Katharina Jüttner, das aus Sicht eines Kindersoldaten geschrieben sein könnte. „Ich bin taub, wenn jemand fleht, bin blind vorm Feind, der vor mir steht. Tagein, tagaus marschieren wir, wir lassen zu, dass sie uns unseren Willen entreißen. Ich sterbe, doch alle sprechen vom Sieg.“