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Inklusion in Köln-RodenkirchenEin Haus mit WGs für Schwerstbehinderte und Studenten

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Studentin Hannah Gräfen (r.), Christiane und Alina Strohecker (l.) vor dem noch leeren Baufeld

Rodenkirchen – Alina, 19, und Hannah, 27, kennen sich seit zwölf Jahren. Alina ist blind, sitzt im Rollstuhl und kann sich nur schwer mitteilen. Sie ist geistig behindert. Hannah Gräfen sieht ihr trotzdem sofort an, wie es ihr geht, oder wenn ihr etwas nicht gefällt. Kein Wunder, denn die Lehramtsstudentin gehört fast zur Familie. Mit zwei weiteren Studenten sorgt sie stundenweise für Entlastung der Angehörigen. Sie gehen mit Alina spazieren, hören gemeinsam Adele oder Helene Fischer und schaukeln – ein Modell, das Mutter Christiane Strohecker nun auch auf das künftige Zuhause ihrer Tochter übertragen möchte: ein inklusives Wohnprojekt auf dem Sürther Feld.

Die GAG baut dort für 2,7 Millionen Euro ein Haus mit elf Wohnungen. Die Idee für die Aufteilung hat Strohecker mit ihrem Verein „Inklusiv Wohnen“ entwickelt: zwei Wohnungen, in denen Menschen mit Behinderung allein leben können. Zwei große Wohngemeinschaften für jeweils fünf Menschen mit Behinderung und vier Studenten. „Wohnen für Hilfe“ heißen Konzepte, an denen sich die Idee orientiert: Unterstützung bei der Hausarbeit, Anwesenheit und Einkaufen gegen reduzierte Miete oder mietfreies Wohnen. Finanziert werden soll das mit Zuschüssen, die den behinderten Bewohnern zustehen. Zwei Appartements sollen zudem an Studenten, fünf weitere an andere Bewohner vermietet werden. Im Erdgeschoss plant Strohecker ein Gemeinschaftszimmer mit Terrasse. Sie wünscht sich, dass Menschen mit und ohne Behinderung und auch unterschiedlich schwer Behinderte zusammenleben.

Etwas tun gegen die „Kehrseite der Inklusion“

Sie will damit etwas gegen das unternehmen, was sie „Kehrseite der Inklusion“ nennt. „Menschen mit Behinderungen wie Alina kommen in der Regel in stationäre Betreuung, das heißt in Heime“, sagt sie. Weil aber etwa der zuständige Landschaftsverband Rheinland (LVR) seit Jahren dem Grundsatz „ambulant vor stationär“ folgt, ziehen viele aus den Heimen aus – zumindest jene, die mit Unterstützung auch in konventionellen Wohnungen selbstständig leben können. Der LVR zahlt Zuschüsse für Assistenten und Umbauten, die für selbstbestimmtes Wohnen nötig sind. Auch für die stationäre Unterbringung ist er zuständig. „Übrig bleiben die Schwerstbehinderten“, sagt Strohecker. Doch die Suche nach einem Heimplatz werde deshalb nicht einfacher. Die stationären Plätze werden nach und nach abgebaut.

Wohnungsmarkt ist ein Problem

Im Jahr 2004, als der LVR begann, die ambulante Versorgung systematisch zu fördern, lebten noch rund 80 Prozent der unterstützten Menschen mit Behinderung in Wohnheimen. Ende 2014 leben hingegen 4826 Kölner Hilfeempfänger, das sind 70 Prozent, in eigenen Wohnungen oder WGs mit ambulanter Betreuung. „Heute können deutlich mehr Menschen mit Behinderung selbstständig wohnen und leben“, teilt LVR-Sprecher Michael Sturmberg mit. Gleichzeitig finanziert der Verband in Köln vier Beratungsstellen, die Menschen mit geistiger Behinderung in den Bereichen Freizeit, Arbeiten und Wohnen unterstützen. Grundsätzlich sei der LVR „bereit und in der Lage, auch komplexe Hilfebedarfe ambulant zu finanzieren“, so Sturmberg weiter. Problematisch sei hingegen der angespannte Wohnungsmarkt.

Stroheckers Suche nach einer geeigneten Wohnung für Alina schien ihr wenig aussichtsreich. Ein stationärer Platz in einem Heim wurde ihr 150 Kilometer entfernt angeboten. Also gründete sie 2013 einen Verein und beauftragte einen Architekten mit ersten Entwürfen. Lange fand sie kein geeignetes Grundstück. Zu Hilfe kam ihr die GAG, die ein Baufeld auf dem Sürther Feld erwarb. Das kommunale Unternehmen wird das Haus bauen und verwalten.

Ein Modell mit Zukunft in Köln-Rodenkirchen

Die GAG besitzt bislang keine vergleichbare Immobilie. Die Organisation des Hauses wird Stroheckers Verein übernehmen, der sich auch mit 200.000 Euro an Entwicklungskosten und Ausstattung beteiligen wird. Elmar Lieser vom Sozialmanagement der GAG: „Das ist ein Modell, das Zukunft haben wird. Wenn einer weiß, welche Wohnungen Menschen mit Behinderung brauchen, sind das die Angehörigen“, sagt er. Der Bauantrag ist eingereicht. Strohecker will keine Prognose abgeben, wann die ersten Bewohner einziehen. Die GAG rechnet mit Ende 2017. Das Neubaugebiet wird damit auch zu einem Experimentierfeld für neue Wohnformen.