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Premiere am Schauspiel Köln
Gruseln Sie sich noch oder langweilen Sie sich schon?

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Kristin Steffen in „Once I lived with a stranger“  

Köln – „Teilt Eure Erfahrung“, fordert der „Guardian“ seine Leser allwöchentlich auf, in der Kolumne der britischen Zeitung finden sich so hübsche Absonderlichkeiten wie „Ich kümmere mich um die älteste Topfpflanze der Welt“, „Ich backe Rezepte, die ich auf Grabsteinen finde“ oder „Ich habe auf einem Metallica-Konzert entbunden“. 

Hier hat die Regisseurin Marie Schleef die Vorlage für ihre Inszenierung „Once I lived with a stranger“ gefunden. In dem Beitrag erzählt eine Frau mit dem sprechenden Namen Amber Dawn, wie sie Mitte der 1990er im Alter von 20 Jahren ein Apartment im Kuhkaff Enumclaw bezog, im US-Bundesstaat Washington. Wie sie schon in der ersten Nacht Schritte an der Decke hörte, obwohl sie doch im obersten Stock wohnte. Wie in den nächsten Monaten Softdrinkdosen und Fertigsuppen verschwanden, wie sie Türen verschlossen vorfand, die sie offen gelassen hatte.

Eine Geistergeschichte, jedenfalls insofern, als der fremde Mitbewohner unsichtbar bleibt. Als solche hat Schleef sie auch inszeniert. Stumm betritt Kristin Steffen ihr neues Heim im Depot 2. Das wird von einem weißen, überdachten Pavillon mit Vorhängen als Wänden dargestellt (Bühne: Lina Oanh Nguyen). Einziges Möbel ist ein kugelförmiger Kaktus, im Volksmund Schwiegermuttersessel genannt, wie auf den Dachgiebel projizierte Übertitel erläutern.

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Der Bass pulsiert 75 Minuten lang

Diese Titel erzählen die wesentlichen Eckdaten der Geschichte. Wirklich sehr schöne comicartige Animationen (von Seongji Jang) auf einem nicht ganz rund ausgeschnittenen Mond funktionieren als Großaufnahmen der Handlungen, die Steffen nur pantomimisch vollzieht. Spannung erzeugt hauptsächlich das an- und abschwellende, aber stetig pulsierende Bassklopfen des Sounddesigns.

Das strapaziert im Verein mit den Zeitlupenbewegungen von Steffen gewaltig die Nerven der Zuschauer; entspannen können sie sich nur nach ein, zwei, eher mild geratenen Jump-Scares – so nennt man die Schachtelteufel-Schreckmomente, die gute Horrorfilme nur sparsam einsetzen. Hier hätte man sich fast mehr davon gewünscht. Denn trotz der Länge von nur 75 Minuten ist dieser Abend über weite Strecken eine Geduldsprobe.

Die Lust, sich auf einen Kaktus zu setzen

Die Aufmerksamkeit der Zuschauer hält Schleef vor allem durch technischen Feinschliff; die eigentliche Kunst ihrer Inszenierung liegt in der Millimeterarbeit, mit der sie sie Klang und Licht, Live-Spiel, Trickfilm und Texttafeln passgenau zur Wirkung bringt.

Und Kristin Steffen bleibt selbst ihrer Stimme beraubt eine Meisterin darin, Anspannung und Nervosität auszustrahlen, dabei jedoch stets den Schalk aufblitzen zu lassen. Wenn sie sich, das Gesicht vor Schmerz (und auch ein wenig Lust) verzerrt, ganz langsam auf den stacheligen Schwiegermuttersessel hockt, kribbelt es entsprechend in den Hinterteilen  der Zuschauer im Depot 2.

Allemal unheimlich wirken die Passanten – eine Fahrradfahrerin, ein Mann mit Rollator, ein Eis lutschendes Mädchen – die ein, zwei Runden ums Haus drehen und dabei ein wenig länger starrend verharren, als es irgendjemanden angenehm wäre.

Stückbrief

Regie: Marie Schleef

Bühne, Kostüme: Lina Oanh Nguyen

Animation, Bühne: Seongji Jang

Komposition, Sound Design: Nguyen + Transitory

Media Operator, Künstlerische Mitarbeit: Ruben Müller

Licht: Jürgen Kapitein

Dramaturgie: Sarah Lorenz

Mit: Kristin Steffen

Termine: 18., 22. September, 7., 29. Oktober, Depot 2, 75 Minuten, keine Pause

Noch stärker wirken die kleinen surrealen Einsprengsel, mit denen sich Schleef von ihrer eher prosaischen Vorlage emanzipiert: Etwa wenn sich Steffen im Schattenriss in den hoch aufragenden Kaktus verwandelt, der eben noch unbeschädigt neben dem Haus stand. Oder wenn sie sich eine Strähne ihrer roten (Perücken-)Haare zum Pony abschneidet und diese – ins Monströse vergrößert – zum Vorhang des Hauses werden.

Am Ende stürmt ein Sondereinsatzkommando die Szene, mehr wollen wir an dieser Stelle nicht spoilern. Dafür aber verraten, dass der nur langsam verhallende Grusel und  das unaufgelöste Unbehagen, die beim Publikum zu erzeugen sich Schleef redlich bemüht hat, sich nie wirklich einstellen wollen. Zumindest beim Rezensenten: Die Frage, was Erschrecken auslöst, lässt sich nur individuell beantworten, beim Lachen verhält es sich ja ganz ähnlich. 

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„Ein Phantombild“ hat die Regisseurin den Abend untertitelt. Was, wenn das Phantom auf dem Dachboden nur in der Vorstellung der jungen Frau existiert hat? Ja: was? Die Frage führt bei dieser Kunstübung letztlich nirgendwo hin. Schleef lässt einfach zu viele Leerstellen, als dass man an dieser Erfahrung teilhaben könnte. Und für einen Spielzeitauftakt ist der Abend dann doch ziemlich dünn geraten. 

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