Köln – Das Publikum ist überschaubar, das Durchschnittsalter sehr hoch. Es mag an der frühen Uhrzeit an einem Werktag liegen, aber irgendwie passt es: Es gibt nur noch wenige, die in Köln Kölsch sprechen. Und die wenigen sind zumeist recht alt. Auf drei bis höchstens fünf Prozent schätzt Hanjo Schiefer die Zahl der Kölschsprecher. Er ist ins Cafe Mittendrin nach Dünnwald gekommen, um seine Gedichte vorzulesen und von einem ungewöhnlichen Selbstversuch zu erzählen: „Sechs Mond Kölsch, nix wie Kölsch.“
Der 69-Jährige hat sich ein halbes Jahr lang Hochdeutsch verboten, um zu testen, wie es um die kölsche Sprache steht. Das Halbzeitfazit ist ernüchternd: „Kölsch als jesprochene Sproch stirv us.“ Der Alltagstest, den sich der ehemalige Handelsvertreter zugemutet hat, ist hart. Er setzt sich neben Menschen auf Parkbänke oder spricht Wildfremde in Cafés an. Da bekommt man schon mal heftige Reaktionen zurück. Eine Gruppe junger Männer habe ihm sogar Prügel angedroht. Grund war ein Missverständnis: Man hatte die Frage, ob sie denn Kölsch sprechen, als Aufforderung verstanden, sein Bier zu bezahlen.
Im Dünnwalder Café ist er sicher. Überall dort, wo er Termine verabredet, begegnet man ihm wohlwollend und freundlich. Denn auch wenn es kaum noch einer im Alltag spricht, ist das Interesse am Kölschen groß. Die jüngeren wollen etwas wissen über die Sprache, in der sie so viele Lieder singen. Die älteren erinnern sich gerne an alte Zeiten.
Schiefer macht Lesungen, verbindet diese mit viel Kritik an den Schreibregeln der Akademie för uns kölsche Sproch, hat Termine in Schulen verabredet, einem Chor beim Einüben kölscher Texte geholfen und „vill Engagement“ gesehen. Er schwärmt von der Teilnahme bei der Trauerfeier für Ali Kurt, der bei dem Versuch starb, in Stammheim zwei Mädchen aus dem Rhein zu retten. 600 Trauergäste seien aufgestanden, um ihm nach dem Vortrag des Gedichts zu applaudieren, das er Kurt zu Ehren geschrieben hatte. Wahrscheinlich hat die Worte kaum einer verstanden, aber die Botschaft kam an. In Momenten wie diesen hatte er das Gefühl, alles richtig zu machen.
Dialekt nicht mehr weitergegeben
Doch es gab auch Begegnungen, die für viel Frust sorgten. Es ist nicht leicht zu sagen, ob die negativen Erfahrungen tatsächlich immer auf den Gebrauch des Kölschen zurückzuführen sind oder ablehnende Reaktionen andere Gründe hatte. Schließlich ist es kaum einer mehr gewohnt, auf Kölsch angesprochen zu werden. Es gibt nur noch wenige Gebiete in der Stadt, wo das noch anders ist. Wenn er einen Motivationsschub brauchte, habe er sich einen Tag auf auf der Severinstraße oder der Neusser Straße gegönnt. Da sei noch „vill Stolz op dr Stroß“.
Dort machen viele das gleiche wie Hanjo Schiefer, und zwar ihr Leben lang. Doch sie bleiben, wo sie sich wohlfühlen, gehen nicht raus an die Orte, wo es unangenehm werden kann, wenn man so drauf los spricht. Die „kölschfeindlichsten“ Orte, die der Mundart-Dichter bislang in der Stadt ausgemacht hat, seien die Schalterhallen von Banken und Sparkassen. Da habe ihn mancher Angestellter von oben bis unten abschätzig gemustert und dann wohl gedacht „Was will der Opa hier?“ Mitleidig habe man in der Bank nach Eingeborenen zum Übersetzen gesucht.
Eigentlich darf er sich darüber nicht wundern, denn er hat selbst erlebt, was in unzähligen Kölner Familien üblich war. Sein Vater habe ihm als Kind gesagt: „Sprich anständig“. Die „Kraadesproch“ war verpönt. Er habe dann bei den eigenen Kindern aus Angst um deren Zukunft den selben Fehler gemacht. Nun beklagt er die Folgen.
„Sehnsucht nach der Sprache“
„Früher sprach man erst Hochdeutsch, wenn man merkte, dass man von anderen nicht verstanden wird“, sagt der Sprachwissenschaftler Georg Cornelissen vom Institut für rheinische Landeskunde beim Landschaftsverband. „Heute ist Hochdeutsch die Erstsprache, auch weil der Dialekt über Jahrzehnte nicht mehr von den Eltern weiter gegeben wurde.“ Ist das noch umkehrbar? Schiefer machen die vielen neuen kölschen Bands Hoffnung. Er verspürt eine „Sehnsucht nach der Sprache“. Sie ermögliche Identifikation und Zusammengehörigkeitsgefühl. Fast alle, mit denen er intensiver ins Gespräch komme, hätten durchaus Lust, Kölsch zu sprechen. „Mit kölscher Kultur und den kölschen Liedern wird Positives verbunden“, sagt auch Cornelissen. Auf der anderen Seite leide das Kölsche genau wie alle anderen Dialekte in Nordrhein-Westfalen darunter, dass es als „Sprache der Ungebildeten verteufelt“ wurde.
Schiefers Eindruck, dass es nur noch ganz wenige „Kölschsprecher“ gebe, sei nicht falsch. Andererseits sei Kölsch für viele immer noch eine „Unter-Uns-Sprache“. Und es gebe noch Zehntausende, die als Kinder Kölsch auf der Straße gelernt haben, dann aber irgendwann aufgehört hätten, es zu sprechen. In dieser „passiven Sprachkompetenz“ liege ein großes Potenzial, so der Wissenschaftler. „Man muss den Leuten Mut machen, diese Kompetenz wieder zu nutzen.“
So mahnt Cornelissen auch die alten Kölschen, die gerne als Sprachwächter herumlaufen. Ein „reines Kölsch“ habe immer nur eine Minderheit gesprochen. Anstatt sich über „Falschkölsch“ aufzuregen, sollten sie über jeden froh sein, der es versuche.
Mehr als einleuchtend: Pfirsich
Schnaps; auch schön: Schabauskrad (Säufer, Trunkenbold)
Tanz, bei dem sich jeweils zwei Gardisten Rücken an Rücken stehen und sich beim sogenannten „Wibbeln“ die Hintern aneinanderreiben. Der Name kommt vom hervorstehenden (hervorstippen) Hintern (Föttche).
Kreisel; aber auch: Bezeichnung für einen unruhigen Geist bzw. eine hyperaktive Person
Rosenkohl; wird auch „Poppeköchekäppesche“ genannt
Schmeckt nicht nur gut, klingt auch schön: Reibekuchen
Mit „Möpp“ ist ein kleiner Hund gemeint, also ein Mops. In Verbindung mit fies wird daraus die Bezeichnung für einen miesen und unausstehlichen Menschen.
Einen unnötigen und übertriebenen Aufwand veranstalten
Ausflüchte; als Redewendung: Mach keen Fisematente! (Mach nicht so ein Theater!)
Schraubenzieher
