Endlich die Nummer 50 entdeckt
Ensen-Westhoven – Einen Markierungsstein von beachtlichen Ausmaßen am Rheinufer zu finden, kann doch eigentlich nicht so schwer sein – sollte man denken. Die Bürgervereinigung Ensen-Westhoven muste aber einigen detektivischen Spürsinn aufbieten und sich durch Weißdorn- und Brombeer-Dickicht hoch am Ufer hacken. Endlich gelang in Höhe des heutigen Stromkilometers 679,4, direkt vor den Mauern der Anliegergrundstücke, der Fund.
„Myriameterstein“ heißt die Markierung aus dem 19. Jahrhundert, die Jörg Pfennig und Wolfgang Pütz von der Bürgervereinigung jetzt stolz präsentieren können. „Es ist der einzige erhaltene Stein dieser Art im gesamten rechtsrheinischen Köln“, sagt Jörg Pfennig. In Abstimmung mit dem Römisch-Germanischen Museum und der Denkmalpflege soll die historische Strommarkierung jetzt möglichst sichtbar gemacht und vielleicht behutsam restauriert werden.
Die Geschichte der Myriametersteine am Rhein reicht zurück ins 19. Jahrhundert. Die „Central-Commission für die Rhein-Schiffahrt“ , deren Gründung auf Beschluss des Wiener Kongresses von 1814/15 zurückgeht und die in Mainz ihren Sitz hatte, war mit Vertretern der Rheinanliegerstaaten Baden, Bayern, Frankreich, Hessen, Nassau, Niederlande und Preußen besetzt. Sie ordnete 1864 erstmals eine Gesamtvermessung des Rheins an, nachdem der Strom seit 1817 begradigt worden war.
Die Vermessung sollte an der Mittleren Brücke zu Basel beginnen (heute Rheinkilometer 166,6) und an der Rheinmündung in den Niederlanden enden. Die Ergebnisse der Vermessungen sollten an beiden Flussufern in jeweils zehn Kilometer Entfernung durch Vermarkungssteine gekennzeichnet werden. Der Name Myriametersteine geht auf das altgriechische Wort Myrias zurück, das Zehntausend bedeutet. Ein Myriameter entspricht 10 000 Metern.
Die Vermessung des Rheinstromes erfolgte kurz nach der Einführung des metrischen Maßsystems in Deutschland, das mit einem königlichen Erlass der „Maß- und Gewichtsordnung für den Norddeutschen Bund“ 1868 begann. Die Vereinheitlichung bedeutete das Ende eines bunten Allerleis an vorher gebräuchlichen Maßen wie Fuß, Elle und verschieden langen Meilen.
Den Myriametersteinen war allerdings keine lange Gültigkeitsdauer beschieden. Schon von 1883 an wurden sie entlang des Rheins durch Landeskilometrierungen ersetzt. Inzwischen sind nur noch etwa 70 erhaltene Myriametersteine bekannt. Der jetzt wiedergefundene Stein auf der Grenze zwischen Porz und Ensen trägt in römischen Ziffern die Nummer 51. Der Nachbarstein mit der Nummer 50 in Lülsdorf ist erhalten, „die Steine 52 und 53, die etwa auf Höhe von Deutz und Stammheim gestanden haben, gibt es nicht mehr“, sagt Jörg Pfennig. Das nächste erhaltene rechtsrheinische Exemplar steht in Monheim.
Wie seine einst viele Hundert Brüder links und rechts des Rheines misst auch der Porzer Myriameterstein etwa einen halben Meter im Quadrat, ist samt Sockel etwa 1,20 Meter hoch und läuft oben in eine flache vierseitige Pyramide aus.
Farbreste auf dem behauenen Exemplar aus Ibbenbürener Sandstein lassen erkennen, dass er ursprünglich schwarz-weiß beschriftet war. Die westliche Rheinseite weist die Nummer des Steins mit der römischen Ziffer „LI“ aus (für 51, also 51 Mal die Myriade von 10 000 Metern). Darunter ist die Höhe über dem seinerzeit maßgeblichen Amsterdamer Pegel (Amsterdams Peil) eingemeißelt, nämlich 47,197 Meter.
Bemerkenswert an gerade diesem Stein ist nach Einschätzung der Bürgervereinigung die ungewöhnliche, künstlerisch geschwungene Gestaltung des Buchstabens „L“ in der Zahl. „Da war ein Künstler am Werk“, vermutet Wolfgang Pütz. Eine zweite Besonderheit des Steins ist eine nachträglich unter der Pegelhöhe eingefügte Metallkugel, die eine Hochwassermarkierung darstellt. Das Rheinhochwasser von 1882 erreichte 10,52 Meter nach Kölner Pegel und wurde erst von den Hochwasserständen in den Jahren 1993 und 1995 übertroffen. Auf der Rückseite des Steins sind die Entfernungen bis nach Basel (510 Kilometer) und Rotterdam ( 314,450 ) eingehauen. Auf der Unterstrom-Seite findet sich die Entfernung bis zur niederländischen Landesgrenze (184,404 Kilometer) und auf der Oberstrom-Seite die Entfernung bis zur damaligen preußisch-hessischen Landesgrenze bei Bingen, nämlich genau 147,708 Kilometer.
Nachdem der Heimatforscher Peter Bröhl ein Verzeichnis sämtlicher Markierungen am Rhein zusammengestellt hatte, war die Bürgervereinigung schon seit Beginn des neuen Jahrtausends daran interessiert, den einst auf Porzer Boden aufgestellten Stein zu finden. „Aus einem Briefwechsel zwischen dem früheren Vorsitzenden Hans Kalscheuer und dem heimatgeschichtlich interessierten Mitglied Götz Harmel haben wir erfahren, dass Harmels Forschung schließlich erfolgreich war“, schildert Pfennig die Spurensuche. Im Jahr 2004 habe Harmel vermeldet, sein elfjähriger Enkel habe den Stein nach intensiver Suche im Gestrüpp aufgespürt.
„Danach war der Fund wieder in Vergessenheit geraten; wir haben den Stein jetzt aufgrund der genauen Positionsangabe wiedergefunden“, berichtet Pütz. Die Archiv-Mitarbeiter der Bürgervereinigung haben selbsttätig Stein und Sockel freigelegt und dabei Hinweise auf einen einst gepflasterten, direkten Zuweg vom Rhein her gefunden. „Wenn möglich, wollen wir dieses steinere Denkmal der Öffentlichkeit zugänglich oder es zumindest vom Ufer her sichtbar machen“, sagt Pfennig. Dafür wären allerdings Eingriffe in den Böschungsbewuchs nötig, was mit dem Umweltamt abgesprochen werden muss. „Vielleicht gelingt es uns sogar, Spenden zusammenzutragen, damit die verwitterten Inschriften wieder deutlicher zutage treten“, hofft Pütz.
Jedenfalls kann der Denkmalpflege-Liste noch erhaltener Myriametersteine jetzt das einzige rechtsrheinische Kölner Exemplar hinzugefügt werden. Es ist ein bedeutendes Zeugnis einer Zeit, als die Rheinanliegerstaaten erstmals etwas Gemeinsames planten und ausführten.
Jörg Pfennig
Wolfgang Pütz
