Er gab undurchdringlichen Institutionen ein menschliches Gesicht. Zum Tod des großen Dokumentarfilmers Frederick Wiseman.
Regisseur Frederick Wiseman gestorbenDie Bürokratie, die mich liebte

Frederick Wiseman 2024 beim Festival in Cannes
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In seiner Liebe zur Bürokratie, spottete ein Filmkritiker über Frederick Wiseman, werde er nicht einmal von Franz Kafka übertroffen. Tatsächlich war der Dokumentarfilmer den großen öffentlichen Institutionen und ihren labyrinthischen Höhlengängen treu ergeben: von den endlosen Krankenhausfluren in „Hospital“ bis zu den überlaufenden Museumssälen von „National Gallery“. In ihnen suchte Wiseman weder kafkaeske Helden noch Führer durch den Wirrwarr der Verwaltungsstrukturen. Stattdessen verfolgte er geduldig den Betriebsalltag, bis ihm aufging, wie aus dem kleinen Beitrag vieler Menschen etwas entstand, das mehr ist als die Summe seiner Teile.
Sein erster Film, „Titicut Follies“, führte Wiseman 1967 in eine staatliche Psychiatrie für „kriminelle Geisteskranke“, in der er Übergriffe des Personals gegen die Insassen dokumentierte. Dabei war Wiseman weniger am Skandal interessiert als daran, wie Institutionen funktionieren – im Guten wie im Schlechten. Kurz vor der Premiere des Films erstritt die Regierung von Massachusetts ein bis 1992 gültiges Aufführungsverbot für die USA. Wiseman, von Beruf Rechtsanwalt, ließ sich davon nicht entmutigen, und erstaunlicherweise standen ihm fortan sämtliche Türen offen.
Frederick Wiseman nannte seine Filme „Realitätsfiktionen“
In seiner langen Karriere drehte Wiseman an Schulen und in einer Polizeistation, in der staatlichen Wohlfahrtsbehörde und im Parlament von Idaho, hinter den Kulissen des American Balletts und in einem riesigen Schlachthof, in der New Yorker Bibliothek und in der Verwaltung des Central Parks. Er begleitete die Menschen, die dort arbeiteten, und die Menschen, die dort Hilfe suchten, stets diskret im Hintergrund. Seine Filme haben weder einen einordnenden Kommentar noch Figuren, denen Wiseman die Rolle eines Erzählers überträgt. Vielleicht haben seine Filme nicht einmal eine Botschaft, außer der Überzeugung, dass die Institutionen ein Spiegelbild des Landes sind.
Wisemans besondere Liebe galt den Betrieben, in denen ein demokratischer Geist bürokratische Gestalt annahm – wie der New Yorker Stadtbücherei, einem Moloch aus Menschen, Steinen und Papier, den er 2017 in „Ex Libris“ porträtierte. Allein für diesen Film muss Wiseman endlose Stunden in langweiligen „Meetings“ verbracht haben, die in der gut dreistündigen Endfassung des Films so kurzweilig erscheinen, dass man schon wieder vermuten konnte, die Gefilmten würden für ihn ein Schauspiel aufführen.
Die Idee seines Filmstils war eine andere: unsichtbar sein, die Wirklichkeit nicht verfälschen. Allerdings wusste Wiseman, dass dieses Ideal unerreichbar war. Er nannte seine Filme „Realitätsfiktionen“ und ahnte wohl, dass sich ihm die von seinem Interesse geschmeichelte Bürokratie stets von ihrer besten Seite zeigen wollte. Jetzt ist Frederick Wiseman im Alter von 96 Jahren gestorben. Und lässt uns mit Kafka allein.

