Frauen in NotAuf der Flucht vor dem Ex-Mann

Maren Benner bestärkt Abida Nowak auf ihrem Weg in die Unabhängigkeit.
Copyright: Ulrike Süsser
Kalk/Rodenkirchen – Seit 15 Monaten lebt Abida Nowak (Name geändert) mit ihren Kindern in einem Kölner Frauenhaus. Sie fühlt sich dort sicher, aber längst ist sie bereit für ein „normales“ Leben. Sie möchte raus, eine eigene Wohnung finden, einen Beruf erlernen, im sozialen Bereich vielleicht. Und sich bei einem Tanzkurs anmelden. „Ich war noch nie in einer Diskothek, ich bin ja mit 17 Mutter geworden“, sagt sie. Das war vor 20 Jahren ungefähr. Genaue Angaben macht sie lieber nicht – tief in ihr drin sitzt noch die Angst, dass ihr Ex-Lebenspartner, ihr Peiniger, sie finden könnte. Der sitzt zwar im Gefängnis, aber nicht für immer.
Wie schwer es ist, ein neues Leben zu beginnen, schildert Abida Nowak in der Frauenberatungsstelle und im Gewaltschutzzentrum „Der Wendepunkt“ der Diakonie Michaelshoven. Sie hat sich dort mit der Sozialarbeiterin Maren Benner getroffen. Sie hört aufmerksam zu, wenn die 37-Jährige von ihren Träumen erzählt, von den Rückschlägen und von den Schwierigkeiten, die hinter ihr liegen – und die sie noch vor sich hat. Die Erinnerung wühlt Abida auf, treibt ihr die Tränen in die Augen. Und doch will sie reden, um anderen Frauen Mut zu machen. „Es gibt immer einen Weg“, sagt sie, irgendwie trotzig.
Die attraktive gepflegte Frau wirkt offen und voll Energie, trotz der Gewalt, die sie erlebt hat. Die Drohungen, das Erniedrigen, die Schläge, das Einsperren haben sie nicht gebrochen. Viel Unterstützung hat sie gebraucht und auch erhalten von städtischen Behörden und sozialen Einrichtungen. Abida Nowak wurde in Köln geboren, die Eltern stammen aus Bosnien. Mit 17 hat sie geheiratet und zog ins Ruhrgebiet. Zwei Kinder brachte sie zur Welt. Dann kamen nach zehn Jahren die Scheidung und erstmals ein Umzug ins Frauenhaus. Aber der gewalttätige Ex-Mann ließ sie auch dort nicht in Ruhe und bedrohte sie immer wieder. „Das wirst du nicht überleben“, schrie er sie an. Die Familienhilfe riet ihr, in eine andere Stadt zu ziehen und ein ganz neues Leben zu beginnen.
Den Rat hat sie befolgt. Mit 27 startete sie in einer anderen Stadt im Ruhrgebiet, sagen wir Gelsenkirchen. Zum zweiten Mal fand sie Hilfe und Unterkunft in einem Frauenhaus. „Ich konnte anfangs monatelang nichts essen“, sagt sie rückblickend. Aber sie hat sich aufgerafft, zog in eine eigene Wohnung. Mit Arbeitslosen- und Kindergeld und Unterhaltsvorschuss kam sie einigermaßen über die Runden. Unterstützung von ihren Eltern erhielt sie nie. Kontaktfreudig wie sie ist, lernte Abida Nowak schnell Freunde kennen – und wurde schwanger von einem Mann, dessen Frau und Kind in der Türkei auf ihn warteten. Als sie das erfuhr, beendete sie die Beziehung abrupt und entschied sich trotz allem für das Kind. „Ich war damals eine starke Frau“, sagt die 37-Jährige.
Das Jüngste war gerade ein paar Monate alt, als es wieder passierte. Ein neuer Mann kam in ihr Leben, nennen wir ihn Pamuk. 1,90 Meter groß, gut aussehend. Sie fand ihn sympathisch, zuvorkommend. „Ich mochte ihn sehr und dachte, das ist ein Guter“, berichtet sie. Sie hatte sich getäuscht. Anfangs passte ihm die Art nicht, wie sie sich kleidete, dann nahm er ihr Laptop und Handy weg. Eifersüchtig und aggressiv sei er gewesen, auch Kontakte zu Freundinnen habe er verboten. Ein „Nein“ habe er nicht akzeptiert. Als sie erneut ein Kind erwartete, habe er die totale Kontrolle über sie ausgeübt. „Ich wusste nicht, wie ich mich wehren sollte“, sagt sie.
Maren Benner berichtet aus ihrer Erfahrung, dass die Unterdrückung oftmals besonders schlimm wird, wenn die Frauen schwanger oder die Babys gerade geboren sind. Die Hilflosigkeit werde ausgenutzt. Dabei seien viele der Männer nach außen hin besonders höflich und Meister darin, Taten zu verschleiern.
Auch Abida ging es so. „Er war ein Monster, ein Blender und Lügner“, sagt sie. Die Außenwelt habe das aber nicht gemerkt. Für die blauen Flecken habe er stets Ausreden erfunden. Selbst die Familienhilfe, die auf Vermittlung des Jugendamtes nach der Geburt einmal in der Woche in der gemeinsamen Wohnung vorbeischaute, ahnte nichts. Die junge Mutter blieb still. „Er stand ja ständig neben mir, da konnte ich mich nicht äußern“, schildert sie.
Zweieinhalb Jahre hielt sie durch, bis die Gewalt eines Tages eskalierte. Polizei und Jugendamt wurden verständigt und erkannten die brisante Lage. Für Abida Nowak und ihre Kinder war das die Rettung. Glücklicherweise gab es gerade in einem Kölner Frauenhaus ein freies Familienzimmer. Die Wohnungssuche gestaltet sich dagegen nun schon seit gut einem Jahr äußerst schwierig: Angespannter Wohnungsmarkt, zu wenige Sozialwohnungen und die persönlichen Umstände. „Nee, nee, keine Kinder“, bekomme sie oft zu hören, sagt die Betroffene und: „Es haftet ein Stigma an dir, wenn du Arbeitslosengeld bekommst.“
Dabei sei es doch ganz sicher, dass das Jobcenter die Miete pünktlich bezahle, meint Sozialarbeiterin Maren Benner. Mindestens zehn Wohnungen hat sich Abida Nowak mit Hilfe der Diakonie Michaelshoven angeschaut, jedes Mal wurde sie abgelehnt. Zuletzt sei ihr für Juni eine Wohnung fest zugesagt worden. „Und dann war sie doch plötzlich weg“, erzählt sie. Dennoch glaubt Abida Nowak fest daran, dass ihr der erneute Neustart diesmal gelingen wird, getreu ihrem Motto: „Es gibt immer einen Weg“.
