Der fast vergessene Bürgermeister

Das Rheinufer mit Rathaus und Linden-Promenade in den 1930ern
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Porz – Mit seiner Linden-Promenade, dem Blick vom Hochufer über den Rheinbogen bis zum Dom und mit dem turmgekrönten Rathaus gehört das Porzer Rheinufer zu den schönsten Aufenthaltsorten am Strom, die sich in ganz Köln finden lassen. Doch keine Gedenktafel, nicht der kleinste Hinweis erinnert an den Mann, der vor gut 110 Jahren diese Visitenkarten für Porz erdachte und bauen ließ.
Bürgermeister Rudolf Lütz, der 1907 sein Amt in der Bürgermeisterei Heumar (zu der Porz gehörte) antrat, hat die Geschicke von Porz und den zur Samtgemeinde gehörigen Ortsteilen in einer Weise vorangetrieben, die Stadtplanern in heutiger Zeit unvorstellbar erscheint. Im neusten Jahrbuch des Geschichts- und Heimatvereins Rechtsrheinisches Köln schildert der Heimatforscher Wolf-Dieter Raudsep, wie der aus Dattenfeld stammende Rudolf Lütz in den Jahren von 1907 bis 1918 die Zukunft nach Porz brachte. In schier atemberaubendem Tempo entwickelte der bei Amtsantritt erst 34-jährige Beamte damals Ideen für Porz und setzte sie um.
Raudsep ist bei Recherchen zur Geschichte der evangelischen Kirche in Porz eher zufällig auf das Wirken des heute fast vergessenen Bürgermeisters gestoßen und hat – gestützt auf Forschungen der früheren Stadtarchivare Jürgen Huck und Gebhard Aders zur Porzer Historie vor dem Ersten Weltkrieg – die hoch spannende Geschichte verfolgt. Auch anhand archivierter Zeitungsberichte hat Raudsep ein facettenreiches Bild gezeichnet. Zudem öffnete ihm der langjährige Chefarzt des Alexianer-Krankenhauses, Manfred Lütz, der ein Enkel des Bürgermeisters ist, sein Familienarchiv.
Rudolf Lütz eilte in den ersten Jahren seiner Arbeit in Porz von Erfolg zu Erfolg und brachte Porz so einen enormen Aufschwung. Rheinufer, Anlegestelle, Rathaus, die Kanalisation bisher nicht angeschlossener Ortsteile, Verkehrsprojekte wie der Ausbau der Hauptstraße und die Bahnunterführung an der heutigen Kaiserstraße und auch die Gründung einer Gemeindesparkasse gehören dazu.
Erstaunlich kurz war die Zeit vom ersten Antrag des Bürgermeisters zur Einrichtung einer „höheren interconfessionellen Lehranstalt“ im September 1907 bis zur Umsetzung in Form einer „Höheren Knaben- und Mädchenschule der Gemeinde Heumar“ an der Porzer Hauptstraße 89 bereits zum Schuljahresbeginn 1908.
Doch von 1910 an wurden dem Bürgermeister von Gegenspielern im Rat und durch öffentliche Anfeindungen in der örtlichen Presse zunehmend Steine in den Weg gelegt. Das gipfelte in Prozessen wegen Beleidigung bis in die höchste Instanz, die Lütz gegen den Redakteur Johannes Breddemann von der Volks-Zeitung anstrengte.
In den Kriegsjahren dann war Lütz’ Amtsführung von den zermürbenden Anstrengungen ums Überleben der Bevölkerung in der Not geprägt – einem Kampf, der „zunehmend auch gesetzliche Vorschriften und Anordnungen der Behörden unterlief“, wie Raudsep schildert.
Aus Ratsprotokollen und weiteren Quellen hat der Heimatforscher ein Zeit- und Sittenbild von Porz zusammengetragen– ohne das Wirken von Rudolf Lütz sähe der Stadtbezirk anders aus. Das ist sehr spannend zu lesen und wird eingebettet in weitere Forschungsergebnisse zum „Leben und Sterben in Porz“ vor 1920.
Band 44 des Jahrbuchs ist im örtlichen Buchhandel zu beziehen oder per Mail über den Geschichts- und Heimatverein Rechtsrheinisches Köln.
h.schuetzendorf@ghv-koeln.de
