Unter Dmitry Smirnov zeigten Saxofonistin Asya Fateyeva und das Kammerorchester Basel, dass zwischen Barock und den Beatles zwar 300 Jahre liegen – aber auch überraschende Überschneidungen.
„Baroque & Beatles“ in der Kölner PhilharmonieWar das schon Vivaldi oder noch Paul McCartney?

Saxofonistin Asya Fateyeva wurde in Köln ausgebildet und ist jetzt als Professorin an der Hamburger Musikhochschule tätig.
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Bach – oder ganz allgemein: Barock – und Beatles haben keineswegs nur ihre Anfangsbuchstaben gemeinsam. Um nur ein besonders spektakuläres Beispiel zu erwähnen: Paul McCartneys „Blackbird“-Song von 1968 wurde nachweislich durch die Bourrée aus der Bach’schen Lautensuite BWV 996 inspiriert. Just dieses Lied erklang jetzt – in quasi barock-instrumentaler Zurichtung (darunter einem gut wahrnehmbaren Cembalo) – als Zugabe zum gefeierten Konzert des Kammerorchesters Basel in der Kölner Philharmonie. „Crossover“ funktionierte hier sozusagen umgekehrt: Nicht etwa wurde ein Barock-Original nach bekannter Manier verjazzt, „angehottet“, sondern bei einer Musikikone der Pop-Moderne die barocke Matrix hörbar gemacht. Das war in seiner Klangwirkung anrührend und verzaubernd. Vor allem aber war es erhellend-eindrucksvoll ob der Mühelosigkeit, mit der hier die Begegnung, ja Verschmelzung zweier Musikkulturen gelang, die auf den ersten Blick vielleicht doch nicht so viel miteinander zu tun haben.
Dmitry Smirnov verschmilzt mühelos zwei Musikkulturen
„Baroque & Beatles“, das originelle Konzeptprogramm des von seinem Konzertmeister Dmitry Smirnov souverän geleiteten Schweizer Spitzenensembles, funktionierte freilich in beide Richtungen: Dank der großartigen (in Köln ausgebildeten, jetzt als Professorin an der Hamburger Musikhochschule tätigen) Saxofonistin Asya Fateyeva bekamen Bachs Cembalokonzert BWV 1056, Auszüge aus der h-Moll-Flötensuite BWV 1067 und Alessandro Marcellos legendäres Oboenkonzert, dazu noch gleichfalls zu einem Oboenkonzert zugerichtete Klaviersonaten des Mozart-Zeitgenossen Domenico Cimarosa – alle vier für Sopransaxofon umgeschrieben – eine deutliche Jazz-Anmutung verpasst. Die beruhte nicht nur auf dem Klangidiom des Soloinstruments, sondern auch auf Fateyevas leicht swingender, schlendernd-synkopierender, improvisatorischer Spielweise. Jene, die zudem das Saxofon chamäleonhaft mal wie eine Oboe, mal wie eine Trompete tönen machte, produzierte damit keineswegs einen unverzeihlichen Stilbruch. Vielmehr konnte man als Hörer den Eindruck gewinnen, sie lasse die Musik zwanglos in Gefilde ein, in die sie irgendwie von sich aus hinwill.
Saxofonistin Asya Fateyeva überzeugt mit ihrer improvisatorischen Spielweise
Fateyeva brillierte dann auch in den (teils komplementär barockverzierten) Perlen aus dem Harrison/McCartney/Lennon-Kosmos: „Here comes the Sun“, „Being for the Benefit of Mr. Kite“, „When I'm Sixty-Four“ und, selbstredend, „Yesterday“ (das Orchester allein steuerte noch „Because“ bei). Tatsächlich wird durch solche instrumentale Umwidmung zumal das Bach-Erbe der Beatles schlagend offenkundig. Es betrifft die Melodik, die rhythmisch gespeiste Satzmotorik, auch die Sequenzbildung. Und die tiefen Register klingen in der Bearbeitung dann auf einmal wie der gute, alte Generalbass. Weniger konnten die Beatles freilich – jedenfalls legte das die Stückauswahl nahe, es gibt auch Gegenbeispiele wie etwa die Zwischenspiele in „In my Life“ – mit dem omnipräsenten Bach’schen Kontrapunkt anfangen. Die Anlage der Songs bleibt oberstimmenzentriert.
In Bachs beschwingt und klangschön dargebotenem drittem Brandenburgischen Konzert, mit dem die Basler Gäste eröffneten, konnte man – dank der deutlichen Präsenz von Violen und Celli gegenüber den Violinen – erleben, dass der Altmeister das eben anders handhabt. Beim nahtlosen Anschluss eines Concertos für Streicher an „When I’m Sixty-Four“ brauchte man hingegen einige Augenblicke, um zu gewärtigen, dass jetzt Vivaldi und nicht mehr McCartney dran war. Da lag das einander Ferne auf einmal ganz nah.

