60 Jahre „Please Please Me“Wie die Beatles mit einer Fellatio-Aufforderung Geschichte schrieben

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Das Schwarz-Weiß-Bild zeigt die britische Band The Beatles mit George Harrison (l-r), Ringo Starr, Paul McCartney und John Lennon während eines Konzerts im Münchner Circus Krone. Vor 60 Jahren veröffentlichten die Beatles ihr erstes Album. „Please Please Me“ wurde ein Meilenstein der Popkultur und der Musikgeschichte.

Die Beatles während eines Konzerts im Münchner Circus Krone

Vor 60 Jahren, am 22. März 1963, veröffentlichten die Beatles ihr Debüt „Please Please Me“. Nicht nur der Beginn einer einmaligen Erfolgsgeschichte, sondern auch ihr aufregendstes Album.

Bessere, sehr viel bessere Alben würden folgen, aber ihr Langspiel-Debüt ist die aufregendste halbe Stunde Musik, die die Beatles in den zehn Jahren ihres Bestehens aufgenommen haben. Am 22. März feiert „Please Please Me“ seinen 60. Geburtstag, ein Artefakt aus einer ganz anderen Zeit. Und doch: Alt anhören wird es sich wohl nie.

Zwischen Paul McCartneys aufgekratztem Anzählen von „I Saw Her Standing There“ – die „Vier“ ist bereits ein Kampfschrei – und seinem jubelnden „Hey!“ am Ende von „Twist and Shout“ herrscht das ewige Jetzt der Jugend. Die vier jungen Hunde aus Liverpool – Ringo Starr und John Lennon sind 22, McCartney 20, George Harrison erst 19   – haben das Album bekanntlich in Rekordzeit eingespielt. „Es kann kaum 585 produktivere Minuten in der Geschichte der Musikaufzeichnung gegeben haben“, schätzt der Beatles-Experte Mark Lewisohn.

Auf dem Plattencover von „Please Please Me“ blicken die Beatles vom Balkon der Londoner EMI-Zentrale auf den Fotografen herab.

Das Plattencover von „Please Please Me“.

Die Session im Studio 2 an der Abbey Road begann morgens um 10 Uhr am 11. September 1962 und endete am selben Tag gegen 22:30 Uhr mit einem schwer erkälteten, aber trotzdem oberkörperfreien John Lennon, der sich für „Twist and Shout“ die Seele aus dem Leib schrie (und trotzdem die Töne traf). Ein zweiter Versuch musste abgebrochen werden, da ging nichts mehr. Doch das Studio schien wie elektrisch aufgeladen und den Technikern der EMI standen die Münder offen: „Nichts von dieser Intensität war jemals in einem britischen Popstudio aufgenommen worden“, schreibt Ian McDonald, dessen „Revolution in the Head“ das aufschlussreichste Buch bleibt, das jemals über die Beatles veröffentlicht wurde.

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Nachdem sie den Titeltrack eingespielt hatten, eine kaum verhüllte Aufforderung zur Fellatio, beglückwünschte ihr Produzent George Martin die Beatles bekanntlich aus dem Kontrollraum: „Gentleman, sie haben gerade ihre erste Nummer Eins aufgenommen.“

Dass Martin mit seiner Einschätzung richtig lag, war weniger verwunderlich, schreibt McDonald, „als dass jemand seines Alters und seiner Herkunft eine so neue und unbehauene Musik wie die der Beatles gut genug verstand, um zu erkennen, dass die Betonung ihrer Macken sie noch verbessern würde“.

Diese Rauheit findet man auf keinem anderen Studioalbum der Beatles, ursprünglich hatte Martin sogar geplant, einfach ein Konzert im Cavern Club vor einer treuen Gefolgschaft ihrer allerersten Fans aufzunehmen und die Band der Welt als Live-Phänomen vorzustellen.

Was zu dem Missverständnis geführt hat, „Please Please Me“ wäre wenig mehr als die Studioversion ihrer lärmenden Show. Aber rockende Pilzfrisur-Schüttler und liebliche Pop-Songs wie „Anna (Go to Him)“ und „A Taste of Honey“ halten sich hier die Waage.

Was George Martin und die Beatles indes in 585 Minuten eingefangen haben, war die ungezähmte Energie der Band – und den Big Bang des Komponisten-Duos Lennon/McCartney.

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