Evangelische Gemeinde ZollstockKirche schließt Kölner Kita – Langjähriger Leiter steht ohne Job da

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Das Bild zeigt einen menschenleeren Gruppenraum der evangelischen Kita in Köln-Zollstock.

Die letzten Kinder haben die evangelische Kita in Köln-Zollstock nun verlassen. Die Einrichtung wurde geschlossen.

Die evangelische Kirchengemeinde Zollstock hatte im Mai entschieden, ihre Kita zu schließen. Nun haben die letzten Kinder die seit 1954 bestehende Einrichtung verlassen. Es bleiben Empörung und ein Kita-Leiter ohne Job.

Axel Dantschke ist ein Kita-Leiter ohne Kita. Seit 1983 hat er – erst als Erzieher, später als Leiter – in der evangelischen Kita Melanchthon in Zollstock gearbeitet. Zwischenzeitlich war er einige Jahre in anderen kirchlichen Kitas beschäftigt, kehrte 2015 dann aber als Leiter nach Zollstock zurück. Nun hat die evangelische Kirchengemeinde die Einrichtung geschlossen. Die verbliebenen Kinder sind in eine Kita der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in der Nähe gewechselt, ebenso zwei Erzieherinnen. Axel Dantschke hat Mitte November seine Kündigung erhalten. Sein Arbeitsvertrag läuft noch bis Ende des Jahres. Momentan ist er damit beschäftigt, Akten zu schreddern in der menschenleeren Kita.

„Mit 61 Jahren war ich nun zum ersten Mal in meinem Leben beim Arbeitsamt“, sagt Dantschke. Die Verbitterung ist ihm deutlich anzuhören. „Es lässt sehr zu wünschen übrig, welche Perspektiven mir die evangelische Kirche bietet. Mit christlicher Nächstenliebe hat das nichts zu tun.“ Die Fronten seien inzwischen „sehr verhärtet“.

Köln: Evangelische Kirche schließt Kita aus finanziellen Gründen

Im Mai hatte die Kirchengemeinde unter Leitung des Pfarrers Oliver Mahn völlig überraschend angekündigt, ihre Kita im Sommer 2023 aus finanziellen Gründen zu schließen. Die wirtschaftliche Lage der Kirchengemeinde sei nicht stabil, seit Jahren stiegen die Kosten, während Mitglieder und Finanzkraft verloren gingen. Mahn äußerte in einer Mitteilung im Mai sein Bedauern darüber, „dass wir die Trägerschaft der Kita nicht mehr fortführen können“. Weiter hieß es: „Wir haben Verantwortung gegenüber den Kindern und ihren Eltern sowie unseren Mitarbeitenden. Diese Verantwortung nehmen wir ernst.“

Die Empörung bei Mitarbeitenden, Familien, aber auch Menschen aus dem Stadtteil und darüber hinaus war riesig. Die Einrichtung, die seit 1954 existierte, galt als besonders familiär und als fester Bestandteil des Gemeindelebens und des Viertels.

Eltern und Kinder demonstrieren gegen die geplante Schließung der evangelischen Kita in Köln-Zollstock.

Im Mai demonstrierten Eltern und Kinder gegen die geplante Schließung ihrer Kita.

Kritisiert worden war vor allem die Kommunikation der Gemeindeleitung, die Eltern und Mitarbeitende vor vollendete Tatsachen gestellt hatte. Viele fühlten sich getäuscht, da noch kurz zuvor Verträge mit Eltern abgeschlossen worden waren, deren Kinder ab Sommer neu in die Kita kommen sollten.

Kölner Südstadt-Pfarrer Hans Mörtter kritisierte Kita-Schließung

Doch daraus wurde nichts: Nachdem die Kirche ihre Entscheidung publik gemacht hatte, kündigten mehrere Mitarbeitende. Eltern wurde geraten, sich nach Alternativplätzen für ihre Kinder umzusehen, da der Betrieb möglicherweise nicht bis Sommer 2023 aufrechterhalten werden könne. Und so sollte es auch kommen: Bereits nach den Sommerferien dieses Jahres wurden die ursprünglich zwei Gruppen zu einer zusammengelegt. Etwa die Hälfte der Kinder wechselte in andere Einrichtungen in der Umgebung.

Sämtliche Proteste, Unterschriftenaktionen und Versuche, das Aus für die Kita abzuwenden, scheiterten. Auch Pfarrer Hans Mörtter schaltete sich ein und versuchte zu vergeblich zu vermitteln. Seit dem 1. Dezember ist die Kita nun geschlossen. Die Gemeinde kündigt an, das Gebäude künftig „für die Kinder- und Jugendarbeit und für Familien“ zu nutzen.

„Die Einrichtung wurde im laufenden Betrieb geschlossen. Am 30. November haben wir bis nachmittags hier die Kinder betreut, nebenher auf- und ausgeräumt.“  Axel Dantschke erinnert sich „voller Wehmut, wie ich mit Anfang 20 hier voller Elan gestartet bin“. Ursprünglich hatte die evangelische Kirche allen Mitarbeitenden eine Perspektive „zu gleichen Tarifgrundlagen“ zugesichert.

Auf Nachfrage teilt ein Sprecher des Evangelischen Kirchenverbands Köln und Region dazu mit: „Alle Mitarbeitenden haben Angebote von anderen evangelischen Trägern zur Verfügung gestellt bekommen. Inwieweit diesen nachgegangen wurde, ist die persönliche Entscheidung eines jeden Mitarbeitenden.“ Axel Dantschke kann darüber nur lachen: „Mir wurden Stellenanzeigen der evangelischen Kirche weitergeleitet, auf die ich mich hätte bewerben können“, sagt Dantschke.

Zollstocker Pfarrer Oliver Mahn drohte mit Absage der Martinsfeier

Der Ton zwischen Gemeindeleitung, Kita-Team und Elternschaft hat sich in den vergangenen Wochen und Monaten verschärft. In einer E-Mail an die Mitarbeitenden, die dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ vorliegt, erinnert Pfarrer Oliver Mahn zwei Tage vor der geplanten Martinsfeier daran, dass an dieser ausschließlich die „von uns betreuten Kinder und deren Familien sowie die aktuell bei uns beschäftigten Mitarbeitenden eingeladen werden. Ehemalige Kinder, Familien, Freunde, Mitarbeitende etc. haben nicht zu erscheinen“.  

In seiner Mail warnt Mahn davor, gegen diese „Dienstanweisung“ zu verstoßen, andernfalls sähe man sich gezwungen, die Veranstaltung „ganz zu untersagen“. Außerdem würde dies „entsprechende Konsequenzen nach sich ziehen“ würde.

Die Familien der evangelischen Kita in Köln-Zollstock haben selbst einen Martinszug am Kalscheurer Weiher organisiert.

Die Familien der evangelischen Kita in Köln-Zollstock haben selbst einen Martinszug am Kalscheurer Weiher organisiert.

Anna Sturm, deren Sohn bis zuletzt die Kita besuchte, ist fassungslos über die Androhung, „den Kindern dieses letzte Fest in ihrer Kita“ kurzfristig zu verbieten. „In einer Hauruck-Aktion haben wir Eltern die Organisation des Festes übernommen“ und mit der Unterstützung des Kalscheurer Weiher e.V. dort ein „wunderbares Fest für und mit unseren Kindern und einigen Ehemaligen feiern können“, berichtet die dreifache Mutter.

Sie wirft dem christlichen Träger Empathielosigkeit und fehlendes Fingerspitzengefühl auch in den vergangenen Monaten vor. Auch eine würdevolle Verabschiedung seitens der Kirchengemeinde habe es nicht gegeben. „Ein vormaliger Herzensort schließt seine Tür, ohne Abschied.“

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