In „Fabian und die mörderische Hochzeit“ spielt Bastian Pastewka einen Detektiv wider Willen. Ein Gespräch über Hochstapelei und die Lust der Deutschen am Krimi.
Bastian Pastewka über TV-Krimis„Wer für Gerechtigkeit sorgt, ist beliebter als irgendein Spaßvogel“

Bastian Pastewka und Tamara Romera Ginés in einer Szene des Krimis „Fabian und die mörderische Hochzeit“, ab dem 6. 2. 2026 auf Prime Video.
Copyright: Amazon MGM Studios/dpa
Herr Pastewka, wir haben eine kuriose Gemeinsamkeit: Wir waren beide Statisten im Film „Das Wunder von Mâcon“ von Peter Greenaway.
Sie auch? Das ist ja wahnsinnig lustig. Aber das müssen wir erklären. Anfang der 90er Jahre hat der englische Avantgarde-Regisseur Peter Greenaway einen Film namens „Das Wunder von Mâcon“ gedreht. Dafür wurde eine ganze Reihe von Statisten im Köln-Bonner Raum gesucht. Denn gedreht wurde in einer Eissporthalle in Troisdorf. Ich habe den Aufruf damals in der Regionalzeitung gelesen und bin als Statist genommen worden. Mit vielen anderen, die ich später wiedererkannt habe. Das halbe Lindenstraßen-Ensemble tauchte seinerzeit da auf. Und sicher sind wir beide im Film irgendwo zu sehen.
Also ich habe mich im Kino damals nicht erkannt, war auch nur ein pöbelnder Bauer, ganz hinten im Bild.
Ich war einer von den Typen, die so eine lange Perücke anhatten, und sah aus wie ein Hofnarr. Und ich musste eine Lanze in der Hand halten. Der Film spielt im Shakespeare-Zeitalter und war visuell wunderbar opulent. Aber er ist heute so gut wie vergessen.
Ja, Greenaway ist ein wenig aus der Mode gekommen.
Seine größeren Erfolge kennt man noch. „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“, als Titel schon mal unschlagbar. Oder „Prosperos Bücher“. Aber „Das Wunder von Mâcon“ komischerweise nicht. Lag es an uns?
Wir haben es versaut! So, jetzt kommen wir mal zu Ihrem neuen Film, „Fabian und die mörderische Hochzeit“. Die Rolle des Fabian ist Ihnen auf den Leib geschrieben worden, oder?
Die drei Autoren Sönke Lars Neuwöhner, Sven Poser und Martin Eigler haben mir ein wunderbares Geschenk mit ihrem Drehbuch gemacht. Mit dieser Gruppe durfte ich schon vor zehn Jahren bei einer ZDF-Serie zusammenarbeiten.
„Morgen hör’ ich auf“, da spielten sie einen Geldfälscher.
Genau. Wir mögen und vertrauen uns sehr. Diesmal ist es ein Murder-Mystery-Puzzle-Crime-Movie im klassischen Sinne. Die Ermittlerfigur hatten sie von vornherein ambivalent angelegt. Denn, das ist kein Spoiler, dieser Fabian ist eine Art Phantom. Wir als Publikum wissen, dass der Typ ein Trickbetrüger ist. Aber die beteiligten Figuren wissen es nicht. Er gelangt auf Umwegen als Fotograf zu einer Hochzeit und kann sich dort perfekt tarnen. Denn wer wird auf Hochzeiten am wenigsten beachtet? Der Hochzeitsfotograf. Fabian erkennt zunächst, dass er die Chance hat, hier ein wertvolles Schmuckstück zu stehlen. Doch dann gerät er plötzlich in einen Mordfall. Und muss, weil er eben noch eine gefälschte Polizeivisitenkarte hat, seine Tarnung ändern und sagen: Ich bin hier der Ermittler.
Sie spielen häufiger zwielichtige Figuren. Etwa einen notorischen Lügner in „Alles gelogen“.
Irgendjemand hat mal ausgerechnet, dass Menschen am Tag 20-mal lügen, zum Teil ohne es zu merken. Ums Lügen geht es bei „Fabian“ auch, vor allem ums Schummeln. Im Gegensatz zu mir ist dieser Fabian eine absolute Spielernatur. Eine Art Münchhausen, der glaubt, sich an den eigenen Haaren aus der Grube herausziehen zu können. Im Grunde hat diese Figur keinerlei Eigenschaften, außer, dass sie immer ein bisschen schlauer sein will als die anderen. Und das nennt man eben Schummeln. Das kenne ich als angehender Entertainer, da muss ich manchmal in die Trickkiste greifen, wenn ein Witz nicht zündet.
Wenn dieser Fabian nur eine Chiffre ist, mussten Sie sich vielleicht gar nicht groß auf die Rolle vorbereiten?
Doch, doch, doch.
Aber wie? Es macht keinen Sinn, sich für so eine Figur eine Background-Geschichte auszudenken.
Nein, das macht keinen Sinn. Die Figur agiert sehr situativ. Ich habe mir überlegt: Warum kann sie das so gut? Weil sie es schon lange macht. Weil sie eine Spielernatur ist, die schnell umschalten kann. Wir alle kennen diese Leute, die sagen: Ich zahle die Rechnung erst im letzten Moment. Ich selbst bin überhaupt kein Schnäppchenjäger. Aber ich glaube, Fabian könnte einer sein.
Sie sagten schon, dass jeder Komödiant etwas von einem Hochstapler hat. Gilt das nicht auch für die Detektive in solchen Whodunnit-Geschichten?
Hercule Poirot behauptet von sich selbst, er sei der größte Detektiv aller Zeiten. Genau wie Sherlock Holmes, der sagt: Nur ich kann den Fall lösen. Das ist gut für die Story. Noch in den 1930er Jahren haben die Leute geglaubt, Sherlock Holmes sei eine reale Figur. Weil es diesen Doktor an seiner Seite gibt, der ihn als Biograf begleitet. Ein eleganter Schachzug: Der große Detektiv ist mit so vielen Fällen beschäftigt, dass er gar keine Zeit hat, sie alle niederzuschreiben. Auch Auguste Dupin, der erste Detektiv der Literatur, hat einen Begleiter zur Seite. Einen Autor, in dem wir möglicherweise Edgar Allan Poe selbst erkennen. So ein Begleiter erhöht den Detektiv. Den Fabian, wenn er denn überhaupt ein Detektiv ist, haben wir dagegen immer weiter verkleinert. Weil er auch ein bisschen doof und naiv ist. Seine Hochstapeleien gehen fast immer schief.
Aber zeitweise haben Sie ja sogar einen Begleiter, der noch sehr viel naiver ist.
Ja, eine fantastische Figur von Knut Riepen. Wir haben jetzt viel über diesen Fabian gesprochen. Aber es ist natürlich ein Ensemble-Film. „Fabian und die mörderische Hochzeit“ haben wir vor einem Jahr in Lettland und Litauen gedreht. Die Kollegen, Kolleginnen und ich wuchsen dabei nicht nur bei der Arbeit zusammen, sondern eben auch als Freunde. Weil wir alle in einem fremden Land waren und nicht jeder abends in seine private Wohnung zurückkehren konnte. Für mich war das eine der angenehmsten Arbeiten, die ich je gemacht habe.
Ähnliches berichten auch die jeweiligen Star-Ensembles von den „Knives Out“-Filmen: wie schön die Erfahrung war, beim Dreh eng aufeinanderzuhocken.
Für Leute, die viel engagiert sind, kann die Dauerfilmerei eine einsame Sache sein. Wir waren eineinhalb Monate mehr oder weniger ständig zusammen. Leider wirst du dieser Gemeinschaft dann mit einem Schlag wieder entrissen, wenn der Dreh vorbei ist. Heute sehen wir uns zur Premiere in Köln endlich wieder, für 45 Minuten an der Bar. Danach ist die Option nicht allzu groß, dass wir uns jemals wieder in dieser Konstellation wiederbegegnen. Es werden sich Freundschaften und WhatsApp-Gruppen halten, aber auch die bleiben vielleicht nicht ewig. Es ist eben Showbusiness. Und wenn man wie ich das Glück hatte, mit so talentierten und treuen Menschen zusammenzuspielen, hilft das auch dem Film. Eine gewisse Begeisterung ist bei einer Krimi-Komödie wichtig, sonst springt kein Funke zum Publikum über. Genauso funktionieren die „Knives out“-Filme, oder eine Serie wie „Only Murders in the Building“.
Das Publikum hat derzeit eine große Auswahl an Whodunnit-Krimis. Als wir aufwuchsen, war das Genre dagegen nahezu tot.
Es gab hierzulande vor 50 Jahren eine Whodunnit-Serienschwemme mit „Derrick“ und „Der Alte“. Später folgte der psychologische Krimi, Helen Mirren mit „Heißer Verdacht“, Robbie Coltrane mit „Für alle Fälle Fitz“. Da standen zum ersten Mal die Ermittler im Zentrum, als beschädigte Figuren. Eine Ehe, die nicht wirklich läuft, Spiel- oder Trunksucht, Zigarettenkonsum, gesundheitliche Probleme, Übergewicht. Seitdem haben auch in Deutschland alle Ermittler ein Privatleben oder irgendeine Macke oder einen Tick. Und vor 15 Jahren kehrten die Schmunzelkrimis für den Vorabend zurück: Regionale Polizeigruppen, meistens Duos, die mit dem Heimatdialekt ausgestattet sind und einer gewissen Gemütlichkeit Fälle lösen. Die Figuren sind lustige Pappkameraden, Abziehbilder und Klischees, weil diese Serien manchmal eher wie ein Sketch wirken. Aber all das zeigt: Deutschland ist eine Krimi-Nation. Wir verhandeln unsere großen Themen immer über den Kriminalfall.
Warum?
Weil wir wissen, der Kriminalfall endet irgendwann. Aus einer offenen Erzählung wird eine geschlossene. Der Schurke wird am Ende abgeführt und wir können zufrieden sein.
Aber warum ist dann gerade das gute, alte Whodunnit wieder so populär?
Das Whodunnit kann man jetzt einer neuen Generation anbieten, die das Alte nicht kennt. Auch unser „Fabian“-Film wird überwiegend als deutsches „Knives Out“ bezeichnet, aber auch diese fabelhafte Reihe macht keinen Hehl daraus, sich an die Krimiklassiker-Tradition der 1920er/30er-Jahre zu orientieren. In England gab es übrigens schon Ende der 90er wieder eine Whodunnit-Serie, die leider nie in Deutschland angekommen ist, „Jonathan Creek“.
Was, schätzen Sie, ist denn an „Fabian“ typisch deutsch?
Ich glaube, Hochzeiten sind für das deutsche Publikum spannender als für das britische Publikum, weil dieses „Darum prüfe, was sich ewig bindet“ hier ein bisschen ernster genommen wird als bei den protestantischen Briten. Und wir präsentieren bei „Fabian und die mörderische Hochzeit“ eine sehr extravagante Auflösung. Weil die Deutschen das lieben. Weil wir letztlich Krimis gucken, um am Schluss wirklich alles final erklärt und felsenfest bezeugt zu bekommen. Wir wollen Regeln, wir wollen Anleitungen, wir wollen Gerechtigkeit.
Man könnte auch sagen: Die Welt da draußen ist beängstigend, im Krimi wird sie Fernsehabend für Fernsehabend wieder zurechtgerückt.
Wir haben zwischen 1933 und 1945 viel Schrecken in die Welt gebracht und auch erlebt. Die Alliierten haben uns dann ihre leichte Literatur dagelassen, wie Georges Simenon, Agatha Christie oder Raymond Chandler. Deren Figuren stehen für das Gerechte, und auch für das Ausdefinieren von Schuld, von Verantwortung. Dass sie in Deutschland so beliebt waren, zeugt von dem Versuch, sich mit etwas auseinanderzusetzen, ohne es verbalisieren zu müssen. Die deutsche Komödie dagegen konnte nach dem Zweiten Weltkrieg erst mal gar nicht starten, besaß keine eigene Sprache. Man könnte sogar behaupten, die erste echte deutsche Komödie war „Männer“ von Doris Dörrie von 1984. Und die Kiffer unter unseren Freunden würden sagen, es gibt nur eine deutsche Komödie und die heißt „Bang Boom Bang“ von 1999.
Aber Krimis, die konnten wir sofort?
Die hat es immer gegeben. Auch die ersten Serien, die das 1963 neu gegründete ZDF produzierte, waren Krimiserien. Dem ZDF war sofort klar: Wer für Gerechtigkeit sorgt, ist im Fernsehen beliebter als irgendein Spaßvogel.
Noch einmal zurück zu Ihnen. Zuletzt hatten wir anlässlich Ihrer gemeinsamen Serie mit Anke Engelke, „Perfekt verpasst“, gesprochen. Die wird jetzt als „Perfekt zusammen“ fortgeführt. Haben Sie schon mit dem Dreh angefangen?
Jawohl, und es ist eine reine Freude.
Selbstredend bietet sich auch eine Fortsetzung von „Fabian“ an. Gibt es da Pläne?
Ich bin ergebnisoffen. Das Wichtige ist: „Fabian und die mörderische Hochzeit“ ist ein in sich geschlossener Film, der so im Regal stehen kann.
Aber Sie stünden für eine weitere Folge zur Verfügung?
Ich habe meine unbedingte Lust in Richtung der Produktionsfirma UFA signalisiert.
„Fabian und die mörderische Hochzeit“ ist ab dem 6. Februar auf Amazon Prime Video zu sehen
