StrandbadSchwimmvergnügen vor 100 Jahren

Das ehemalige Strandbadgelände ist immer noch ein Naherholungsgebiet.
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Rodenkirchen – Es war heiß im Sommer 1911, und die Badelust in Köln erreichte eine „ungewöhnliche Blüte“. So steht es in einem städtischen Bäderbericht von damals. Das feuchtfröhliche Treiben der Wasserratten kam aber nicht bei allen Bürgern gut an; es erregte Missfallen bei so manchem Moralapostel. Der Kölner Theologe Carl Joseph Mausbach (1861-1931) soll das Strandleben am Rhein einmal als „dauerndes Zusammensein völlig nackter Personen“ beschrieben haben.
Ein anderes Mal habe er von ungenügender Badetracht und einer wachsenden öffentlichen Schamlosigkeit gesprochen und strikte Trennung der Geschlechter gefordert, berichtet die Historikerin und Stadtführerin Bettina Bab vom Kölner Frauengeschichtsverein.
Von „nacktem“ Badevergnügen kann freilich nicht die Rede sein, schließlich kamen die Menschen züchtig daher. Die Frauen trugen um die Jahrhundertwende einen Rock über der Badekleidung, zu viel Bein zu zeigen war tabu. Später war die Pumphose der modische Hingucker. Der Mann steckte um 1900 im Ringeltrikot.
Zu einer Ortsbesichtigung lädt Cornelius Steckner am 28. Juli um 12 Uhr ein. Treffpunkt ist am Kanu-Club Grün-Gelb (KCG), Uferstraße 81, nahe Minigolfplatz. Am 22. August gibt es einen Info-Abend zum Strandbad mit Cornelius Steckner, 19.30 Uhr, Stadtteilbibliothek, Schillingsrotter Straße 38. Weitere Auskünfte unter der Telefonnummer 39 58 32.rodenkirchenerinnertsich@googlemail.com
Der Frauengeschichtsverein bietet regelmäßig Rheinfahrten mit viel Information über das Leben von Frauen am Rhein an, ansonsten frauengeschichtliche Rundgänge in Köln. Anmeldung unter 0221/24 82 65www.frauengeschichtsverein.de
Zur Zeit der Gründung des Rodenkirchener Bades, 1912, gab es bereits das privat geführte, mondäne Strandbad auf der rechten Rheinseite bei Porz-Langel und ein kleineres Strandbad in Worringen. Volksbäder und Fluss-Schwimmbecken bestanden schon länger. (süs)
Um die angebliche „Bedrohung von Ästhetik und Moral“ einigermaßen kontrollieren und – laut Badebericht – „Gefahren von den Badenden“ abhalten zu können, entschloss sich die Kölner Stadtverwaltung, ein städtisches, überwachtes Strandbad zu bauen, in Zusammenarbeit mit Rodenkirchen, das damals noch nicht eingemeindet war. Ein anderer wesentlicher Grund waren die zahlreichen Unfälle, die sich damals beim beliebten und unkontrollierten Schwimmen im offenen Rhein ereigneten.
Eröffnung des städtischen Strandbades vor hundert Jahren
Fürs neue Strandbad pachtete die Stadt von der Strombauverwaltung des Bundes einen Geländestreifen bei Rodenkirchen und errichtete 1912 das öffentliche Bad auf einer Länge von etwa 400 Metern zwischen drei Buhnen. Die Abgrenzung zum offenen Wasser war ein Steg, unter dem ein Drahtgeflecht aufgehängt war. Heute befinden sich auf dem Areal hauptsächlich der Kanu-Club Grün-Gelb (KCG), der Rhein Kanu Club Köln (RKC), die Freie Wassersportvereinigung Köln (FWVK).
Der Kölner Stadtbaumeister Karl Rehorst und die Rudervereine hatten als Initiatoren die Planungen vorangetrieben. „Der Kölner Süden war damals ein angesehenes Ruder- und Kanuzentrum, der deutsche Ruderverband hatte sich hier schon im März 1883 gegründet“, sagt der Historiker und Rodenkirchen-Kenner Cornelius Steckner, der sich zurzeit mit der Gründung des Strandbades vor 100 Jahren befasst und im Juli und August Veranstaltungen zum Thema geplant hat.
Festliche Eröffnung 1912
Am 23. Juni 1912 wurde also die festliche Eröffnung gefeiert an der heutigen Uferstraße 81-77, in der Nähe des Minigolfplatzes. Ungefähr 250 000 Goldmark habe die Stadt für das Bad ausgegeben, berichtet Steckner. Es bestand aus je einer strikt getrennten Männer- und Frauenabteilung. Ab 1914 kam auf Drängen der fortschrittlichen Ruderer ein großer Abschnitt fürs Familienbaden dazu. Ein Zaun trennte die Bereiche trotzdem. Zum ersten städtischen Strandbad in Köln gehörten zwei gesonderte Auskleidehäuser für Frauen und Männer, sie waren auf Stelzen errichtet wegen der Hochwassergefahr. Auch ein Restaurant und Aborte entstanden. Eine Dampfer-Anlegestelle wurde extra gebaut, für eine regelmäßige Verbindung zwischen Köln und Rodenkirchen.
Die meisten Badefreunde kamen aber mit der Rheinuferbahn. Als Shuttle zwischen Bahnhof und Fluss wurden Droschken und später eine elektrische Straßenbahn eingesetzt. Ein Schweizer Unternehmer pachtete das „Strandschlösschen“, das sich noch an der Uferstraße befindet. Der Wirt ließ Milch ausschenken und bot Milchkuren an. Ein Verwalter wohnte in einem eigenen Fachwerkhaus, das steht auf dem Gelände des FWVK.
Die „Britz“ und der „Fall von Rodenkirchen“
Vom 23. Juni bis zum 19. Juli wurden rund 27 000 Badekarten verkauft, davon 19 000 an Männer und 8000 für die Frauenabteilung. Der Eintrittspreis betrug zehn Pfennig. Kinder unter 14 Jahren zahlten die Hälfte und hielten sich in der Frauenabteilung auf. In der gesamten Badesaison 1912 wurden 47 000 Badegäste gezählt, ein Jahr später bereits 67 000.
Das Strandbad kam gut an bei den Kölnern und Rodenkirchenern. „Es ging lebendig zu“, sagt Cornelius Steckner. Nur die Geschlechtertrennung missfiel offenbar den Badegästen. Und so kam es am 3. August 1912 zum „Fall von Rodenkirchen“. Am Trennzaun entstand plötzlich ein großes Gedränge, und die „Britz“, wie die Absperrung auf gut Kölsch genannt wurde, verlor die Standfestigkeit. Sie wurde einfach niedergetrampelt.
Der „Kölner Stadt-Anzeiger“, damals eine Beilage der Kölnischen Zeitung, schrieb am 4. August: „Ein großer Teil der badenden Männer, besonders aber die, die ihre Frauen und Kinder im Damenbad hatten, wurden nunmehr zu Überläufern ins Damenbad, und ein regelrechter Familienbadebetrieb war geschaffen, ohne dass die Aufsicht dagegen einzuschreiten vermochte“. Die „Britz“ wurde am 11. August 1912 wieder aufgestellt und erst 1919 offiziell abgeschafft. Den Sturm auf die „Britz“ nahm auch die überregionale Presse zur Kenntnis. Die Berliner Zeitung „Der Tag“ berichtete am 6. August“ mit Humor:
In dem Kölner Strandbad sahstePlötzlich, wie die Menge raste.Männer grollten, Frauen grollten —Weil sie einzeln baden sollten.
Sie empfanden es als bitterDas Geschlechtertrennungsgitter (Doch das Sonderbaden bliebfür den Stadtrat ein Prinzip).
Jedes Bad kriegt erst die Weihe(grollten sie) durch bunte Reihe.Horch, man hört ein dumpfes Murr'nUnd im Wasser wächst der Zurn.
Jetzend fand ein Stürmen stattNach dem Zaun vons Damenbad.Freudig grüßten Frau'n die Gattendie den Zaun zermöbelt hatten...
Aaaaaaber in des Stadtrats SchoßGing ein tiefes Grübeln los: ...
„Bis zum zweiten Weltkrieg war Rodenkirchen das kölsche Ostende“, sagt Cornelius Steckner. Es war eine gesunde Sommer- und Sportkultur entstanden. Dennoch gab es noch bis in die 30er Jahre moralische Bedenken. Die Polizei kontrollierte die Bademode und achtete auf die Einhaltung des „Zwickelerlasses“ von 1932. Paragraf eins der damaligen Badepolizeiverordnung besagte: Frauen dürfen nur öffentlich baden, wenn sie einen Badeanzug tragen, der Brust und Leib an der Vorderseite des Oberkörpers vollständig bedeckt, unter den Armen fest anliegt sowie mit angeschnittenen Beinen und einem Zwickel versehen ist.
Schließung des Strandbades 1939
Während des Krieges kam der Niedergang des Strandbades. 1939 wurde der Betrieb geschlossen. Ruderer und Kanuten nutzen bis 1943 die Umkleideräume als Vereinsheime. Fast noch original erhalten ist heute das ehemalige Herren-Umkleidehaus auf dem FWVK-Gelände. Das ursprüngliche Gebäude der Frauenumkleiden steht auf dem Gebiet des KCG. Auf dem Areal des ehemaligen Strandbades sind inzwischen fünf Kanu-Clubs und der Campingplatz Berger angesiedelt.
Geschwommen wurde trotz der Schließung aber noch bis in die 60er Jahre im offenen Rhein zwischen dem Kapellchen und Weißer Rheinbogen. Allmählich wurde die Wasserqualität schlechter, die Badefreuden waren getrübt.
Heutzutage wird vom Schwimmen im Strom dringend abgeraten. Obwohl in den vergangenen Jahren die Schadstoffbelastung des Rheins immer mehr abnahm, warnen das Landesumweltamt NRW und die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) – wegen gefährlicher Strömungen, mangelnder Hygiene-Kontrollen und wegen des regen Schiffsverkehrs. Cornelius Steckner bedauert, dass die Stadt sich heute zum Fluss hin eher abgrenze – etwa durch Hochwasserschutzmauern. Damals habe sich Rodenkirchen wie ein Amphitheater zum Rhein hin geöffnet, die Kölner nahmen ihn als Binnengewässer an. Dieses große Plus schätze die Stadt zu wenig, findet Steckner. Das meint auch Klaus Weyand, Ehrenvorsitzender des KCG, der noch ganz genau weiß, wo die Britz stand.
Aktuelle Überlegungen für ein neues städtisches Strandbad gibt es nicht. „Der Wunsch wurde bislang nicht an uns herangetragen“, sagt Achim Fischer, Sprecher der Köln Bäder GmbH. Heute dürfe man sich auch nicht mehr mit einem einfachen Steg als Abgrenzung zwischen Bad und offenen Fluss zufriedengeben. Sicherheitsbestimmungen und rechtliche Auflagen sind wesentlich strenger. Zudem könne nicht für eine einwandfreie Wasserqualität garantiert werden.
