Phil.CologneVom Streit zur Hassrede

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  1. Zwei Talkrunden über Wege zur zivilisierten Debatte

Wie ist es heute überhaupt möglich, zivilisiert zu streiten? Eine Debatte darüber könnte sich an vielen Beispielen entzünden, an diesem Abend fiel die Wahl auf einen Skandal-Satz von Alexander Gauland, der deswegen an dieser Stelle noch einmal zitiert werden muss. „Hitler und die Nazis“, so sagte er, seien „nur ein Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“. Was macht man mit so etwas?

Es war Bernhard Pörksen, der die Frage aufwarf, wie die Gesellschaft auf „Idioten“ reagieren sollte, die eindeutig rote Linien überschreiten. Für den Professor für Medienwissenschaften an der Universität Tübingen ist klar: Entgleisungen dürften nicht mit Widerhall belohnt werden.

Ähnlich sah das seine Gesprächspartnerin, die Philosophin Marie-Luisa Frick, die neben der „klugen Ignoranz“ noch das „gezielte Nachfragen“ aufs Tapet brachte. Entlarvung durch Argumentation. Und wie wäre es mit Satire? – Ein Vorschlag aus dem Publikum.

Schön, wenn alles so einvernehmlich geregelt werden könnte. Die 6. Phil.Cologne schloss am Samstag mit zwei Gesprächsrunden, die allerdings nur eines in aller Eindeutigkeit bestätigten: Dass es kein Ende der Geschichte, also keinen Sieg des wirtschaftlichen und politischen Liberalismus gibt.

Nichts an der Demokratie ist selbstverständlich. Es muss weiterhin gestritten werden. Aber anders als bisher. Das Erbauliche an diesem Abend war, dass dabei keine Spur von Pessimismus aufkam. Von allen Denkern wurde es als problematisch empfunden, die vorgenannten roten Linien heute deutlich und für jedermann überhaupt zu definieren. Das sei so schwierig, da wegen der Digitalisierung die Öffentlichkeit in viele einzelne Resonanzräume zerfalle.

Mit neuem Selbstbewusstsein äußern sich heute Menschen, die vor der Medienrevolution völlig unterrepräsentiert waren. Der Diskurs wabere nun zwischen Hassrede und übersteigerter Political Correctness und zwar in einer Geschwindigkeit, die wenig Zeit für die Wahrheitsfindung lässt. Das beunruhigt offenbar vor allem die Bildungselite. Die ist derart nervös, so Pörksen, dass aus ihren Reihen bedenkliche Ideen auftauchen, wonach beispielsweise das Wahlrecht nur erlangen darf, wer vorher in einem Test zwischen Verschwörungstheorie und Nachricht unterscheiden kann.

„Wir sind es einfach nicht gewohnt, auf so viel Widerspruch zu stoßen“, sagt Frick, und spricht von der „Demokratie als narzisstische Kränkung für unsereins“ und meint ebenfalls die Gebildeten, die es nicht ertragen dass jeder Widerspruch erheben darf. So ist es aber. Nicht die Herrschaft der Klugen, sondern der zivilisierte Streit für das Gemeinwohl unter politischen Gegnern sei das Ziel. Beide waren sich einig, dass kein Mensch der Entwicklung mental gewachsen ist. Um die Chancen zu nutzen, braucht es Regeln und eine gewisse Reife. Pörksen spricht in aller Zuversicht von einer Bildungsherausforderung – eine perfekte Überleitung für die folgende Runde, in der man mit Sorge auf die infantilisierte Gesellschaft schaute.

Auf dem Podium: Robert Pfaller, Philosoph, mit folgender Ausgangsanekdote: Er wurde jüngst konfrontiert mit einem Warnhinweis vor einem Film für Erwachsene, in dem Erwachsenen-Sprache gesprochen wird, die einen Erwachsenen verletzen könnte. „Damit werden erwartbare Standards ausgehebelt.“ Das sei eine Entmündigung unter dem Vorwand, auf Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen. Am Ende nutze diese Art der Political Correctness aber keiner Minderheit.

Auch Maria Sybilla Lotter, Professorin für Ethik und Ästhetik an der Uni Bochum sieht in der Hypersensibilität ein Problem, sollte sie zur Basis eines Gesprächs werden. Das nutze einer Distinktion durch „moralische Überlegenheit“, nicht aber der Sache. Weniger Verklemmtheit, mehr Selbstdistanz und mehr Wohlwollen wurde gefordert. Erwachsensein heißt, so Pfaller, unterschiedliche Dimensionen in der Sprache erkennen zu können, sei es Humor, Kritik oder Ironie. „Wer sie verbannt, weil sie möglicherweise missverstanden werden können, macht ein Gespräch unmöglich.“

Mündigkeit zutrauen – so endet ein Plädoyer für das Erwachsensein. Vielleicht ließe sich dann auch zivilisierter streiten.

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