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Gisèle Pelicots Autobiografie„Die Liebe hat mich nie verlassen“

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Gisèle Pelicot

Gisèle Pelicot

Die Erinnerungen von Gisèle Pelicot sind ein beeindruckendes Dokument ihrer Resilienz – und des oft unerträglichen Umgangs mit Vergewaltigungsopfern.

Zwei Koffer und ein Hund, der nach seinem Herrchen Ausschau hält, sind alles, was Gisèle Pelicot von ihrem alten Leben geblieben ist, als sie Ende 2020 am Gare de Lyon in Paris ankommt. Noch heute muss sie weinen, wenn sie an diesen Moment denkt, so verloren fühlte sie sich zwischen all den Menschen, für die dieser Tag einer wie jeder andere war.

Für Pelicot hingegen war nichts mehr übrig von dem Leben, das sie seit knapp 50 Jahren geführt hatte. Sie hatte kurz zuvor erfahren, dass ihr Mann Dominique, den sie mit gerade einmal 20 Jahren geheiratet und mit dem sie drei Kinder großgezogen hatte, mit dem sie durch alle Höhen und Tiefen gegangen war, sie über mindestens zehn Jahre mit starken Medikamenten betäubt und anschließend vergewaltigt hatte. Außerdem hatte er im Internet fremde Männer in das gemeinsame Haus eingeladen, um die bewusstlose Frau ebenfalls zu missbrauchen. Seine Taten hatte er gefilmt und akribisch archiviert.

Ihre Autobiografie ist in 22 Sprachen gleichzeitig erschienen

Eben noch hatten sie ihr Leben geteilt, nun saß er in Untersuchungshaft. Und sie hatte das gemeinsame Haus verlassen, in dem sie es nicht mehr aushielt. Es war ein monströses Verbrechen, das in eine scheinbare Idylle in der französischen Provinz einbrach, und im Jahr 2024, als der Prozess begann, weltweit die Medien beherrschte, weil Gisèle Pelicot entschied, die Öffentlichkeit nicht aus dem Gerichtssaal auszuschließen.

Sie ließ zu, dass die Menschen sahen, auf welche erbärmliche Weise die Täter und auch manche Verteidiger versuchten, ihr die Schuld zuzuschieben. So wurde die zierliche Frau mit dem kinnlangen Bob zu einer Ikone im Kampf gegen die sogenannte chemische Unterwerfung und sexuelle Gewalt.

Lange hat die heute 73-Jährige geschwiegen, keine Interviews gegeben. Jetzt ist ihre Autobiografie in 22 Sprachen gleichzeitig erschienen. „Die Scham muss die Seiten wechseln“ – diese Aussage, die sie prägte und die zu einem Schlachtruf wurde, wäre ein naheliegender Titel für ihr Buch gewesen. Früher musste sich Pelicot diesen Satz immer wieder selbst vorsagen. Sie kennt die Scham der Missbrauchten, die bohrende Frage, ob sie zu naiv war, nichts zu bemerken, ob sie irgendetwas hätte tun können, um die Verbrechen zu verhindern.

Heute weiß sie, dass einzig und allein ihr früherer Ehemann und die anderen Vergewaltiger Schuld tragen. Sie ist kein Opfer, sie ist eine Überlebende, die sich die Deutungshoheit über ihre Geschichte zurückerobert hat. Deshalb ist es folgerichtig, dass Pelicot und ihr Verlag diesen Satz nur als Untertitel wählten. „Eine Hymne an das Leben“ (im Original: „Et la joie de vivre“ – „Und die Freude am Leben“) ist ihr Buch, das sie mit der Journalistin Judith Perrignon verfasste, nun überschrieben. Es ist ihre Botschaft: Meine Geschichte, diese Verbrechen haben mich nicht gebrochen.

Und so steigt sie zwar mit dem Moment ins Buch ein, in dem ihr Leben explodierte, aber dann analysiert sie ihren Weg, erzählt ihre Geschichte und die ihres Mannes. Erst am Ende des Buches, wenn es um den Prozess geht, wird sie detaillierter auf die Verbrechen eingehen.

Sie offenbart, dass sie schon vor diesem ungeheuren Verbrechen viele schmerzhafte Erfahrungen überwinden musste. Geboren in Deutschland als Tochter eines Soldaten, zieht die Familie zurück nach Frankreich, als sie ein Kleinkind ist. Ihre geliebte Mutter stirbt mit Mitte 30, da ist die Tochter neun Jahre alt. Ihr Vater heiratet erneut, doch die Stiefmutter bringt den Kindern keine Liebe entgegen. Gisèle Bruder wird nie richtig im Leben ankommen und mit Anfang 40 sterben.

Als junge Frau fühlte sie sich ungeliebt

Die junge Frau fühlt sich verloren und ungeliebt. Und lernt noch als Teenagerin einen jungen Mann kennen – Dominique Pelicot. „Seine Schüchternheit fand ich beruhigend. Er wurde oft rot. Er hatte nichts von einem selbstbewussten jungen Mann an sich. Ich hatte noch keine Liebe erlebt, nicht mal einen Flirt. Und ich spürte, dass er mich lieben würde.“ Sie heiraten bald, bekommen drei Kinder. Ständig kämpfen sie mit Schulden, beruflich gelingt es ihrem Mann nie, Fuß zu fassen. Sie macht Karriere bei der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft EDF, hält die Familie zusammen, kümmert sich später auch liebevoll um die Enkelkinder.

Sie habe sich nie als Feministin gesehen, schreibt sie. Eine Familie zu haben, sei ihr großes Lebensziel gewesen. Als eine enge Freundin ihr sagen will, dass Dominique sich ihr unangemessen näherte, blockt sie ab und beendet die Freundschaft von jetzt auf gleich. Nichts soll die heile Welt gefährden.

Doch alles, was sie sich aufgebaut hat, stürzt zusammen, als sie erfährt, was ihr Mann getan hat. Wie geht man damit um, wenn alles, was war, auch das Gute, plötzlich eine einzige Lüge gewesen zu sein scheint? An dieser Frage wäre ihre Familie fast zerbrochen. Die Kinder wollen am liebsten alles vernichten, was an das Davor erinnerte. Ihre Tochter zerbricht das Porzellan, zerreißt Fotoalben, ihre Söhne bringen die Habseligkeiten des Vaters zum Müllplatz.

„Anders als gemeinhin angenommen, sorgen Leid und Elend nicht für Zusammenhalt. Dominique hatte die Familienbande zerstört und uns auseinandergebracht. “
Gisèle Pelicot

Gisèle Pelicot versteht die Wut ihrer Kinder, aber sie will dennoch einen anderen Weg gehen. Für sie muss beides wahr sein: Sie verleugnet nicht, dass ihr Ex-Mann ein Verbrecher ist, aber sie will daran glauben, dass der schüchterne, junge Mann von damals, der liebevolle Vater, keine Lüge war: „Ich stocherte in der Asche, um ein paar Überbleibsel zu finden, ich konnte mich nicht damit abfinden, alles zu verlieren, ich kämpfte gegen den völligen Zusammenbruch, meinen Zusammenbruch. Wenn man mir die letzten 50 Jahre meines Lebens entriss, hätte ich praktisch nicht existiert. Ich wäre tot.“

Insbesondere ihre Tochter Caroline kann das nicht verstehen, wie sie auch in ihrem eigenen Buch schrieb. Für sie steht zudem fest, dass ihr Vater auch sie missbrauchte. Gisèle Pelicot hingegen möchte zumindest an der Möglichkeit festhalten, dass es anders gewesen sein könnte. So ist dieses Buch auch ein Plädoyer dafür, dass es nicht den einen, richtigen Umgang mit solch einem Verbrechen gibt. Am Ende steht dennoch eine schmerzhafte Erkenntnis: „Anders als gemeinhin angenommen, sorgen Leid und Elend nicht für Zusammenhalt. Dominique hatte die Familienbande zerstört und uns auseinandergebracht.“

Die Wunden werden vermutlich nie ganz verheilen, und doch ist Gisèle Pelicots Buch geprägt von ihrem erstaunlichen Optimismus und ihrer Resilienz. Sie hat sich nicht aufgegeben, sie glaubt weiter an das Gute. Sie hat sogar eine neue Liebe gefunden und schreibt auch über ihr Intimleben mit dem neuen Mann an ihrer Seite. Ihre Botschaft ist klar: Auch eine vergewaltigte Frau kann wieder eine erfüllte Sexualität erleben. 

„Dennoch hat die Liebe mich nie verlassen. Sie ist nicht gestorben. Ich bin nicht gestorben. Ich bin immer noch in der Lage, anderen zu vertrauen“, schreibt Pelicot. „Eine Hymne an das Leben“ ist die mutmachende Geschichte einer beeindruckenden Frau.


Gisèle Pelicot: „Eine Hymne an das Leben: Die Scham muss die Seite wechseln“, deutsch von Patricia Klobusiczky, Piper, 256 Seiten, 25 Euro.