Specht-Spektakel in LongerichSchau mal, wer da hämmert

Ein Buntspecht
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Longerich – Tack, tack, tack – chrrr, chrrr, chrrr! Jeden Morgen geht das Specht-Spektakel bei Familie Schmitt von neuem los, und die Klopfgeräusche des Vogels hallen durch das Haus, transportiert und verstärkt durch das Mauerwerk. „Meistens macht er sich gegen sieben oder acht Uhr an unserer wärmegedämmten Fassade an die Arbeit“, berichtet Otto Schmitt. „Wenn es im Garten wieder Styropor schneit, wissen wir, es ist so weit“, schmunzelt er.
Seit ungefähr einem Jahr bekommen die Schmitts aus der Brunsbütteler Straße in der Longericher Gartenstadt-Nord regelmäßig Besuch von Señor Specht. „Im vorigen September ging es los, im Winter war dann Ruhe – aber im Frühjahr kam er zurück“, erzählt der pensionierte Lehrer, der einst an der Heinrich-Böll-Gesamtschule von Chorweiler unterrichtete. Heute leitet er mit seiner Frau das Jugendferienwerk – einen Anbieter von Kinder- und Jugendreisen, den er 1987 übernahm.
An der zum Garten gelegenen Giebelseite des Hauses hat das Tier bereits ganze Arbeit geleistet: Fünf etwa tennisballgroße Löcher – die ein wenig an Einschüsse erinnern – befinden sich meist unterhalb der Dachrinne, wo Schieferplatten hängen. An denen kann sich der Specht gut festkrallen. Zusätzlich sind sieben bis acht „Fehlversuche“ zu sehen – kleine Löcher, an denen der Vogel offenbar nicht recht weiterkam. Styropor-Schnipsel aus der Dämmung liegen auf der kompletten Terrasse und dem angrenzenden Garten.
Um den ungebetenen Gast loszuwerden, haben die Schmitts schon viel versucht. Ein Loch haben sie mit einem Lappen verstopft, über einem anderen ein Köchernetz aufgehängt, um ihn zu verwirren. Eine große Krähen-Attrappe baumelt an einem langen Stab, den sie im Dach-Fenster eingeklemmt haben. Doch das eigensinnige Tier scheint das alles nicht zu stören. „Er nistet sich eine Zeit lang ein und macht dann sein nächstes Loch. Sogar mit dem Wasserschlauch haben wir es probiert – aber das juckt ihn überhaupt nicht. Wenn man ihn verjagt, ist er kurze Zeit später wieder da.“ Zuleide tun wollen sie dem Tier natürlich nichts. Ohnehin sind Spechte – der Buntspecht war Vogel des Jahres 1997, sein Vetter Grünspecht ist es im laufenden Jahr – geschützt. Im Übrigen sind sie sehr nützlich: Da sie in Wäldern weit mehr Wohn- und Nisthöhlen zimmern als sie brauchen, profitieren laut Naturschutzbund (Nabu) auch andere Vögel, oder etwa Eichhörnchen und Siebenschläfer, von den Spechten.
Höhlen in morschen Stämmen
Warum sich die Tiere an Hausfassaden betätigen, ist unklar: So könnte das Dämm-Styropor den klopfenden Specht von Struktur und Klang an Morsch- oder Totholz erinnern. In solchen Stämmen legen sie ihre Höhlen an. Auch könnten sie unter der scheinbaren „Baumborke“ Insektenlarven vermuten. Oder sie trommeln drauflos, um ihr Revier gegenüber Artgenossen zu markieren.
Spechte, die scharf auf Hauswände sind, scheinen deutschlandweit ein Problem zu sein. Vor allem, seit sich energetische Sanierungen richtig lohnen, gibt es Fälle von Hamburg bis München, von Köln bis Berlin. In der Hauptstadt hat sich sogar ein Handwerker, Malermeister Holm Draber, auf Specht-Fassadenschäden spezialisiert. Auch in der Region Köln ist das Phänomen bekannt; zumal es um die Tiere besser als früher stehe. „Die Specht-Population in Köln entwickelt sich gut, obwohl wir keine genauen Zahlen haben“, bilanziert Christina Wohlfahrt vom Nabu Köln. „Sie finden in den Wäldern der Stadt viele Nistplätze – jedoch kommt es auch vor, dass sie sich an Styropor-Fassaden zu schaffen machen, denn die bieten ihnen optimale Bedingungen.“ Wer also ganz sicher sein wolle, dass ihm kein Specht zur Last fallen könne, solle auf alternative Stoffe zurückgreifen.
„Es kommt hin und wieder vor, da Styropor ein weiches Material ist, wo die Vögel ganz einfach reingehen können“, bestätigt Andreas Kloska vom Brühler Malerbetrieb Rattay. „Wir hatten bisher zwei Fassaden in Bonn und Siegburg, wo sie Zuflucht gefunden hatten. Denn wenn sie eine solche Stelle entdecken, kommen sie immer wieder.“ Die Ausbesserungs-Kosten seien unterschiedlich hoch. „Es kommt auf die Größe und Höhe der Löcher an – aber es ist kein so großes Geld.“ Außerdem gibt es einige Tipps, um der Plage zu begegnen (siehe „Was gegen Spechte helfen kann“).
Ob die Versicherung von Familie Schmitt den Schaden übernimmt, ist noch offen – in aller Regel ist dem nicht so, wie der Versicherungs-Verband GdV bestätigt. Es sei denn, man schließe eine speziell auf den Schaden bezogene Police ab. Für alle Fälle planen die Schmitts nun, eine zweite Krähen-Attrappe hinzu zu holen – vielleicht lässt sich das Tier auf Dauer ja doch vergraulen. Trotz des Lärms und der Schäden ist Otto Schmitt jedoch vom Specht fasziniert. „Erstaunlich, wie er das hinbekommt, die Löcher so exakt kreisrund zu machen.“
