Mütter leisten weiter den Großteil der Sorgearbeit. Der Muttertag ist laut einem Experten aber nur noch Kommerz und respektlos.
Kritik von Kulturwissenschaftler„Der Muttertag hat heute sogar etwas von Respektlosigkeit“

Muttertag - nur ein Tag für nette Deko?
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Laut dem Statistischen Bundesamt übernehmen Mütter von Kleinkindern Anfang Mai nach wie vor einen größeren Teil der Sorgearbeit und gehen seltener einer Berufstätigkeit nach als Väter in einer vergleichbaren familiären Lage. Am Muttertag selbst kommt dieses Thema jedoch kaum zur Sprache. Durch die Werbung wirkt der Tag heute primär wie ein kommerzielles Ereignis. Welche Relevanz hat diese Tradition in einer Gesellschaft, in der die Zahl der Mütter im Vergleich zu früher gesunken ist?
„Nicht in dem Sinn, dass durch ihn etwas verändert oder ein anderes Bewusstsein geschaffen werden soll“, erklärt Gunther Hirschfelder, der als Kulturwissenschaftler an der Universität Regensburg tätig ist. „Der Tag ist heute vom Kommerz getrieben und füllt wie der Valentinstag eine Leerstelle.“ Der Grund dafür sei, dass kirchliche Feierlichkeiten im Jahresverlauf an Wichtigkeit einbüßen.
Experte: Muttertag heute nur noch „Deko oder Verniedlichung“
„Wenn ich es rein kultur- und konsumkritisch sehen würde, dann hat der Muttertag heute sogar etwas von Respektlosigkeit“, fügt Hirschfelder hinzu. Die Lebensumstände von Müttern seien in der öffentlichen Debatte kaum ein Thema. Durch das Entgegennehmen von Präsenten werde ihnen eine ausschließlich passive Funktion zugewiesen. Dadurch erscheine der Tag wie schmückendes Beiwerk oder eine Bagatellisierung. In Milieus, die weniger akademisch und städtisch geprägt sind, habe er eine stärkere Bedeutung als im traditionellen Bürgertum.
Der Tag lege vor allem ein demografisches Problem offen, so die Meinung von Hirschfelder. „Mutter zu sein, ist in Deutschland heute keine Selbstverständlichkeit mehr.“ Im Rahmen der Rentendebatte von 1957 soll der erste Bundeskanzler, Konrad Adenauer, geäußert haben: „Kinder kriegen die Leute immer.“ Ein Blick auf die statistischen Daten belegt, dass er mit dieser Annahme falschlag.
Demografischer Wandel und neue Familienformen
Während bei den Frauen der Geburtsjahrgänge 1938 bis 1940 in Deutschland nur etwa elf Prozent ohne Kinder blieben, liegt dieser Anteil heute laut den Erhebungen des Statistischen Bundesamts bei stabilen 20 Prozent – unabhängig davon, ob dies beabsichtigt ist oder nicht. Ein Bevölkerungswachstum ohne Zuwanderung wäre in Deutschland nur möglich, falls 80 Prozent der Frauen mehr als zwei Kinder zur Welt brächten. Die durchschnittliche Geburtenrate beträgt bundesweit jedoch 1,35.

Blumen zählen zu den beliebtesten Geschenken am Muttertag. (Symbolbild)
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Darüber hinaus beobachtet Hirschfelder eine Veränderung durch die fortschreitende Auflösung der traditionellen bürgerlichen Kleinfamilie: „Bei Patchwork kann es für Kinder schon knifflig werden, wer zum Muttertag ein Geschenk bekommen soll“, so der Wissenschaftler. „Nur die leibliche Mutter oder auch die neue Frau des Vaters?“
Das Bild der Mutter in Familien mit Migrationshintergrund sei heute ebenfalls nicht zu übersehen. „Dort herrschen manchmal sehr konservative Rollenbilder vor, gerade mit Blick auf Frauenrechte kann das problematisch sein. Aber es gibt dort eben auch eine tiefere Form von Wertschätzung einer Mutter gegenüber als wir ihn hier kennen.“ Eine vergleichbare Art der Achtung stelle er auch in ihm bekannten Regionen der postsowjetischen Welt fest, etwa in Moldau und der Ukraine.
Traditionelle Unterschiede zwischen Ost und West
In den frühen 1960er-Jahren habe der Muttertag in Westdeutschland eine Art kleine Bühne dargestellt, die Frauen mindestens einmal jährlich in den öffentlichen Fokus rückte. „Das war eine Zeit, in der die gesellschaftliche Norm von Frauen verlangte, zu Hause zu bleiben und Kinder zu bekommen. Ein Leben in Pflichterfüllung, als Anhängsel des Mannes, quasi unsichtbar.“ Schon aus diesem Grund sei der Tag zu jener Zeit von Bedeutung gewesen. Erst in den 1970er-Jahren verbreitete sich in der Frauenbewegung Westdeutschlands der Spruch: „Danke für die Blumen. Rechte wären uns lieber!“

Muttertag - nur noch für 80 Prozent der Frauen. (Symbolbild)
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Die Gegebenheiten in Ostdeutschland stellten sich anders dar. In der DDR gingen Frauen mehrheitlich einer Arbeit nach. Der Fokus der Gesellschaft, mit Betonung auf Gleichberechtigung, lag jedoch auf dem Frauentag, während der Muttertag als private Angelegenheit galt. Hirschfelder will die Lage der Mütter im Osten dabei aber nicht verklären. „Bei der Traktoristin, der Melkerin oder der Baubrigade-Frau kam die Care-Arbeit für ihre Kinder noch obendrauf.“
Einzelhandel rechnet mit Milliardenumsatz
Einer repräsentativen Befragung des Meinungsforschungsinstituts YouGov mit 2122 Teilnehmenden über 18 Jahren vom April 2024 zufolge, verbinden Mütter mit „ihrem“ Tag größere Erwartungen als Väter mit dem Vatertag. Von den befragten Müttern äußerten 62 Prozent den Wunsch nach Geschenken von ihren Kindern, beispielsweise gemeinsam verbrachte Zeit (36 Prozent), Blumen (22 Prozent) oder Schokolade beziehungsweise Pralinen (9 Prozent). Bei den Vätern hingegen misst nur jeder zweite dem Vatertag eine Bedeutung bei.
Gemäß einer Schätzung des Handelsverbands Deutschland erwirbt dieses Jahr etwa ein Drittel der deutschen Bevölkerung (30 Prozent) Präsente zum Muttertag, wobei durchschnittlich 18,72 Euro pro Person ausgegeben werden. Der Verband prognostiziert einen Gesamtumsatz von über einer Milliarde Euro.
Die Herkunft des Muttertags und die Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten
Der Ursprung der Idee zum Muttertag liegt in den USA. Der zweite Sonntag im Mai wurde dort im Jahr 1914 zum nationalen Feiertag erklärt. In Deutschland stammte die Initiative zu Beginn der 1920er-Jahre vom Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber. Der Kulturwissenschaftler Hirschfelder betrachtet den Tag in dieser Epoche auch als eine Art „Trostpflaster“ für Mütter, die im Ersten Weltkrieg ihre Söhne verloren hatten.
Laut der Erziehungswissenschaftlerin Astrid Messerschmidt von der Universität Wuppertal fiel die Initiative in eine Epoche, die von Vorläufern des NS-Gedankenguts geprägt war. Dieses schuf mit dem Ideal der „Soldatenmutter“ ein Gegenmodell zur emanzipierten Frau der Weimarer Republik. Schließlich wurde der Tag von den Nationalsozialisten politisch-ideologisch instrumentalisiert, indem sie ihn zu einem staatlich inszenierten Ritual der Propaganda und Ehrung für die Mutterschaft als Dienst am Volk machten. (dpa/red)
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