In ihrem neuen Roman „Alle meine Mütter“, den sie jetzt bei der lit.Cologne vorstellte, schreibt Lena Gorelik über eine Beziehung, die uns alle betrifft.
lit.Cologne mit Lena GorelikWie unsere Mütter uns prägen

Schriftstellerin Lena Gorelik war am letzten Tag der diesjährigen lit.Cologne mit ihrem neuen Roman „Alle meine Mütter“ in der Kulturkirche Nippes zu Gast.
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Noch nie habe sie so emotionale Reaktionen auf ein Buch erhalten, noch bevor es überhaupt fertig war, so die Schriftstellerin Lena Gorelik am Sonntagabend in der Kulturkirche Nippes im Gespräch mit Autorin und Moderatorin Carolin Emcke. Das Buch, das jetzt gerade erschienen ist, heißt „Alle meine Mütter“ und ist eine literarische Annäherung an das Thema Mutterschaft, ein Thema also, das uns alle betrifft, so Gorelik: „Wir sind alle geprägt von Müttern. Selbst wenn sie abwesend war oder man sie nicht kennengelernt hat, ist sie in dieser Lücke da.“
Kaleidoskop der Mutterschaft
Ihr Roman ist eine Art Kaleidoskop, das vielfältige Geschichten über Mütter – und ihre Kinder – versammelt und sie mit ihrer eigenen verbindet. In immer wechselnden Perspektiven und Formen erzählt Gorelik von dieser komplexen Beziehung mit all ihren ambivalenten Gefühlen, aber auch davon, was es bedeutet, ungewollt Mutter oder nicht Mutter zu sein. So beginnt das Buch auch mit der Geschichte eines Schwangerschaftsabbruchs. Gorelik ist, das wird an diesem Abend deutlich, viel daran gelegen, das normative Bild, das wir von Mutterschaft haben, die gesellschaftlichen Erwartungen und Idealvorstellungen zu hinterfragen, die wenig Platz lassen „für alles, was außerhalb dieser glücklichen Mutterschaft steht“.
Die Autorin, gerade mit dem Preis der Literaturhäuser 2026 ausgezeichnet, wurde 1981 im damaligen Leningrad geboren und kam 1992 mit ihrer Familie nach Deutschland. Immer wieder reflektiert und verarbeitet sie ihre russische Herkunft und ihre eigene Migrationsgeschichte in ihren Büchern, zuletzt in dem 2021 erschienenen autofiktionalen Roman „Wer wir sind“ – und auch in „Alle meine Mütter“ bringt sie ihre eigene Geschichte ein, schreibt über ihre Mutter, Großmutter und ihre eigene Rolle als Mutter. Dabei wurde die existenzielle Erfahrung der Krebserkrankung ihrer Mutter ungeplant zum roten Faden, obwohl sie erst gar nicht darüber schreiben wollte. Der drohende Abschied warf die Autorin auch auf sich selbst zurück: „Bevor die Mutter gegangen ist, musste man sich von sich selbst als Kind verabschieden, gerade bei einer jüdischen Mutter, von der man eben gewohnt ist, dass man im Zentrum steht.“
Trotzdem sei „Alle meine Mütter“ kein psychotherapeutisches Unterfangen, denn „indem ich das literarisch zu erfassen versuche, erfasse ich mehr als nur mich, sondern vielleicht Fragen, die universeller sein könnten“, so Gorelik an diesem letzten Tag der lit.Cologne. So stellt das Buch etwa Fragen darüber, was es bedeutet, wenn eine Mutter liebt, oder was wir überhaupt über unsere Mütter wissen. Denn anders als von anderen Menschen, die uns nahe stehen, hätten wir von ihr oft ein sehr gefestigtes Bild: „Ich habe versucht, diese eine Mutter aufzufächern in verschiedene Mütter und damit auch den Raum dafür zu öffnen, dass das nichts weiter ist als ein Blick, der in dem Moment da war, in dem ich diese Worte geschrieben habe.“
Lena Gorelik, „Alle meine Mütter“, Rowohlt Verlag. 272 Seiten kosten 24 Euro.

