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Kommentar

Debatte um vereinfachten Goethe
Neuer Zugang, statt alter Zwang

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4 min
Das Bild zeigt ein Gemälde, auf dem Johann Wolfgang von Goethe abgebildet ist, im Städel Museum, Frankfurt, am Main. Foto: Kevin Goonewardena

Will verstanden werden: Johann Wolfgang von Goethe.

Die Debatte um deutschsprachige Literaturklassiker in einfacher Sprache zeigt wieder einmal: In Deutschland wird der Jugend nur zu gerne der Leistungswille abgesprochen.

Seit 20 Jahren bringt der Cornelsen-Verlag Klassiker der deutschsprachigen Literatur in vereinfachter Sprache und leicht gekürzt auf den Markt. „Einfach klassisch“ heißt die Reihe, deren Ausgaben von „Kabale und Liebe“, „Faust“ oder „Die Marquise von O.“ vermehrt an Berliner Gymnasien behandelt werden. On- und offline tobt eine Debatte, in der manch einer gar den Anfang vom Ende des auf Leistung aufgebauten Schulunterrichts gekommen sieht.

„Avantgarde des Niveausenkens“

Wenig überraschend ist, dass diese Debatte vor allem in konservativen Medien geführt wird – von dem konservativsten Medium unserer Zeit, der Facebook-Kommentarspalte, über Focus bis zu Springers „Welt“. Dort schafft Feuilleton-Redakteur Matthias Hein die Tatsache, dass die Light-Versionen deutscher Klassiker vermehrt in Berliner Schulen zum Einsatz kommen, gar mit dem in seinen Kreisen vorherrschenden Bild des Moloch-Berlins zu verknüpfen. An dem würden weder Regeln noch Sitte herrschen, stattdessen würde Chaos regieren. Berlin, „die Hauptstadt der Kapitulation vor den Verhältnissen. Die Avantgarde des Niveausenkens“, stöhnt Hein gleich am Anfang seines Meinungsbeitrags – wie wäre es wohl, ginge es hier um Bayreuther Schulen? Oder gleich die in Weimar?

Hein moniert den vorauseilenden Gehorsam der Lehrkräfte, die von sich aus oft gar nicht mehr die ungekürzten Originalausgaben deutscher Literaturklassiker im Unterricht behandeln würden, vor dem fehlenden Willen der Schüler und Schülerinnen, sich durchzubeißen. Denn, so stellt er richtig fest, auch vor 150 Jahren sei es für die Menschen alles andere als einfach gewesen, Goethe, Schiller & Co. zu lesen. Doch damals hätten mehr Lehrer und Schüler gewusst, „dass sich Anstrengung lohnt“. Man habe geahnt, behauptet Hein, dass ein halbverstandener Text einen zu einem klügeren, vielleicht gar besseren Menschen machen werde.

Der Kern der Kritik ist ein kapitalistischer Vorwurf

Nur scheinbar geht es in der Debatte um den Erhalt dieser unstrittigen deutschsprachigen Klassiker als Unterrichtsstoff, weil sie eben sind, was sie sind. Einmal mehr nutzen die Kommentatorinnen und Kommentatoren eine solche, um jungen Menschen den kapitalistischsten Vorwurf überhaupt zu machen: den der Leistungsverweigerung. Gestützt von den seit Jahren Limbo-tanzenden Ergebnissen der Pisa-Studie fürchten sie nicht nur den weiteren ungebremsten Fall schulischer Ergebnisse, sondern den heutiger und nachkommender Generationen – auch außerhalb von Bildungseinrichtungen. Wer sich schon in der Schule komplexen Aufgaben entziehe, der werde dies auch im späteren (Arbeits)leben tun müssen – schließlich seien bestimmte Denkwege nie bestritten, Knoten nie gelöst, Widerstände nicht ausgehalten worden. Die Schule als Schule fürs Leben also.

Dabei ist unser Bildungssystem, in dem auch der Kanon der klassischen deutschen Literatur vorgegeben ist, ein Relikt aus einer vergangenen Zeit. Dieses System krankt unbestritten an allem Möglichen, ganz sicher jedoch nicht daran, dass dort „Nathan der Weise“ in einer leichter zu verstehenden, eingekürzten Ausgabe behandelt werden kann.

Echte Lust statt echter Zwang

Statt zu versuchen, die Lust auf die Weltliteratur zu erzwingen, die in diesem Land entstanden ist – lange bevor es selbiges überhaupt gab –, und das Scheitern in puncto Verständnis nur denen zu erlauben, die sich vergeblich abgemüht haben, sollte Lehrkräften wie auch Schülern und Schülerinnen die Möglichkeit eingeräumt werden, einen anderen Zugang zu dem zu vermittelnden Stoff nutzen zu dürfen.

Das Festhalten an dem Vergangenen und erst recht der Zwang, haben noch nie etwas gebracht. Sich neuen Wegen und Mitteln gegenüber zu öffnen, ist im besten Fall ein Gewinn für alle Seiten: hier Lehrer, Schüler, aber auch die Literatur selbst. Es wäre aber auch die Einsicht vor einer anderen Tatsache, die sich nicht leugnen lässt: Goethe, Lessing oder Büchner spielen eben auch für Gymnasiasten heutzutage kaum noch eine Rolle. Deren Werke in leichter Sprache könnten helfen, das zu ändern.

Wichtiger ist jedoch die Anerkennung der Schüler und Schülerinnen, ihrer Ansichten, Bedürfnisse und Leistungen, statt sie zu gängeln, zu bevormunden, zu verurteilen. Dass mit statt über sie gesprochen wird. Diese Erfahrungen machen Schüler immer wieder, nicht nur als Gegenstand von öffentlichen Debatten. Mit einer Kapitulation vor Goethe, wie es in der „Welt“ hieß, hätte ein solcher Handlungswechsel nichts zu tun.