Skulptur von Philipp HöningFettecke von Nippes – AWB-Mitarbeiter entsorgt aus Versehen Kunstwerk

Hier stand die Kunst, die AWB-Mitarbeiter Inan Gökpinar für Sperrmüll hielt.
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Nippes – Müll. Einfach nur Müll. Um genau zu sein: Sperrmüll. Drei furnierte Bretter aus dem Baumarkt, zu einer Leiste zusammengenagelt, auf Seitenteilen ruhend, die Kanten spitz und schartig. Das kann weg. Das sagte sich Inan Gökpinar, als er das Teil auf der Asphaltfläche an der Kreuzung Kuenstraße/Florastraße in Nippes liegen sah.
Und schritt auch schon zur Tat, reflexartig. Nicht ahnend, dass er sich damit in eine Reihe von Kollegen aus dem Reinigungsgewerbe stellte, die in der Kunst Anekdotengeschichte geschrieben haben – wie jene legendäre Putzfrau, die 1986 in der Düsseldorfer Akademie die Fettecke von Joseph Beuys entsorgte.
Gökpinar ist Müllmann und arbeitet für die AWB, er hat den Kennerblick für Unrat. Wenn er nicht im Dienst ist, dann engagiert er sich in der Lokalpolitik, sitzt für die SPD in der Bezirksvertretung Chorweiler. Aber das nur nebenbei. An dem Morgen jedenfalls wusste er: Das ist Müll, das kann weg, das muss weg. Und schon rief er seinen Kollegen im Lkw herbei, mit dem er gerade im Floraviertel unterwegs war.
„Wollen Sie mich verarschen?“
Gökpinar griff sich das seltsame Holzfurnierteil und warf es hinten auf die Ladefläche – da gellte es an sein Ohr: „Halt, nicht wegschmeißen.“ Doch zu spät, schon entsorgt. Zwei ältere Frauen aber kamen aufgeregt auf ihn zu: Das sei doch ein Kunstwerk. Kunstwerk? Inan Gökpinar in seiner orangefarbenen Montur war verdutzt: „Junge Dame, wollen Sie mich verarschen?“ Später sagte er, fast ein wenig unter Schock: „Das hätten Sie mal hören sollen, wie laut die Frauen plötzlich geschrien haben!“ Umgekehrt sagten Renate Müller und Thea Redlich über den Müllmann – seit mehr als 40 Jahren wohnen die beiden an der Florastraße in den ehemaligen Gerling-Werkswohnungen: „Das Gesicht hätten Sie mal sehen sollen!“
Nicht, dass sie selbst das Teil als schön empfunden hätten oder gar als ästhetisch wertvoll. „Wir wissen aber“, erklärte Müller, „dass auf der Asphaltfläche eine Kunstreihe läuft und jeden Monat eine andere Performance stattfindet.“ Keine Ahnung jedoch hätten sie, wer besagter Künstler sei, von dem das Teil stammte. „Auch wenn es uns nichts gesagt hat, er wird sich schon etwas dabei gedacht haben.“ Tatsächlich hatte Philipp Höning – der Künstler – mit allem gerechnet, auch dass die Skulptur spurlos verschwinden könnte.
Das Projekt sei für ihn eine offene Anordnung gewesen: „Ich lasse sie zwei Wochen lang liegen und bin gespannt, was passiert“, hatte er vier Tage vor dem ungewollten Abtransport erklärt. Der 29-Jährige, Absolvent der Kunstakademie in Münster und frisch nach Köln umgezogen, war von Stefanie Klingemann und Frank Bölter eingeladen, sich an der Kunstreihe „10 qm“ zu beteiligen. Seit zweieinhalb Jahren findet die an der Stelle in Nippes statt. Das Asphaltquadrat in der Wiese an der Florastraße hat ursprünglich die Rhein-Energie anlegen lassen, um Arbeitern im Notfall einen schnellen Zugang zu zwei unterirdischen Hydranten zu gewährleisten. Klingemann, die wie Höning in Münster Kunst studierte, funktionierte sie zu einem Schauplatz für Kunst im öffentlichen Raum um.
„Man hält die Fläche automatisch für einen Parkplatz, deshalb habe ich eine Art Spoiler für Autos gebaut“, erklärte Höning. Er liebe es, gefundenes Material spielerisch zu verarbeiten, im öffentlichen Raum zu platzieren. „Und ich beobachte gern, was andere Leute damit machen.“
