Das Heiratsversprechen zwischen Taylor Swift und Travis Kelce vereint sogar die tief gespaltenen USA.
Verlobung mit Travis KelceWas Taylor Swift von der Habsburger-Dynastie gelernt hat

Football-Star Travis Kelce und Singer-Songwriterin Taylor Swift haben sich verlobt.
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Ein glückliches Paar umarmt sich im Blumengarten. Demonstriert Nasenspitze an Nasenspitze Innigkeit, vergisst dabei freilich nicht, den großen Verlobungsring an Taylor Swifts linkem Ringfinger ins rechte Licht zu rücken. Rund 650.000 Dollar könnte der den Antragssteller Travis Kelce gekostet haben, schätzt ein Experte im Fachmagazin „Gala“. Die Zeile unter dem Instagram-Bild der Frischverlobten ist dagegen von reizend schelmischer Bescheidenheit: „Eure Englischlehrerin und euer Sportlehrer heiraten.“
2,3 Millionen Menschen drückten den Like-Button, Fernsehanstalten unterbrachen ihr Programm für die „Breaking News“, Swifts gestreiftes Ralph-Lauren-Sommerkleid war binnen 20 Minuten weltweit ausverkauft.
Dazu ein Dynamit-Emoji und ein Schnipsel aus Swifts Song „So High School“. „Ich fühle mich jedes Mal wie in der Highschool, wenn ich dich anschaue“, haucht die 35-Jährige darin dem Tight End ihres Herzens ins Ohr. Und ergänzt, ganz die Lehrerin: „Du weißt, wie man ballert, ich kenn' Aristoteles.“
2,3 Millionen Menschen drückten den Like-Button
Wie eigentlich immer im Fall von Taylor Swift ist das Privatleben der Sängerin von dessen Inszenierung kaum zu trennen. Sie scheint gewissermaßen für ihr Tagebuch in Songform zu leben, ist ständig auf Sendung, wenn auch mit der im Live-Geschäft üblichen Zeitverzögerung, um unerwünschtes Material rechtzeitig herausschneiden zu können. Dass die Marianne-Rosenberg-Frage „Ist es wahre Liebe?“ im Falle des Popstars und des Footballers höchstwahrscheinlich positiv zu beantworten ist, schließt den strategischen Wert der Verbindung nicht aus. Allen Anschein nach sind Swift und Kelce bereits seit geraumer Zeit verlobt. Der Vater des Bräutigams erwähnte das in einem TV-Interview. Als er seinen Sohn fragte, wann die beiden es denn öffentlich machen wollten, habe dieser geantwortet: „Wenn Taylor sagt, dass es so weit ist.“
Bislang sah das Swift'sche Geschäftsmodell eine glanzvolle, aber zeitlich begrenzte Beziehung mit einem berühmten Schauspieler (Joe Alwyn, Tom Hiddleston) oder Musiker (Harry Styles, Calvin Harris, Matty Healy) vor, deren Misslingen der in ihren Gefühlen verletzten, intellektuell jedoch überlegenen Sängerin Stoff für ihr nächstes Stück oder gleich ein ganzes Album lieferte. Von der verrätselten Anspielung bis zum Quasi-Rufmord der an Hollywood-Star Jake Gyllenhaal gerichteten Zeilen aus der Zehn-Minuten-Version von „All Too Well“: „Ich war nie gut darin, Witze zu erzählen, aber die Pointe lautet: Ich werde älter, aber deine Geliebten bleiben in meinem Alter.“
Je schlechter ihre Verflossenen in ihren Songs wegkamen, desto triumphaler entstieg die Enttäuschte der Asche der Brücken, die sie hinter sich abgebrannt hatte. Ihren überwiegend weiblichen Fans vermittelte sie dabei das Gefühl, von der besten Freundin ins Vertrauen gezogen zu werden. Weshalb viele Millionen Menschen Swifts Liebesleben schon seit Jahrzehnten mit einer Intensität verfolgen, als ginge es um ihr eigenes.
In „How Did It End?“, einem Stück von ihrem 2024er-Album „The Tortured Poets Department“ problematisiert die Sängerin dieses seltsam symbiotische Verhältnis zwischen Swift und Swifties. Sie hat wohl längst kapiert, dass der Vorwurf des entwicklungsgehemmten Wiederholungszwangs, den sie ihrem Ex in „All Too Well“ macht, eventuell auf sie selbst zutreffen könnte. Dass sie nicht die stets gleichen Scharmützel ausfechten sollte, egal wie siegreich sie am Ende aus ihnen hervorgeht. Weshalb sich Taylor Swift nun am Leitmotiv der Habsburger-Dynastie orientiert: „Kriege mögen andere führen – du glückliches Österreich, heirate!“
Eine dynastische Heiratspolitik wie aus vormodernen Zeiten
Ihr Auserwählter, der handfeste Starspieler der Kansas City Chiefs, passt denn auch so gar nicht in den bisherigen Liebesreigen aus fragilen Kreativen. Über Travis Kelces charakterliche Vorzüge mag man aus der Ferne spekulieren, andere Vorteile liegen auf der Hand: Kelce eröffnet seiner prominenten Freundin die kernig-männlich geprägte Welt der National Football League, eine völlig neue Zielgruppe und ein zuvor unerreichbares Territorium für den Megastar, vielleicht die einzige Chance für die berühmteste Frau der Welt, noch ein wenig berühmter zu werden. Was zu beweisen war: Selbst beim diesjährigen Super Bowl, den die Kansas City Chiefs kläglich verloren, zog Swift fast die gesamte mediale Aufmerksamkeit auf sich. Im Gegenzug hat sie den Bekanntheitsgrad des Tight Ends Kelce exponentiell erhöht. Der muss sich mit seinen ebenfalls 35 Jahren auch viel mehr Gedanken um das Ende seiner aktiven Karriere machen als sie um die ihre.
Natürlich geht es um PR, ist die Verlobung Teil des Promotionzyklus' von Swifts im Oktober erscheinenden neuen Album „The Life of a Showgirl“. In dem bewegt sie sich voraussichtlich weg von der bekenntnishaften Dienstleistung für die treuesten Fans, hin zur weltumspannenden Popgeste ihres 2014er-Albums „1989“.
Aber es hängt noch mehr an dieser Verbindung. Man kann die Verlobung des ungleichen Paares guten Gewissens mit der dynastischen Heiratspolitik des Hochadels aus vormodernen Zeiten vergleichen. Zwei Riesenreiche aus der Welt des Entertainments, die Popmusik und der Sport, vereinen sich in dieser versprochenen Ehe. In ihrer Kennenlernphase bewunderten sich die Verliebten gegenseitig aus den VIP-Logen von Stadien, als absolvierten sie Staatsbesuche. Schließlich wagte sich Swift nach einem gewonnenen Football-Spiel zum feiernden Freund auf den Rasen, überraschte Kelce seine Angetraute in Frack und Zylinder in London auf der Bühne der „Eras“-Tour.
Selbst die tief gespaltenen USA scheinen sich in Gestalt der Verlobten symbolisch wiederzuvereinigen: Die liberale Küstenbewohnerin und der konservativ geprägte Mann des mittleren Westens scheinen sich zu ergänzen wie Yin und Yang, als ginge es nicht um die Zukunft der Demokratie im Land, sondern lediglich um kleinere Mentalitätsunterschiede, wie sie als Vorlage zu Sitcom-Witzen oder zum zusätzlichen sexuellen Anreiz dienen.
Selbst Donald Trump, der öffentlich erklärt hatte, die Sängerin zu hassen, nachdem diese eine Wahlempfehlung für seine Gegnerin Kamala Harris ausgesprochen hatte, gratulierte zur Verlobung. Ein „großartiger Kerl“ sei Kelce – und Swift eine „wunderbare Person“.