Ein investigatives Reporter-Team von RTL hat in drei Kitas erschreckende Beobachtungen gemacht.
Essenszwang, Empathielosigkeit, Rassismus„Team Wallraff“ deckt Missstände in Kitas auf

Günter Wallraff, Journalist, hat sein Team auf Kindertagesstätten angesetzt. In den beobachteten Einrichtungen sollen Kinder teilweise Zwängen und Drohungen ausgesetzt worden sein. (Archivbild)
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Schon jahrelang fehlen in Deutschland hunderttausende Kitaplätze, auch an fachkundigen Erzieherinnen und Erziehern mangelt es. Das macht sich offenbar in der Qualität der Betreuung bemerkbar: Für das „Team Wallraff“ hat eine RTL-Reporterin nun Missstände in Kitas aufgedeckt.
Das Team hat mehr als 70 Hinweise auf Probleme in Kitas erhalten. In drei Einrichtungen schaut das Team deshalb genauer hin. Eine der Kitas liegt in Süddeutschland, sie ist privat geführt. Eine Informantin erzählt RTL: „Es war den ganzen Tag ein Zwang, ein Schreien, Drohungen.“ Es seien Kindern auch mit der Ankündigung eingeschüchtert worden, dass die Mutter sie nicht abholen komme.
Die Reporterin will das überprüfen und bewirbt sich als Mitarbeiterin in der Kita. Während ihres Einsatzes beobachtet sie unter anderem, wie eine Erzieherin ein Mädchen drängen will, ihren Teller leer zu essen. Als das Kind zu weinen beginnt, sagt die Mitarbeiterin: „Jetzt werde ich echt grantig, jetzt reicht´s.“ Ein Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie beurteilt das Vorgehen in der Doku als „sowohl sprachlich als auch von der Haltung ziemlich katastrophal“.
Erzieherin stopft Brot in den Mund
Die Anwälte der Kita teilen RTL dazu mit: „Nein, es stimmt nicht, dass in der Einrichtung unserer Mandantin (…) auf Kinder Druck und/oder Zwang ausgeübt wird. Wenn ein Kind dann auch nicht (auf-) essen möchte, muss es das natürlich auch nicht.“
Später beobachtet die Reporterin jedoch, wie die Erzieherin einem Jungen, der lieber spielen als essen will, Brot in den Mund stopft. Die Reporterin führt das auf „veraltete Methoden“ zurück. Eine andere Erzieherin betont, sie würde ein solches Vorgehen ablehnen, die Kinder könnten davon traumatisiert werden.
In anderen Situationen ist zu sehen, wie weinende Kinder lange Zeit von den Fachkräften ignoriert oder gar weggeschickt werden, um sich alleine in einem Schlafraum auszuheulen. Auch das streiten die Anwälte ab: „Wenn ein Kind weint, wird die Situation pädagogisch beurteilt, was der Anlass ist und es wird versucht dem Kind bestmöglich zu helfen.“
Auch in teuren Privat-Kitas gibt es Probleme
In einer anderen süddeutschen Kita erlebt die Reporterin, wie Kinder mit besonderem Förderbedarf kaum Unterstützung bekommen. Während des zweiwöchigen Einsatzes kommt nur ein einziges Mal eine Therapeutin in die die Einrichtung. „Unabhängig von den wöchentlichen Therapiestunden fördern wir die Kinder täglich im Freispiel und durch gezielte Förderangebote“, begründet der Kita-Träger.
Auch in einer teuren Privat-Kita – der Ganztagsplatz für Kinder bis zu drei Jahren kostet hier 1150 Euro im Monat – stimmt die Qualität der Betreuung offenbar nicht. Die Reporterin bekommt mit, wie eine Mutter die Erziehenden darum bittet, ihre Tochter häufiger zu wickeln – ihr Po sei bereits wund. Trotzdem zögert eine Mitarbeiterin das Wickeln so lange heraus, bis das Kind wieder abgeholt wird. Das Kind rieche zu sehr nach „ausländischem Essen“. Auf die rassistische Aussage will die Kita nicht reagieren.
Bei vielen Problemen scheint der Personalmangel eine wichtige Rolle zu spielen: Eine leitende Angestellte der Privat-Kita gibt zu, mit der Arbeitsleistung einiger Kolleginnen unzufrieden zu sein. Doch aufgrund des Personalmangels könne sie darauf nicht reagieren. Das führt offenbar auch dazu, dass man bei der Einstellung neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht wählerisch ist: Die RTL-Reporterin wurde in keiner der Kitas nach ihrem Personalausweis gefragt.
Das Fazit von Journalist Günter Wallraff: „Es fehlen zuallererst mehr Personal und bessere Arbeitsbedingungen, aber auch unangekündigte Kontrollen zur Aufrechterhaltung der Qualität unserer Kitas und der Mitarbeitenden.“ Es brauche mehr gut ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher, die Spaß an ihrem Beruf hätten. (RND)