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Katrin Bauerfeind und Serdar Somuncu im Interview „Es gibt Zensur im Fernsehen“

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Katrin Bauerfeind und Serdar Somuncu sprechen über das Fernsehen.

Herr Somuncu, Fernsehzuschauer kennen Sie als Kabarettisten, als Talkshow-Gast  und -Gastgeber. Nun lassen Sie sich einen Tag lang von Frau Bauerfeind begleiten. Lernen die Zuschauer Sie in dieser Sendung von einer privaten Seite kennen?

Somuncu: Um ehrlich zu sein, sehen mich die Leute auch in einer solchen Sendung nicht so, wie ich bin. Ein Teil von mir ist auch in solchen Arbeiten, aber ich versuche es zu vermeiden, privat zu sein bei Dingen, die in der Öffentlichkeit gezeigt werden. Denn das führt oft dazu, dass sich Leute eine Meinung bilden, die sich verselbstständigen kann. Man muss sich vor diesem Zugriff schützen.  Man darf nicht zu viel von sich preisgeben.

Warum nicht?

Somuncu: Dieser Exhibitionismus endet sonst in der puren Verzweiflung. Wenn man das einmal gemacht hat, wird man zum Aufmerksamkeitsjunkie, und Leuten, die so weit gegangen sind, dass sie alles offenbart haben, bleibt nur der Dschungel. Und das ist würdelos.

Sehen Sie das ähnlich, Frau Bauerfeind?

Bauerfeind: Ja. Meine Aufgabe ist es, innerhalb der Sendung eine Person der Öffentlichkeit so kennenzulernen und zu porträtieren, dass es meinem Gast am nächsten kommt. Das ist auch für mich kein privates Treffen. Ich verstelle mich nicht, bin aber mit Freunden in einer Kneipe trotzdem anders.

Somuncu: Ich verstelle mich auch nicht. Die Menschen lassen sich beim Fernsehen auf eine Illusion ein. Das, was sie sehen, ist natürlich inszeniert. Alles ist geplant. Für Spontaneität und private Dinge ist da wenig Platz. Ich finde es aber gut, etwas in eine solche Sendung zu packen, das ehrlich ist, denn es bedeutet ja nicht, dass wir lügen. Wir zeigen eine Seite von uns, die sehr öffentlich ist.

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Katrin Bauerfeind und Serdar Somuncu in Köln.

Man muss Privatperson und öffentliche Person auch deshalb  trennen, um besser mit der teils heftigen Kritik der Zuschauer umzugehen?

Somuncu: Dass die Menschen, die die öffentliche Person angreifen, nicht wissen, wer ich bin, ist auch Schutz. Es gibt einen Teil von mir, den sie angreifen können, und den anderen Teil lasse ich ihnen nicht. Aber man muss sich daran gewöhnen. Das ist schon hart. Vor allem im Moment, wo das Internet eine große Gewalt ausstrahlt und auch öffentliche Diskussionen nicht immer frei von Verurteilungen und Anklage geführt werden. Da muss man sehr aufpassen, dass man sein Selbstwertgefühl davon nicht tangieren lässt. Dazu gehört, sich ein gesundes Umfeld zu bewahren. Wenn ich mich mit Freunden treffe, muss ich mir nichts beweisen und muss auch mein Image nicht pflegen.

Bauerfeind: Man muss durchaus lernen, damit umzugehen. Ich habe das früher so empfunden, als würde jemand laut auf dem Schulhof über dich lästern, aber man hat keine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren. Mittlerweile kann ich das professionell sehen. Die schiere Masse an Meinungen im Internet macht es einem fast schon wieder leichter, nicht jeder Kritik ein solches Gewicht zu geben.  Mir hilft zu wissen, was mein Ziel ist, und in Kauf zu nehmen, dass es Menschen gibt, die damit nichts anfangen können. Es muss einen nicht jeder lieben, nur weil man sich entschieden hat, einen Beruf auszuüben, der in der Öffentlichkeit stattfindet.

Wenn Fernsehen immer Inszenierung ist, wie sehr wird von Sendern eingegriffen in diese Inszenierung?

Somuncu: Das Thema wird sehr ungern in Deutschland besprochen, aber es ist Realität, es gibt Zensur.  Und das spielt leider sogar denen in die Karten, die „Lügenpresse“ schreien. Es wird viel selektiert, es wird gestrichen und zensiert. Redakteure bestimmen über den Geschmack der Leute. Und wenn es eine Instanz gibt, die bestimmt, was gesendet wird, dann ist das kein internes Verfahren zur Qualitätssicherung, sondern Manipulation von Bildern und Aussagen.  Ich habe das an vorderster Front erfahren. Weil ich die mir zugedachte Rolle des Pöbel-Türken irgendwann nicht mehr spielen wollte.

Wo haben Sie das erlebt?

Somuncu: Am schlimmsten ist es bei den Öffentlich-Rechtlichen, wo auch noch ein institutioneller Druck existiert. Beim WDR etwa wird wie im Politbüro zensiert. Da werden eigene Befindlichkeiten zum Maßstab dessen gemacht, was später zu sehen ist. Das ist ein Unding. Da muss man als Künstler sagen: „Ihr profitiert von uns. Ihr nehmt unsere Kunst und steckt sie euch in die Tasche. Und verdient an uns sogar Geld. Dann respektiert uns auch.“ Und das tun viele Leute nicht. Man mutet den Künstlern zu viel zu. Und die Künstler sind leider oft zu ängstlich. Totalitäre Systeme funktionieren immer nur über Angst.

Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht, Frau Bauerfeind?

Bauerfeind: Auf jeden Fall. Es gibt Entscheidungen, die man selbst nicht gut findet und bei denen man den Eindruck hat, sie wurden aus Mutlosigkeit, Angst und vorauseilendem Gehorsam getroffen. Gerade bei den Öffentlich-Rechtlichen versteht man das oft nicht und will ihnen zurufen: „Aber es kann euch doch wirklich nichts passieren, und das Geld ist auch da!“ Teilweise ist genau da aber die Risikobereitschaft am geringsten, was schade ist. 

Somuncu: Es ist schon ein Unterschied, ob man sich um Geld bewirbt oder ob einem das Geld gegeben wird und man sich bewähren muss. Das ist der Grund, warum die Öffentlich-Rechtlichen so ängstlich sind.

Klingt ziemlich negativ.

Bauerfeind: Es hat aber auch einen Vorteil. Wir sind im Vergleich, zu den USA beispielsweise, ein subventioniertes Kunstland. In Amerika muss jeder investierte Dollar auch wieder reingeholt werden.  Bei uns ist’s dagegen gemütlich. Deswegen sind wir zwar nie so ganz vorne dabei, aber für Künstler ist das dennoch relativ komfortabel. Dieses System ermöglicht uns, Dinge zu tun, mit denen wir uns auf einem härter umkämpften Markt schon schwerer tun würden.

Somuncu: Stimmt. Es ist Meckern auf hohem Niveau. In der Türkei könnte ich das, was ich hier mache, nicht machen. Es gäbe kein Geld, weil viel schlimmer zensiert werden würde und weil auch das Publikum dort nicht existiert für solche Inhalte. Trotzdem darf man sich nicht zurücklehnen und sagen, alles ist gut.
Das Gespräch führte Anne Burgmer