„Avatar: The Way of Water“ vierterfolgreichster FilmWas kann James Cameron, was Hollywood nicht kann?

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Filmemacher und James Cameron steigt nach seinem erfolgreichen Solo-Tauchgang zum Marianengraben, dem tiefsten Teil des Ozeans, am Montag, den 26. März 2011, aus dem Tauchboot Deepsea Challenger.

Filmemacher James Cameron nach seinem erfolgreichen Solo-Tauchgang zum Marianengraben

James Cameron hat mit „Avatar: The Way of Water“ mehr als zwei Milliarden Dollar eingespielt. Der Eigenbrötler hat jetzt drei der vier erfolgreichsten Filme aller Zeiten gedreht. Aber wie? 

Wette nie gegen James Cameron! Die Mahnung erfolgte in Diskussionen auf Filmforen sofort, wenn jemand im Vorfeld des Kinostarts von „Avatar: The Way of Water“ unkte, dass der Film sein auf angeblich bis zu 460 Millionen Dollar angewachsenes Budget niemals würde einspielen können.

Es sprach ja auch alles gegen das Science-Fiction-Spektakel: Der erste „Avatar“ lag bereits 13 Jahre zurück und hatte – eine Meinung, die zum Klischee geronnen war – so gut wie keine kulturellen Spuren hinterlassen. Ein Mega-Erfolg, über den niemand mehr redete: Die 3D-Begeisterung, die „Avatar“ 2009 ausgelöst hatte, war längst wieder abgeflaut und vielleicht sogar die Begeisterung für das Kino als Erlebnisraum an sich. Marken wie das Marvel-Universum bedienen beinahe unterschiedslos Filmpaläste wie Streamingdienste. Jedes neue Produkt funktioniert zugleich als Trailer für das nächste, in einer ununterbrochenen Content-Kette.

Ein Regie-Wüterich wie einst Erich von Stroheim

Die Idee vom genialischen Filmemacher Cameron, der seine Schauspieler unbarmherzig zu neuen Rekorden im Luftanhalten unter Wasser antreibt, sich jahrelang in seiner eigenen Entwicklungsabteilung zurückzieht, neue Kameras und neue Verfahren der Erfassung und digitalen Verarbeitung von Bewegungen entwirft – und nebenbei noch ein Unterwasserfahrzeug, mit dem er auf dem Boden des Marianengrabens taucht – diese Idee wirkt im Vergleich zum durchoptimierten Produktionsprozess heutiger Endlos-Franchises geradezu lächerlich. Wie jeder größenwahnsinnige und detailversessene Regie-Wüterich, von Erich von Stroheim bis Michael Cimino, sagt der gesunde Menschenverstand, würde Cameron früher oder später an der eigenen Hybris scheitern.

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Das hatte man dem Kanadier freilich seit Jahrzehnten prophezeit. Als der „Titanic“-Dreh mehr als eine Million Dollar pro Filmminute verschlang und der Kinostart wegen endloser Komplikationen um ein halbes Jahr verschoben werden musste. Als der erste Trailer von „Avatar“ veröffentlicht wurde, und sich das Internet über blaue Weltraumschlümpfe mokierte.

Doch kurz darauf konnte sich Cameron dann einmal mehr darüber freuen, der verachteten Hollywood-Elite den erfolgreichsten Film aller Zeiten vorgesetzt zu haben. „Ich bin der König der Welt“, rief er 1998, seinen Regie-Oscar für „Titanic“ in die Höhe reckend, dem Establishment zu und plötzlich klang Leo DiCaprios verliebter Ausruf wie ein „Fuck you“.

Und nun, 25 Jahre später, wieder dasselbe Spiel, mit demselben Ergebnis: In dieser Woche ist „Avatar: The Way of Water“ entgegen aller Erwartungen an „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ vorbeigezogen, als nun vierterfolgreichster Film nach einem Einspielergebnis von bislang rund 2,2 Milliarden Dollar.

Vor „The Way of Water“ liegen derzeit nur noch „Titanic“, „Avengers: Endgame“ und der erste „Avatar“ mit uneinholbaren 2,9 Milliarden Dollar. Das wirklich Erstaunlichste an dieser Statistik ist aber, dass der Eigenbrötler James Cameron drei der vier der weltweit umsatzstärksten Filme als Produzent, Drehbuchautor und Regisseur quasi im Alleingang auf die Leinwand gebracht hat. Mit anderen Worten: Wette niemals gegen James Cameron.

Wie kann das möglich sein? Weiß Cameron – ein Autodidakt, der vor seiner ersten Regie („Piranha 2 – Fliegende Killer“, kein Ruhmesblatt) als Lkw-Fahrer arbeitete – etwas über das Kinopublikum, das die großen Studios vergessen haben? Er selbst glaubt das, wenig überraschend, durchaus: Das moderne Hollywood, wiederholt Cameron zu jeder Gelegenheit, habe den Kontakt zu dem beinahe religiösen Transportmittel verloren, das Film eigentlich sein sollte.

Das Kino kann Menschen in spektakuläre Welten entführen
James Cameron

Das Kino, sagt er, könne Menschen in fremde, spektakuläre Welten entführen und diese Reise durch für jeden nachvollziehbare Charaktere – wie Jack und Rose in „Titanic“, wie Jake Sully und Neytiri in den „Avatar“-Filmen – zu einem emotionalen Erlebnis machen. Zu Zeiten seiner „Terminator“-Filme war Cameron nicht nur an der Kasse, sondern auch bei der Kritik erfolgreich, ein Verhältnis, das sich seit „Titanic“ deutlich abgekühlt hat. Was vor allem daran liegt, dass die Storys, die er seitdem erzählt hat, vielen Kritikern allzu generisch und austauschbar daherkommen.

Wahrscheinlich ist jedoch gerade die forcierte Allgemeingültigkeit seiner Stoffe – Liebe, Familie, Existenzkampf – der Grund, warum Menschen aus allen Ländern in Camerons Filme strömen, im Gegensatz zu vielen anderen Blockbustern fahren sie ihre größten Gewinne nicht in den USA ein. Das chinesische Publikum liebt „Avatar“ inniger als „Star Wars“.

Für jemanden, der Massen bewegen will, steht Cameron dem gerade in Folge der Pandemie immer wieder beschworenen großen Gemeinschaftserlebnis Kino ausgesprochen indifferent gegenüber. Eigentlich, sagt er, stören die anderen Besucher nur: „Ich zahle doch nicht viel Geld dafür, um andere furzen, husten oder Popcorn mampfen zu hören.“ Gebraucht werden die Anderen dennoch: Allein ihre Anwesenheit zwinge den Kinogänger dazu, die Kontrolle über seine Erfahrung abzugeben: „Mit dem Wissen, dass sie mit umso größerer Wucht auf mich einströmen wird.“

Es geht in Camerons Kino also weniger um Verführung, als um eine totale Unterwerfung unter die Macht von Bild und Ton. Weil die selbstredend freiwillig ist, bleibt dem Regisseur gar nichts anderes übrig, als mit jedem neuen Film zugleich die technischen Möglichkeiten des Mediums zu erweitern.

Den Zuschauer unterwerfen, um ihm Geschichten von Freiheitskämpfen zu erzählen, den größtmöglichen Rechenaufwand betreiben, um die Nähe zur Natur zu feiern, mit den Macho-Posen eines alten Generalissimus durch und durch feministische Filme drehen (für ihn sind eindeutig Mütter die toughesten aller Actionhelden): James Camerons Action-Epen stecken voller Paradoxien. Und auch das ist ein Grund für ihren Erfolg, denn die inneren Widersprüche liegen nicht nur auf der Hand, sie werden mit durchgedrücktem Gaspedal gegeneinander getrieben, um sich zum Spektakel aufzutürmen.

James Cameron ist jetzt 68 Jahre alt, will noch drei weitere „Avatar“-Teile drehen. Wetten, dass auch die jeder sehen will? Nicht, weil man sich so für das Schicksal der Na’vi interessierte. Sondern, weil hier das Unmögliche glaubwürdig erscheint.

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