Neue ChatGPT-VersionWie Scarlett Johansson OpenAI-Chef Sam Altman blamiert

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Scarlett Johansson schaut im Halbdunkel zu einem Mann auf, ihr Profil wird von der Seite angeleuchtet.

Scarlett Johansson während des White House Correspondents' Association Dinner in Washington.

ChatGPT-4o flirtet mit seinen Usern und klingt dabei verdächtig nach der „Her“-Schauspielerin. 

In der vergangenen Woche demonstrierte OpenAI die neueste Version seines Chatbots, ChatGPT-4o. Die kann nun erstmals via Sprachassistent mit dem Nutzer kommunizieren. Fünf verschiedene Stimmen – Breeze, Cove, Ember, Juniper und Sky – stünden zur Verfügung. Zu hören bekam man nur letztere. „Willst Du mir sagen, woher diese guten Schwingungen kommen?“, fragte Sky ihren User während der öffentlichen Leistungsprobe. Sie hatte seine Gesichtszüge über das Kamerabild korrekt interpretiert. Er wäre einfach froh, weil ChatGPT so gut funktioniert, charmierte der menschliche Teil der Schnittstelle. Woraufhin Sky zurück flirtete: „Ach, hör auf, ich werd‘ rot.“

Unweigerlich fühlte man sich an Spike Jonzes 2013er-Film „Her“ erinnert, der Liebesgeschichte zwischen einem, von Joaquin Phoenix gespielten, schüchtern-verschlossenen Mann namens Theodore Twombly und seinem sprechenden Betriebssystem Samantha. Dem hatte damals Scarlett Johansson ihre Stimme geliehen. Allen Anschein nach hatte nun die Wirklichkeit die elf Jahre alte Science-Fiction-Geschichte eingeholt. Denn, das war doch erneut Johansson, die hier die körperlose Wunschfreundin gab?

Kurz nach der Demonstration schickte OpenAI-Chef Sam Altman einen Ein-Wort-Tweet ab: „her“. In seinem Blog ergänzte er begeistert: „Es fühlt sich an wie die Künstliche Intelligenz aus einem Film, und es überrascht mich immer noch ein wenig, dass sie echt ist.“ Dann meldete sich die Schauspielerin selbst zu Wort. Nein, das sei nicht ihre Stimme. Schockiert und verärgert sei sie, ja sie könne es kaum glauben. Vor allem, da Sam Altman sie mehrmals angefragt habe, zuletzt noch zwei Tage vor der ChatGPT-4o-Demo – und jedes Mal habe sie sein Ansinnen abschlägig beschieden.

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OpenAI ruderte eiligst zurück. Es handele sich bei „Sky“ keineswegs um eine Imitation von Scarlett Johansson, sondern um die natürliche Sprechstimme einer anderen Aktrice, die anonym bleiben solle.

Nun ist „Her“ keine technikfeindliche Dystopie. Die KI-Sprachassistenten wollen nicht die Weltherrschaft übernehmen, sie wollen nur auf lange Sicht unter sich bleiben. So interessant sind Menschen halt gar nicht.

Trotzdem muss man sich fragen, ob Altman den Film eigentlich verstanden, beziehungsweise bis zum Ende gesehen hat. Schlussendlich findet Theodore nämlich eine reale Freundin, schließt auch Frieden mit seiner Ex-Frau, kurz: Er bricht aus dem geschlossenen Feedback-Loop von bedürftigem User und Bedürfnisse befriedigender Maschine aus. Er lernt, sich mit Menschen in der richtigen Welt auseinanderzusetzen.

Schlimmer als dieses Missverständnis wiegt aber der unfreiwillig erbrachte Beweis, dass OpenAIs Künstliche Intelligenz im Grunde ein raffinierter Algorithmus zum Plagiieren kreativer menschlicher Leistungen ist.

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