In der Düsseldorfer Bühnenfassung von Tolstois „Krieg und Frieden“ wird sechs Stunden lang Geschichte gemacht.
Uraufführung in DüsseldorfSechs Stunden „Krieg und Frieden“? Vergehen wie im Flug!

Natascha (Blanka Winkler) pflegt den verwundeten Andrej (Jonas Friedrich Leonhardi)
Copyright: Thomas Rabsch
Zehn Jahre, das darf man eine Ära nennen. Zum Ende der Spielzeit verabschiedet sich Wilfried Schulz nach zehn Jahren als Intendant vom Düsseldorfer Schauspielhaus. Eine Dekade des Friedens im Kulturleben der Hauptstadt, die sich oft im Krieg mit ihrer jeweiligen Theaterleitung befunden hatte. Schulz aber hinterlässt seinem Nachfolger, dem Schweizer Andreas Karlaganis, ein Haus mit traumhaften Auslastungszahlen. Dabei hatte der vormalige Dresdener Staatstheaterchef 2016 eine Baustelle vorgefunden, musste sich drei Jahre lang mit einer Sanierung herumplagen. Weshalb Schulz nun noch einmal einen großen Aufschlag in der damaligen Ersatzspielstätte, dem Central, in Auftrag gegeben hat: „Krieg und Frieden“, Lew Tolstois meisterliches Mammutwerk über eine saturierte Gesellschaft, in die der Feind einbricht.
Armin Petras, just zum neuen Bremer Intendanten ausgerufen, hat die Spielfassung aus dem rund 2000 Seiten umfassenden Roman erstellt (vor 18 Jahren hat er bereits „Anna Karenina“ auf die Bühne gebracht). Regisseur Tilmann Köhler bringt die schnell voranschreitende, schlaglichterartige Adaption auf einen breiten, kulissenlosen Laufsteg (Bühne: Karoly Risz), zu dessen beiden Seiten das Publikum immer nah am Geschehen bleibt.
Das Publikum bleibt immer nah am Geschehen im Central
Der lange Abend beginnt, wie im Roman, in medias res im Petersburger Salon der Gesellschafterin und Hofdame Anna Scherer (Sonja Beißwenger). Man tanzt und fachsimpelt über Napoleon (Claudia Hübbecker), der sich in Paris gerade selbst zum Kaiser gekrönt hat. Pierre (Matthias Reichwald), der in Frankreich erzogene, uneheliche Sohn des Grafen Besuchow, spricht durchaus mit Bewunderung von den Reformen des kleinen Korporals, sein Freund, der Fürstensohn Andrej Bolkonsky (Jonas Friedrich Leonhardi) träumt dagegen vom Ruhm, den er in der Schlacht gegen den französischen Eroberer zu erringen gedenkt, seine schwangere Frau lässt er beim strengen Fürstenvater in der Provinz zurück.
Köhler verzichtet auf große Regie-Ideen, erzählt lieber die Handlung so übersichtlich und eindrücklich wie möglich, nutzt dazu die gesamte Architektur der großen Halle aus. Das entspricht einerseits dem Tolstois’schen Ideal des klaren, fast durchscheinenden Stils, ist andererseits auch nötig, um Petras’ skizzenhaften Szenen zu folgen, mit 14 Spielenden im fliegenden Wechsel zwischen 41 Rollen: keine Atempause, Geschichte wird gemacht.

Die Laufsteg-Bühne im großen Saal des Central
Copyright: Thomas Rabsch
Die Premiere war ursprünglich auf fünf Stunden angesetzt, inklusive zweier Pausen und Verköstigung (Chili con oder sin Carne, kein Borschtsch) – es wurden dann doch sechs. Doch bedenkt man, dass die Hörbuchfassung mehr als 60 Stunden umfasst, vergehen die Napoleonischen Kriege hier wie im Zeitraffer: „Tausend Jahre sind ein Tag“, wie einst Udo Jürgens sang.
Oder vielmehr: Was bei Tolstoi als langer, ruhiger Fluss erscheint, wird im Central zum reißenden Strom. Dass etwa die fortwährende Sinnsuche des ungelenken Grüblers Pierre – vom Atheisten zum Freimaurer zum sozialen Reformer – in der Verdichtung eher karikaturenhaft anmutet, geschenkt.
Wir erleben eine Gesellschaft im Kriegszustand
Wirkt sie doch in einem anderen Aspekt umso erhellender: Wir erleben eine Gesellschaft im Kriegszustand. Das Leben geht weiter, Pierre wird von seinem sterbenden Vater schließlich anerkannt und ist plötzlich eine gute Partie, aber die verarmte Adelstochter, die er sich als Gattin aufdrängen lässt, betrügt ihn mit halb Moskau.
Andrej verliert auf dem Weg zum Schlachtfeld von Austerlitz noch seine letzten Illusionen über die Großartigkeit des Krieges. Weil er dort aber mit wehender Fahne in der Hand schwer verwundet fällt – Napoleon lässt den Tapferen höchstselbst ins Lazarett bringen –, kehrt er als Kriegsheld nach Russland zurück. Nur, um ein letztes Mal seine Frau (Sophie Stockinger) in den Armen zu halten, die bei der Geburt des Sohnes stirbt. Jetzt ist er alleinerziehender Vater und sieht doch nichts mehr, für das es sich zu leben lohnt.
Das ist „Krieg und Frieden“ auf den Punkt gebracht: Der Krieg frisst sich in die Seifenoper des Lebens – das russische Wort für „Frieden“ kann bekanntlich auch „Welt“ oder „Gesellschaft“ bedeuten. Kein Aspekt bleibt von ihm unberührt, keine Affäre, kein individuelles Geschick, er findet nicht nur an der Front, sondern ebenso im Salon statt. Er verdirbt auch die Liebesgeschichte zwischen Andrej und der jungen Natascha Rostowa – Blanka Winkler verleiht der Ungestümen ein gerüttelt Maß an Selbstbewusstsein, und was leicht ins ältliche Klischee vom Wildfang kippen könnte, gerät zum Höhepunkt und Herz der Aufführung.
Am Ende brennt Moskau, die Russen haben die Stadt aus Holz selbst angezündet, haben begriffen, dass sie alles aufgeben müssen, um den landgierigen Feldherrn-Kaiser zu besiegen. Rechts und links des Laufstegs betrachten wir diese Menschen, von denen uns 200 Jahre trennen, und erkennen uns selbst, unsere Welt und die Kriege, die bis in unsere gemütlichen Wohnzimmer züngeln.
So wie die Astronomie, schreibt Tolstoi in den Nachbetrachtungen zum Roman, sich vom falschen Bewusstsein der Unbeweglichkeit im Raum lossagen musste, sollten sich die Menschen von der Illusion der Freiheit befreien: Wir sind alle Gefangene der Geschichte.
Termine: 27.2.; 14., 29.3.; 6., 26.4.; 10.5., Central, Düsseldorfer Schauspielhaus

