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Kölner PhilharmonieMusik trifft auf Erzählung

3 min
Ensemble Resonanz

Ensemble Resonanz

Zwei Philharmonische Erzählkonzerte - für Kinder und über Frauenschicksale.

Über Nacht war die Philharmonie wie ausgewechselt. Gestern noch stand das WDR Sinfonieorchester auf der Bühne. Am Morgen danach verbreiteten die hellen Stimmen hunderter Kinder im Haus eine ganz andere Energie, Stimmung und Vorfreude auf das Kinderkonzert. Auf der schwarz ausgekleideten Bühne funkelten die Instrumente und Epauletten-Blusen und Sakkos der Musikerinnen im blauen Scheinwerferlicht wie ferne Sterne im dunklen Weltraum.

Schauspieler Malte Arkona erscheint leicht clownesk mit Wuschelperücke und kariertem Anzug. Der bekannte ARD-Moderator des „Tigerenten Club“ berichtet, dass aus einer entfernten Spiralgalaxie alle 16 Tage Radiosignale zur Erde gelangen. Wollen von dort etwa Aliens mit der Menschheit in Kontakt treten? Jetzt ist jedenfalls der große Moment gekommen, diese Signale zu beantworten, und zwar mit Musik. Dafür braucht es das Érma Ensemble unter Leitung von Yorgos Ziavras sowie einen Patenonkel mit kleinem Neffen in der ersten Publikumsreihe, die Antennen hoch halten. Dann ertönen auch schon die flirrenden Arpeggien aus Gérard Griseys „Vortex Temporum“.

Pianist Anton Gerzenberg demonstriert verschiedene Wellenformen am Klavier und die Streicher zeigen Pizzikati. Der Moderator filmt alle Aktionen mit dem Tablet, so dass sie vergrößert auf einem Monitor zu sehen sind. Erinnerungen aus dem Publikum an sardinische Meeresluft und moosigen Lavaboden dienen dann als assoziative Hörhilfe für Chaya Czernowins „Ayre: Towed“. Während der Aufführung verwirbeln drei Kinder auf dem Tablet bzw. Bildschirm farbige Pixel wie Wasser, Lava, Sand und Wind.

Nach einer Dreiviertelstunde wird es etwas unruhig. In Generalpausen platzen Applaus und Zwischenrufe „Was soll das sein?“. Es wird mit den Klappsitzen gespielt, auf Papas Schoß herumgerutscht, munter dazwischen geredet oder lässig auf den Treppenstufen gefläzt. Dann gilt die ganze Aufmerksamkeit wieder der Uraufführung von Eloain Lovis Hübners „pizza crunch!“. Das tänzerische Metrum 3+3+2 stampfen und klatschen Ziavras und Arkona zur rhythmisch skandierten Wortfolge „pizza crunch, pizza crunch, pizza“, bis der ganze Saal mitmacht.

Schicksale schwarzer Frauen

Die schwarze Bühnenbedeckung diente dann im Abendkonzert als Kulisse für die in „longing to tell“ erzählten Schicksale schwarzer Frauen in den USA. Akua Narus Libretto zur „blues opera“ basiert auf dem 2003 erschienenen Buch der Hip-Hop-Wissenschaftlerin Tricia Rose. Dessen Untertitel „Black Women Talk About Sexuality And Intimacy“ verweist auf die darin versammelten Interviews. Schwarze Frauen berichten von Schutzlosigkeit, Missbrauch und Diskriminierung in der eigenen Familie wegen zu heller (!) Hautfarbe. Es geht um Prüderie, Pubertät, Sexarbeit, Zuhälterei, Teenager-Schwangerschaft, Gewalterfahrung, Drogenabhängigkeit sowie die Hoffnung auf Liebe, Ehe, Familienglück.

Akua Naru erzählt die 17 Episoden mit großer Emphase, lebhafter Gestik und Mimik sowie schauspielerischer Interaktion mit den Sängerinnen Journi Sings, Monique B. Thomas und Raymond Thomas. Tyshawn Sorey komponierte dazu Musik für Jazzquartett mit ihm selbst am Drumset sowie mit E-Bass, Klavier und dem fantastischen Josiah Woodson wahlweise an Trompete, Gitarre und Flöte.

Die Streicher des Hamburger Ensemble Resonanz rollen über weite Strecken bloß Klangteppich aus und verstärken die geschilderten Gefühlslagen. Die Musik bleibt meist im Hintergrund, aber doch so laut, dass sie den Text passagenweise verdeckt. Auch die diffuse Verstärkung erschwert die Verständlichkeit des englischen Texts. Während der ersten Dreiviertelstunde wird in dieser „blues opera“ nur gesprochen statt gesungen. Herausragend sind dann immerhin die Trompetensoli und kurz vor Schluss ein packender Gospel samt mitklatschendem Publikum.