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Bücherschränke in PorzDer Reiz kostenloser Literatur

3 min

Sascha Wolfshol und Sani Kurtiovic aus Kalk inspizieren den Bücherschrank im Porzer Zentrum.

Porz – Alte Ausgaben mit Werken von Kurt Tucholsky reihen sich neben neuen Kriminalromanen von Ian Rankin, Bücher der Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing stehen neben abgegriffenen Taschenbüchern aus den Fünfziger Jahren, deren Seiten schon ganz vergilbt sind. Und auch Ratgeber und Literatur für Kinder sind zu finden. Interessiert stöbern Sascha Wolfshol und seine Begleiterin Sani Kurtiovic im Bücherschrank, der mitten in der Fußgängerzone zwischen City-Center, Banken und einer überdimensionalen Erdbeere steht. Genau wie viele anderen Passanten, die im Minutentakt hier stehen bleiben, nehmen sie einzelne Ausgaben heraus, um sich den Inhalt auf der Rückseite durchzulesen. „Schau mal, hier steht sogar eine italienische Ausgabe von Patrick Süskinds »Das Parfüm«“, bemerkt der 38-Jährige aus Kalk. Schließlich entscheidet er sich für drei kleine quadratische Bücher, die offenbar zusammengehören: Graßhoffs „Illustrierter Ganoven-Kalender“, Gedichte von Brecht und ein Jagdbüchlein. „Mir gefällt das Format, die Bücher kann ich gut bei unserem nächsten Urlaub mitnehmen.“

20 Literaturschränke

Seit März lockt der offene Bücherschrank Leseinteressierte und lädt dazu ein, kostenlos Bücher mitzunehmen und dafür eigene Ausgaben hineinzustellen. Um die Kölner wieder mehr zum Lesen zu animieren, hat die Bürgerstiftung Köln das Projekt „Eselsohr“ ins Leben gerufen und stellte den Glaskasten im Porzer Zentrum auf – in der ganzen Stadt sind es mittlerweile rund 20 Literaturschränke. An den Kosten beteiligten sich neben der Bürgerstiftung auch der Caritasverband, die Glaswerke St. Gobain, die Aktion Mensch und weitere Sponsoren. Die Patenschaft haben indes Besucher des Sozialpsychiatrischen Zentrums Porz (SPZ) und Bürger des Stadtbezirks übernommen. Sie kontrollieren regelmäßig den Zustand sowie Inhalt des Schrankes und sortieren den Buchbestand bei Bedarf aus.

„Ich kann mich nicht dazu überwinden, Bücher wegzuwerfen“, sagt Wolfshol seufzend. Da stelle er aussortierte Literatur lieber in solche offenen Bücherregale. „Vielleicht findet ein anderer Gefallen an den Werken.“ Er selbst ist bei solchen Angeboten auch schon häufig fündig geworden: „Manchmal entdecke ich Ausgaben, die sonst überall vergriffen sind.“

Eine regelmäßige Besucherin ist auch Ute Bens, die mit einem Becher Eis in der Hand den aktuellen Bestand inspiziert. „Ich finde, dieser offene Bücherschrank ist eine fantastische Idee“, sagt die Seniorin. „Ich bringe oft Bücher her und habe auch schon viele ausgeliehen.“ Doch dieses Mal findet sie nicht die passende Literatur. Die meisten Bücher kennt sie bereits oder interessieren sie nicht. Rund drei Bücher liest sie pro Woche. „Am liebsten habe ich englische Familienromane, schwedische Krimis oder Sachbücher.“ Durch ihre Liebe zur Literatur bilde sie sich auch weiter – zum Beispiel lese sie derzeit einen Roman von Frederica de Cesco, durch den sie viel über die japanische Kultur erfahren habe.

Von vielen Bürgern genutzt

Dass das Interesse am offenen Bücherschrank groß ist, bestätigt auch Anita Mirche, zweite Vorsitzende des Bürgervereins Porz. „Wir können schon beobachten, dass das Angebot von sehr vielen Bürgern genutzt wird.“ Nur einmal habe ein Vereinsmitglied einen Fall von Vandalismus beobachten müssen. „Offenbar haben Jugendliche abends ein Buch herausgenommen und es dann angezündet“, sagt Mirche. Doch das sei bislang der einzige Zwischenfall dieser Art gewesen.

Während das Pärchen Wolfshol und Kurtiovic und die Seniorin Bens weitergegangen sind, hält ein paar Minuten später eine Frau mit ihrem Fahrrad vor dem Schrank und packt einen Stapel Bücher aus ihrem Korb in das Regal. „Ich hatte hier den Bestseller »Vollidiot« ausgeliehen und bringe ihn jetzt, nachdem ich ihn ausgelesen habe, zurück“, schildert Ines Kornwebel aus Urbach. Bei dieser Gelegenheit habe sie ein paar Bastelbücher und Ratgeber zum Thema Kindererziehung mitgebracht. „Die brauche ich jetzt nicht mehr – meine Kinder sind mittlerweile 20 und 14 Jahre alt“, sagt sie mit einem Lachen und fährt weiter.