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Konzert am Samstag Malcolm Mooney gab Kölns wichtigster Band Can ihren Namen

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Malcolm Mooney, bildender Künstler und ehemaliger Sänger von Can.

Malcolm Mooney, bildender Künstler und ehemaliger Sänger von Can.

Ende der 1960er schrieb US-Künstler Malcolm Mooney als Sänger der Kölner Band Can Musikgeschichte. Jetzt kehrt er für ein Konzert nach Köln zurück. 

Ob ich wisse, wer Heintje ist, fragt Malcolm Mooney, als wir am Ende unseres Gespräches die Treppe zu den Ausstellungsräumen der Düsseldorfer Galerie Max Mayer hinuntergehen. Der Kinderstar, der so herzerweichend nach seiner „Mama“ rief? Doch, natürlich. Aber warum?

Mooney, Jahrgang 1944, ist ausgebildeter Künstler. Berühmt wurde er indes als erster Sänger und Namensgeber von Can, der einzigen Kölner Band mit Weltgeltung. Woraufhin Mooney von einem Can-Konzert erzählt, bei dem Kölner Studenten außer Rand und Band – wir reden hier von den 1968er, 69er Jahren – die Bühne stürmten und der Sänger erschreckt die Flucht ergriff. „In der Presse wurde ich deswegen als Heintje verspottet.“

Es waren andere Zeiten. Dass Malcolm Mooney, angehender Bildhauer und Maler aus Yonkers, New York, überhaupt als Sänger mit deutschen Musikern auf der Bühne stand, war die Folge eines Missverständnisses. Hildegard Schmidt, die Frau des Can-Mitgründers Irmin Schmidt, hatte Mooney in Paris über einen gemeinsamen Freund, den Komponisten und Stockhausen-Schüler Serge Tcherepnin, kennengelernt und ihn nach Köln eingeladen.

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Malcolm Mooneys Gesangskarriere begann mit einem Missverständnis

Hildegard Schmidt hatte etwas von einem gemeinsamen Studio dort erzählt und der Kunststudent Mooney, der glaubte, sie hätte ihm einen Platz in einem Künstleratelier – einem „artist’s studio“ – angeboten, kratzte sein letztes Geld für die Zugfahrt nach Köln zusammen. Die Schmidts wohnten in einem Neubaugebiet in Bocklemünd, am Ende der Straßenbahnlinie. „Mich hat das an Long Island erinnert“, sagt Mooney.

Im Haus wurde er bereits von Irmin Schmidt, Holger Czukay und Michael Karoli erwartet und erst als Schmidt ihn fragte, ob er singen könnte, dämmerte es Mooney, dass von einem Aufnahmestudio die Rede gewesen war. Kurz darauf fand er sich mit der Band, die sich damals noch Inner Space nannte, auf Schloss Nörvenich wieder. Neben dem besagten Studio hatte der Bildhauer Ulrich Rückriem sein Atelier eingerichtet, eine Situation wie gemacht für Mooney: Wenn er gerade nicht bei den endlosen Improvisationen der Band gebraucht wurde, assistierte er Rückriem.

Die Doppelbegabung, schätzt Mooney, hat er von seinem Vater. Der spielte Klavier und arbeitete als Siebdrucker für andere Künstler. „Er wollte gerne selbst Künstler sein, aber ein Lehrer riet ihm, dass es für ich als Afroamerikaner besser wäre, für andere zu drucken. Aber er hat immer Aquarelle gemalt, und mir schenkte er Pinsel, Farben und Papier.“

In Rob Youngs und Irmin Schmidts Band-Biografie sind die ersten Momente von Malcolm Mooneys unverhoffter Musikkarriere festgehalten: Die Musiker spielen ihm ein Tonband mit einem mitreißend rhythmischen Stück vor, Holger Czukay spult zurück, drückt den roten Aufnahmeknopf und bittet Mooney ans Mikrofon zu treten, „er holt Luft, und die Worte prasseln wie ein Monsun auf das Band“. „Und darum“, erzählt Mooney heute, „habe ich die Band Can genannt, weil ich mir sagte: Ich kann das schaffen. Später behaupteten dann Leute, die Buchstaben stünden für ‚communism, anarchism, nihilism‘.“

Malcolm drängte uns zu einem Rhythmus.
Can-Bassist Holger Czukay

Der Song „Father Cannot yell“, mit dem Malcom Mooney damals ins kalte Wasser sprang, eröffnet das Can-Debütalbum „Monster Movie“. Später wird Czukay erzählen, wie erst der Amerikaner der improvisierenden Gruppe aus klassisch ausgebildeten Dirigenten, Elektronik-Tüftlern und Jazz-Profis eine musikalische Richtung gab: „Malcolm drängte uns zu einem Rhythmus.“

„Das war sehr nett von Holger“, sagt Mooney, „tatsächlich war es nicht schwer für mich, etwas in ihrer Musik zu finden. Und ich glaube, es war auch nicht schwer für sie, mit der Energie, die ich benutzte, mitzugehen.“ Vor allem zwischen Mooney und Schlagzeuger Jaki Liebezeit klickte es. Sie bildeten, erinnert sich Irmin Schmidt in einem älteren Interview, „vom ersten Moment an eine Einheit, eine rhythmische Zelle, von der eine unglaubliche Kraft ausging“. „Ich erinnere mich noch“, sagt Mooney, „dass Jaki immer wollte, dass ich mich ans Schlagzeug setze und ihm den Beat zeige, den ich brauche. Ich konnte Texte schreiben, vielleicht noch eine Melodie und einen Song, aber bestimmt nicht Schlagzeug spielen! Alles, was ich konnte, war ihm zu folgen.“

Bald zog Mooney aus Bocklemünd in Liebezeits Wohnung in der Domstraße 41 um, gleich hinter dem Bahnhof, er blieb für seine anderthalb Jahre mit Can. „Wir hingen oft im Panoptikum ab, einer Disko, und im Café Santa Marlena. Und dann gab es noch ein Pizza-Lokal, Bepi.“ Jetzt freut er sich darauf, die alten Plätze, die er seit mehr als einem halben Jahrhundert nicht mehr gesehen hat, wieder zu besuchen. Immer wieder unterbricht er das Gespräch, um sich an die Namen und Orte von damals zu erinnern. Es dauert nicht lange und sie sind alle wieder da.

Zum 50-jährigen Bestehen im Jahr 2017 der Band hätte Malcolm Mooney noch einmal zusammen mit Jaki Liebezeit auftreten sollen, in der Londoner Barbican-Konzerthalle, noch einmal seine mal manischen („You Do Right“), mal zärtlichen („She Brings the Rain“) Mantras zu Liebezeits swingenden Maschinenbeat vortragen sollen, doch der Schlagzeuger starb drei Monate vor dem angesetzten Termin.

Damals sprang unter anderem der Sonic-Youth-Drummer Steve Shelley ein, mit ihm spielt Mooney bis heute in seiner Band The Eleventh Planet, der unter anderem auch die gefeierte Jazz-Gitarristin Ava Mendoza angehört. „Ja, ich vermisse ihn, er war ein guter Freund“, sagt Mooney.  Wenn Mooney am kommenden Samstag zum ersten Mal seit Jahrzehnten in Köln auftritt, wird er im Jaki spielen, dem nach Liebezeit benannten Kellerclub des Stadtgartens.

Malcolm Mooney tritt am Samstag, 8. Juli zusammen mit dem Kollektiv Montel Palmer im Jaki auf, 20 Uhr, Tickets 12-20 Euro.

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