Auf der Suche nach dem Zufall
Poll – Flohmarktjäger Karl Heinz Ricke ist eigens aus Ehrenfeld gekommen, um beim Garagenflohmarkt in Poll nach Schätzen zu suchen. „Kleine Raupe Nimmersatt“ steht auf dem Wunschzettel der Tochter fürs Enkelkind, ihn selbst interessieren eher Rock- und Pop-Raritäten der 60er und 70er auf Vinyl. „Hier findet man noch Schnäppchen“, erklärt Ricke begeistert. Überhaupt gefallen ihm privat organisierte Flohmärkte besser als gewerbliche, weil sie einfach schöner und die Preise erschwinglich seien.
Auch Familie Rappold hält Ausschau nach „Sachen, die einem durch Zufall begegnen - auf die man lange gewartet hat“. Am Stand von Anne Marie Herzel gibt es jede Menge Spielzeug und Kleider für kleine und mittelgroße Menschen, die Wahrscheinlichkeit hier einen schönen Fund zu machen, ist denkbar groß.
Zwar wird Karl Heinz Ricke an dieser Stelle nicht fündig, über die Internetseite der Poller Nachbarn kann er sich aber durch die interaktive Karte ganz genau darüber informieren, bei welchem Flohmarktteilnehmer es seine Lieblingsstücke geben könnte. Lothar Paul, der überschüssiges Werkzeug abstoßen will, hat so schon einige Stücke seines umfangreichen Sortiments verkauft. Bohrmaschinen, Brechstangen & Co stehen traditionsgemäß bei der männlichen Klientel hoch im Kurs. Auf einem Extra-Tischchen hat er Mitnehmartikel ausgestellt – die einst so begehrten Metallreliefs liegen mittlerweile schwer wie Blei in der Auslage. Elektrogeräte, Kleider und Einrichtungsgegenstände unterschiedlichster Art bietet er im Innenhof seines Hauses feil. Bunte Luftballons zeigen den Kaufwilligen, die zum Teil etwas versteckt liegenden Flohmarktstände an.
Im Jahr 2016 hatte Gerlinde Knapp die Idee für einen Poller Garagenflohmarkt, während eines Jahrestreffens der Nachbarschaftsinitiative Ideentausch stieß sie das Projekt an. Sein Debut hatte er 2017 in den Garagen, Höfen und Vorgärten der Poller, seither kramen sie zweimal jährlich in ihren Kellern und Dachböden, um im Mai und September volle Verkaufstische und -stände zu präsentieren.
Beim nunmehr fünften Garagenflohmarkt kann der Schnäppchenjäger nicht nur zielgenau seine Wunschartikel anvisieren, er weiß über die Website auch, wo kleine Snacks und Getränke an sogenannten Raststätten angeboten werden.
Im Gemeinschaftsgarten, einem weiteren Projekt der Nachbarschaftsinitiative, kann man ganz gemütlich Plätzchen knuspern und dazu verschiedene Getränke genießen. Kaffee, Federweißer und Limo stehen zur Auswahl. Unter den hochgewachsenen Bäumen der „Wildnis in Nutzung“, wie Ideentausch-Entwickler Vincent Wind das teils bewirtschaftete, teils verwilderte Gelände nennt, lässt es sich vorzüglich plaudern.
„Das Verkaufen an sich ist eigentlich Nebensache beim Garagenflohmarkt“, meint Natalya Minkovska, die den Stand im Grünen momentan betreut. Ein attraktives Ensemble zusammengetragener Waren erleichtert die Kontaktaufnahme zu den Mitmenschen dennoch ungemein. Von der DVD über Kleidung, Gartenerde und Bücher bis hin zu Schleich-Artikeln und einem Lenkbob ist auf Boden, Kleiderstange und Ausstellungstischen alles vertreten. Besucher können mit Muße stöbern, sich im Garten umschauen und wenn gewünscht sogar eine Führung bekommen.
Besucherin Alexandra Romes schätzt beim Gang durch den weitläufigen Garagenflohmarkt, „Poll neu kennenzulernen“. Tatsächlich habe sie bei ihrer Tour fast vergessene Gässchen wiederentdeckt, von anderen wusste sie gar nicht, dass es sie überhaupt gibt.
Natalya Minkovska
