Von tiefer Verzweiflung zu süßem Trost

Marc Jaquet dirigierte den ersten Teil des Requiems mit Solisten und Chor; später übernahm die Wahnheider Kantorin Kayo Ohara. Foto: bl
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Wahnheide – Verdammnis und Erlösung, Höllenqualen und Hoffnung sind in der Messa da Requiem, die Giuseppe Verdi im Jahr 1873 komponierte, nur ein paar Takte voneinander entfernt. Aber wie viel Verzweiflung und andererseits wie viel Zuversicht hat der Komponist in diese Vertonung von innerem Widerstreit menschlicher Empfindungen in Aussicht auf Tod und Jüngstes Gericht gelegt! Die Besucher der Requiem-Aufführung in der Wahnheider Martin-Luther-Kirche zeigten sich ergriffen und begeistert.
Verdis Requiem stellt als geistliches Werk eine Besonderheit im Schaffen des Komponisten dar, der vorwiegend mit seinen Opern Weltruhm erlangte. 1874 zum Jahrestag des Todes von Alessandro Manzoni, den Verdi als italienischen Nationaldichter bewundert hatte, wurde das Requiem mit 120 Chorsängern und 100 Orchestermusikern im Dom zu Mailand uraufgeführt. Die Aufführung in Wahnheide und einen Tag später in der Bonner Lutherkirche erfolgten gleichfalls mit eindrucksvoll großem Chor, wurde in einer Fassung für kleines Orchesterensemble geboten.
Marc Jaquet und Kayo Ohara hatten das Werk mit ihrem jeweiligen Chor, der Kantorei der Lutherkirche Bonn und der Lutherkantorei Köln einstudiert und wechselten sich am Dirigentenpult ab. Sie führten die großen Ensembles zu einem homogenen, eindrucksstarken Klangkörper zusammen. Intonationssicher, strahlend in den Höhen, aufmerksam und bis ins Pianissimo sehr gut verständlich trugen die fast 130 Sängerinnen und Sänger die musikalische Botschaft weiter. In der Doppelfuge, die Verdi für das Sanctus komponiert hat, wurde der große Chor stark gefordert und musste in allen Stimmen punktgenauen Einsatz zeigen .
Im Wechsel zwischen Chor und Solisten bot sich die Messe auf der Bühne wie ein hochdramatisches Theaterstück dar. Mit ihren Stimmen ließen die Chormitglieder und Solisten das ganze Szenario erstehen, das gläubige Christen bei der Begegnung mit Gott nach dem Tod erwarten.
Die lateinische Messe wurde mit italienischer Aussprache gesungen; ein Textheft mit deutscher Übersetzung half den Besuchern, sich noch intensiver auf den gefürchteten Tag der Rache einzulassen und an der wiederkehrenden, zu Herzen gehenden Bitte um Gnade und ewige Ruhe teilzuhaben.
Die Sänger und Instrumentalisten ließen das Höllenfeuer lodern, den Tag der Tränen wie ein Unwetter über die Menschheit hereinbrechen. Schneidender Schmerz dringt bei Verdis Komposition aus den Klageliedern der armen Seelen. Und wie ein sanft kühlender Wind lindert kurz darauf die Anrufungen Jesu als Erlöser die Pein. Bis zum „Libera me“ (Befreie mich) am Ende bleibt der Widerstreit präsent. Keineswegs entlässt das Requiem die Gäste erlösungsgewiss und selbstzufrieden, sondern mahnt bis zum letzten Ton zur Umkehr.
Mit der Wahl der Musiker im kleinen Orchester, zu dem ein Horn, ein Xylophon und eine Pauke gehörten, bewiesen die Konzertleiter eine glückliche Hand. Das galt mindestens im gleichen Maß für die Wahl der Solisten. Mine Yücel (Sopran) begeisterte in der Anrufung des verzeihenden Gottes. Yamina Maamar (Mezzosopran) ließ stimmgewaltig die Wendung von Trauer zu süßem Trost aufscheinen. Ray M. Wade (Tenor) überzeugte in tiefem Gram und luzider Hoffnung und Thomas Peter (Bassbariton), der als Ersatz für Ralf Rhiel sang, verkörperte Schuld, Zerknirschung und Flehen sehr eindrucksvoll. Anhaltender Beifall belohnte Ensemble und Doppel-Leitung.
