Nachts kommen die Geister. Sie stehen in den Ruinen ihrer zerstörten Häuser, kauern auf freiem Feld, hocken im Baum. Wortlos, schemenhaft, irgendwie abwartend. Es sind die Geister der Opfer von Fukushima; auch Satomis letzte Schülerin ist darunter. Satomi ist eine alternde Geisha, eine Bewahrerin der traditionellen japanischen Künste. In ihrer Notunterkunft hat sie es nicht mehr ausgehalten und ist in ihr Trümmerhaus in der „Zone“ zurückgekehrt. Sie hat eine neue Schülerin im Schlepptau, Marie, eine junge Deutsche, die wirkt, als habe sie der Wind ins Katastrophengebiet an der japanischen Küste geweht.
Eine Gespenstergeschichte, die Auseinandersetzung zwischen einer Meisterin und einer Schülerin sowie die Begegnung zwischen japanischer und deutscher Kultur – all das ist Doris Dörries Film „Grüße aus Fukushima“, der die Regisseurin 2016 dorthin führte, wo sie schon einmal einen wunderbar poetischen Film gedreht hat: nach Japan. In „Kirschblüten – Hanami“ verliert ein Mann seine Frau. In „Grüße aus Fukushima“ haben die Menschen alles verloren, was sie besitzen, sehr viele eben auch ihr Leben.
Es ist eine surreal, fast außerirdisch wirkende Landschaft, in der Dörrie ihren Film gedreht hat, elf Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt, das Erdbeben und Tsunami nicht standhalten konnte. Schwarze Plastiksäcke reihen sich wie in einer stummen Prozession bis zum Horizont – man hat radioaktiv verseuchte Erde in ihnen verschlossen. Am Rande dieser „Zone“ befinden sich die Notunterkünfte, graue, freudlose Containerlager, in denen sich ein trinkfreudiger Abt um die vorwiegend greisen Bewohner kümmert. Wer aus dieser Gegend fliehen konnte, hat es getan. Nun warten nur noch die Alten darauf, dass auch sie sich in Geister verwandeln.

Doris Dörrie
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„Uns verbindet eine lange Geschichte, mit auffälligen Parallelen“, sagte Doris Dörrie damals im Gespräch mit dieser Zeitung über ihr anhaltendes Interesse an Japan. „Die Städte sehen aus wie Köln und Hannover – zerstört im Zweiten Weltkrieg und eilig wieder aufgebaut. Wir teilen die fatale Geschichte des Faschismus, haben allerdings eine sehr unterschiedliche Art, damit umzugehen. Bis heute steht in den Schulbüchern in Japan so gut wie nichts über diese Zeit. Trotzdem, der Wiederaufbau nach dem Krieg, der Beton, die Zerrissenheit zwischen Tradition und Moderne – all das haben wir gemeinsam, wie auch den Amerikanismus der 60er Jahre, die Begeisterung für Popkultur, das Wirtschaftswunder und die anschließende Rezession.“
Es war am Beginn ihrer Karriere nicht unbedingt zu erwarten, dass Doris Dörrie mit ihrer Liebe zu Japan auch einen ausgeprägten Hang zur Melancholie entdecken würde, so wie er sich in „Grüße aus Fukushima, „Hanami“ und dem 2019 dann folgenden „Kirschblüten und Dämonen“ so ausgeprägt zeigt. Vielleicht hängt es mit der Erfahrung des Todes nahe stehender Menschen zusammen, die sie machen musste, als ihr erster Ehemann starb. Ihren ersten großen Erfolg im deutschen Film aber gab sie mit einem komödiantischen Paukenschlag, mit der für hiesige Verhältnisse ungewöhnlich pointensicheren Beziehungsgeschichte „Männer“, in der Uwe Ochsenknecht und Heiner Lautbach ihr komisches Talent zeigten.
Zwei Jahre zuvor war sie bereits mit „Mitten ins Herz“ mit Beate Jensen und Josef Bierbichler in den Hauptrollen zu Gast bei den Filmfestspielen in Venedig gewesen – in Saarbrücken beim Max-Ophüls-Preis hatte sie den Publikums- und den Förderpreis für diesen Film gewonnen. Eine junge Regisseurin, die sich rasch in der Filmbranche durchzusetzen begann – auch gegen die männliche Dominanz, die sie als eine der ersten Unterstützerinnen des Vereins „Pro Quote“ zu durchbrechen hofft. Seit 1997 ist Doris Dörrie Professorin an der Hochschule für Film und Fernsehen in München, dort, wo sie selbst rund 20 Jahre zuvor als Studentin eingeschrieben war.

Das „Hanami“-Team: Hannelore Elsner und Elmar Wepper
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Das Filmen ergänzt sie regelmäßig um die Schriftstellerei – seit der Mitte der 80er Jahre hat auch ihr Romanwerk einen beachtlichen Umfang erreicht, und vom Ton her pendelt es wie die Filme zwischen Spott und existenzieller Tiefe. Aus beiden Perspektiven wird sie vielleicht auch ihren Geburtstag betrachten, den sie an diesem Dienstag feiert. Dörrie wird 65 Jahre alt.
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Doris Dörrie über Japan
