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„Weißer sind bodenständiger als Rodenkirchener“

4 min
  1. Der Bildhauer Stefan Kaiser lebt seit Jahrzehnten in Weiß – Im Veedel sind viele Künstler heimisch

Seit 40 Jahren hat Stefan Kaiser sein Atelier in Weiß. Nach seinem Studium ging er 1977 zu Elmar Hillebrand in die Lehre, der damals noch mit Frau und Kindern in Weiß wohnte. Als er Hillebrands Atelier verließ, suchte er eine Bleibe, die er bei der Alt-Weißer Familie von Ferdinand Katzenburg fand: in einem ehemaligen Schweinestall, in dem noch die Tröge standen, als Kaiser einzog. Irgendwann wurde das Atelier vergrößert und der Garten kam als Ausstellungsfläche hinzu.

Herr Kaiser, Sie sind bei weitem nicht der einzige Künstler hier.

In Weiß leben in der Tat viele verhältnismäßig bekannte Künstler. Teilweise kennt man sich untereinander. Hillebrand natürlich, Wolfgang Reuter ist mittlerweile in die Eifel gezogen. Aber mit Clara Hillebrands-Leo steht bereits die nächste Generation bereit.

Warum leben vor Ort so viele Künstler?

Sicherlich ist ein Grund, dass die Mieten in Weiß damals noch bezahlbar waren. Hier hat man auch wirklich seine Ruhe, außerdem brauchen Künstler Platz und diesen vor allem ebenerdig wegen der Lasten, je nachdem mit welchem Material man arbeitet. Bei mir als Bildhauer ist es natürlich sehr steinlastig.

Sind Arbeiten von Ihnen im Veedel zu sehen?

Ja, das ist zum Beispiel das Relief an der Kirche St. Georg – das ist eine frühe Arbeit aus der Zeit, als ich noch in der Ausbildung war. In Rodenkirchen gibt es die Maternusfigur am Kapellchen zum Rhein, die Joseph-Figur an St. Joseph. Zudem habe ich vier Figuren für den historischen Rathausturm erarbeitet sowie die Edith-Stein-Figur an der Abtei Michaelsberg in Siegburg.

Überall im Dorf steht also Kunst?

Das stimmt, da wäre eine Ratsfigur von Helmut Moos am Haus des Dachdeckers Rodeck zu nennen. Hillebrand schuf die Schildkröte auf dem Kirchplatz vor der Kita St. Georg. Die Figur gehört zum Schildkrötenbrunnen im Innenhof des Regierungspräsidiums. Eine zweite Schildkröte fertigte Hillebrand für die Gemeinde. Von ihm stammt auch der Nepomuk am Rhein. Dombaumeister Willy Beines hatte Hillebrand diese Figur aus dem Mittelalter geschenkt. Hillebrandt stiftete sie dem Dorf als Nepomuk, als Beines Nachfolger die Figur zurückfordern wollte.

Findet sich neben der Kunst ebenso Kultur?

Irgendwann entstand die Idee, den früher bewirtschafteten Garten in einen Skulpturengarten umzuwandeln – für jeweils zwei ausstellende Künstler pro Jahr. Jahrelang hieß die Veranstaltung „Skulptur draußen“. Zu den Vernissagen haben wir Veranstaltungen im Innenhof organisiert, mit Jürgen Becker oder dem Duo Köster & Hocker. Peter Sörries kümmerte sich um die Werbung, und ich habe die Bildenden Künstler und Musiker organisiert. Zu den Vernissagen kamen sehr namhafte Sprecher, der Direktor vom Rautenstrauch-Joest-Museum etwa oder der Intendant der Philharmonie. Das war jahrelang eine richtig dicke Sache mit 250 Gästen im Schnitt. Heute präsentieren wir den Garten mit neuem Konzept, seit Sörries 2014 ausgestiegen ist. Die Veranstaltungen wurden zu sechs Matineen von April bis Oktober umgestrickt, dazu ist der Garten mit meinen Werken geöffnet.

Wie nehmen die Weißer die Veranstaltungen an?

Interessanterweise nehmen wenig Weißer davon Notiz. Das läuft alles über den E-Mail-Verteiler interessierter Gäste. Aber es hat sich herumgesprochen. Die Besucher bringen Freunde mit. Wenn es auch nicht nur Weißer sind – mir gefällt an den Menschen im Ort, dass sie einfach bodenständiger sind als zum Beispiel in Rodenkirchen. SUVs etwa spielen weniger eine Rolle.

Bei Ferdinand Katzenburg seit 40 Jahren ein Atelier zu haben ...

… ist für mich der absolute Glücksfall. Ferdi Katzenburg war quasi mein erster Mäzen, dem ich sehr dankbar bin. Sein Großvater war Bäcker und kam schon zu meinen Großeltern mit dem Pferdewagen nach Rodenkirchen, um seine Waren zu verkaufen. Sein Vater hatte zunächst einen Goliath und fuhr später einen Bulli. Deshalb kennen wir uns auch schon sehr lange.

STECKBRIEF

Das mag ich an Weiß: Ich mag die Ruhe, die Rheinnähe, den Ortskern mit seinen kleinen Gassen und natürlich das Kapellchen. Was ich wirklich toll finde: Man kann hier auf der Straße laufen, ohne Druck von Autos zu bekommen. Heutzutage ist das ungewöhnlich. Das ist verbesserungswürdig: Einen Lebensmittelladen fände ich schön. Die Geschäftsecke Weißer Hauptstraße/Weidengasse steht seit Jahren frei. Die Verkehrsanbindung könnte besser sein. Von hier kommt man nur mit dem Rad oder – wenn man geduldig ist – mit dem Bus weg. Lieblingsort in Weiß: Mit dem Rad aus Rodenkirchen über den Auenweg entlang zu fahren. Wenn man nach Weiß kommt, wird es schlagartig viel grüner. Die Felder öffnen sich, das ist total irre, es wird ländlicher und auf jeden Fall idyllischer.

Zur Person

Stefan Kaiser (Jahrgang 1956) ist in Rodenkirchen aufgewachsen. Nach einer Ausbildung an der Dombauhütte als Steinmetz und Steinbildhauer studierte er an der Fachhochschule in Köln Bildhauerei, seit 1980 ist er selbstständig. Verheiratet ist er mit Barbara Boisserée, die beiden haben zwei Kinder.