Tag am SeeEine Menge Verkehr am Kalscheurer Weiher

Im Tretboot über den See – Eva, Johann und dahinter Barbara und Cesar aus Mexiko sind begeistert.
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Köln – Frau Walterscheidt ist ziemlich kurz angebunden. Morgens ist sie das immer. Am Nachmittag hingegen, wenn nette Leute wie die vier Spanisch sprechenden Besucher am Ufer entlangschlendern, kann sie auch sehr einladend wirken.
Das neben Frau Walterscheidt liegende Tretboot heißt Jo. Es ist benannt nach einem jungen Kölner Familienvater, der auf dem Südfriedhof begraben liegt. Seine Witwe Bernadette und die drei Kinder entdeckten bei ihren häufigen Besuchen am Grab irgendwann zufällig den Kalscheurer Weiher und die dortige Kahnstation.
Spontan regte sich der Wunsch, eine Bootspatenschaft zu übernehmen und auf diese Weise nicht nur eine schönere Erinnerung zu verankern, sondern den Kindern damit auch einen Freizeitspaß ermöglichen zu können.
Als der Weiher noch „Lido“ hieß
Wie viele Kölner Grünanlagen basiert auch das in Eifeltornähe gelegene, um 1928 volksparkartig angelegte Gebiet um den Kalscheurer Weiher auf Plänen des Gartenarchitekten Fritz Encke, der unterstützt von Konrad Adenauer beim Ausbau der Kölner Festungsringe zu Grüngürteln mitwirkte. (she)
Die Hintergründe der anderen Bootspatenschaften sind nicht alle so anrührend wie die Geschichte von Jo, aber sie vermitteln ein Gefühl für das besondere Engagement des Vereins „Unser Kalscheurer Weiher“, der vor fünf Jahren aus einer Bürgerinitiative zur Erhaltung von Kahnstation und Kiosk hervorging und seitdem beides betreibt und dort vieles andere ehrenamtlich auf die Beine stellt.
Dass auf der anderen Seite des Weihers, nämlich auf dem Parkplatz an der Straße Am Eifeltor ebenfalls ein Tätigkeitsfeld liegt, dämmert mir erst nach einsetzender Dunkelheit, kurz nachdem ich meinen Campingbus dort zum Übernachten abgestellt habe.
„Es gibt hier offenbar in mehrfacher Hinsicht eine Menge Verkehr“, kläre ich meine Berner Sennenhündin auf, die überrascht mit anschaut, wie ich das eben erst aufgestellte Fahrzeugdach nebst Bett wieder runterklappe und mich wieder hinters Steuer setze.
Am Morgen hocke ich deshalb leicht unausgeschlafen auf der Bank neben der herrlichen Rotbuche und betrachte die Wasseroberfläche, über die feine Nebelschwaden hinwegziehen wie der Rauch einer ausgeblasenen Kerze.
Es ist gerade mal halb acht und total friedlich – abgesehen von einer Gruppe von Gänsen, die sich laut schnatternd und flügelschlagend vor der Insel positioniert, die vor 50 Jahren noch regelmäßig angeschwommen wurde.
„Damals gab es die Autobahn da hinten noch nicht, und das ganze Gebiet war belegt“, erinnert sich Jürgen Maus. Er sei hier selber früher baden gegangen, als man den Weiher noch „Lido“ nannte, erinnert sich der Frührentner und berichtet, dass er mit dem Fernglas Wasserschildkröten auf der Insel gesehen habe.
8.40 Uhr: Über der Krone der Rotbuche lässt sich die Sonne blicken. Bald wird der silbrige Glanz des Morgentaus von den Wiesen verschwunden ist. „Das ist eine regelrechte Oase hier“, stellt Margot Mühlberger fest. Im Gegensatz zu anderen Kölner Grünanlagen gebe es auch „kein Müllproblem hier“, ergänzt Fahrradfahrerin Regina Motsch. „Da wo kein Dreck liegt, wird nämlich auch keiner hingeschmissen“, glaubt sie.
Signal für die Bockwurst
Wir passieren eine römische Grabkammer auf der noch im Schatten liegenden Weiherseite, bewundern Weiden, Eschen, Pappeln und Kiefern, entdecken ein uraltes Schild, das auf das „Wassereinzugsgebiet des Trinkwasserwerkes Hohenkirchen“ hinweist. „Im Krieg war das hier ein Löschweiher“, weiß Regina Motsch.
Für Gertrud und Kurt Spoden ist das Seeufer einfach nur die beste Sonnenterrasse. Von morgens bis nachmittags sonnt sich das Sülzer Ehepaar auf den mitgebrachten Liegestühlen. In der Ferne sieht man Polizeiautos vorfahren. Sollte womöglich jemand ganz unverfroren ins Wasser gestiegen sein? – Ein junger Mann gibt Entwarnung. kein Ernstfall, sondern Dreharbeiten für eine Reality Soap.
Die Einzigen, die pudelnass zurück ans Ufer kommen, sind Vierbeiner, die sich den Pelz gekühlt haben. Im Gegensatz zu der Situation vor ein paar Jahren, als der Wasserstand noch geringer gewesen und der Weiher umgekippt sei, sei nun alles gut, meint ein 86-Jähriger und weist auf die Stelle mit der Frischwasserzufuhr. Das Einzige was ihn ärgert, sind die Leute, die mit ihren Kindern kommen und Brot ins Wasser werfen.
Am Holzkiosk läutet eine Glocke – ein Signal, dass die Bockwurst fertig ist. Knapp 50 Gäste sitzen am frühen Abend am Seeufer und lassen den Sommertag mit kühlen Getränken ausklingen. Danach bringt jeder seine leere Flasche zurück und stellt sie in eine der bereitgestellten Getränkekisten.
Im Hintergrund schleift Marita Bläser eine unansehnliche Bierbank ab und verpasst ihr einen neuen Anstrich. Ein anderer ehrenamtlicher Helfer assistiert Besuchern beim Einsteigen ins Tretboot. Und schwupp ist die eben noch kurz angebundene Frau Walterscheidt völlig losgelöst und in Fahrt.
