Abo

Zum Tod von Jürgen HabermasDas Leben als Frage gelingender Kommunikation

7 min
Jürgen Habermas, sitzt vor einer Bücherwand an seinem Schreibtisch.

Jürgen Habermas, Sozialphilosoph und Soziologe der "Frankfurter Schule", aufgenommen im August 1981 in seinem Haus in Starnberg.

Er war der prägende Philosoph der Bundesrepublik. Jetzt ist Jürgen Habermas im Alter von 96 Jahren gestorben.

Auf die Frage dieser Zeitung, was ihn angesichts des Weltlaufs von der Verzweiflung abhalte, antwortete Jürgen Habermas einmal unter Verweis auf Kant: „Verzweiflung ist unausdenkbar.“ Tatsächlich war Deutschlands über Jahrzehnte hinweg prominentester und wirkmächtigster Philosoph kein Denker der Verzweiflung – und auch keiner der „Negativität“, wie sein Lehrer Theodor W. Adorno. Sein Blick auf Menschen und Dinge war illusionslos, aber nicht defätistisch. Wechselseitige Bestätigungen, wie furchtbar doch alles sei, machten ihn schnell ungeduldig.

Trotzdem ist die Frage, ob Habermas, der am Freitag 96-jährig an seinem jahrzehntelangen Wohnort Starnberg verstarb, in seinen späten Lebenstagen nicht genug Anlass zu begründeter Verzweiflung hatte, keineswegs abwegig. Privat suchten ihn Schicksalsschläge heim, mit denen freilich ein Mensch, der dieses biblische Alter erreicht, immer rechnen muss: Vor zweieinhalb Jahren starb seine älteste Tochter, die Historikerin Rebekka Habermas, und vor knapp einem Jahr musste er seine Ehefrau Ute zu Grabe tragen. Gegen diese privaten Katastrophen half, wie es aus der Ferne aussieht, nur Arbeit: Im vergangenen November noch hielt Habermas in München einen Vortrag über einen möglichen Friedensplan für die Ukraine – geistig hellwach, präsent, fokussiert, während der Körper den Jahren maßvoll Tribut zahlen musste.

Stand Habermas zuletzt vor den Trümmern seiner Philosophie?

Gerade das Thema Ukrainekrieg legt es freilich nahe, mögliche Motive für Verzweiflung nicht nur in den privaten Lebensumständen der vergangenen Jahre zu suchen. Stimmt die politische Entwicklung im deutschen, europäischen und globalen Maßstab in diesen Tagen auch „Normalbürger“ düster, so könnte darüber erst recht ein Philosoph depressiv werden, dessen politisches Denken seit langer Zeit der normativen Begründung der demokratischen Lebensform, einer regelbasierten internationalen Ordnung und in diesem Sinne auch der Konstitutionalisierung des Völkerrechts verpflichtet war.

Platt also gefragt: Stand Habermas in seinen späten Tagen nicht auch vor den Trümmern seiner eigenen Philosophie? Vor dem Hintergrund der unvergleichlichen Katastrophen von Zweiten Weltkrieg und Shoah habe der „Weltgeist“ – so formulierte es Habermas einmal hegelianisch – nach 1945 „einen Ruck getan“: mit der Gründung der Vereinten Nationen, dem später andere Institutionen wie etwa der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag folgten. Solche supranationalen Rechtsordnungen könnten, so seine Annahme, im Fall schwerer Menschenrechtsverletzungen auch durch die Souveränität der Einzelstaaten hindurchgreifen.

Ereignet sich in diesen Tagen nun der Ruck rückwärts? Indes: Taugen die Hinweise auf einen Gewaltherrscher, der, in den Kategorien großmächtiger Einflusssphären denkend, unprovoziert seinen Nachbarn überfällt (Putin), auf einen egozentrischen Präsidenten, dem Normen wie das Völkerrecht gleichgültig sind (Trump) – taugen sie also tatsächlich zur Widerlegung von Habermas? Nein, zumindest philosophisch tun sie das nicht. Der Philosoph formulierte nicht mehr und nicht weniger als die Geltungsbedingungen für eine Weltordnung, die vielleicht nicht in atomare Stammeskriege zurückfallen würde. Keineswegs setzte er sie in eins mit einer realen Geschichtsbewegung, unterschied also sehr genau zwischen „Faktizität“ und „Geltung“ – um den Titel seiner großen Rechtsphilosophie zu zitieren. Wer jetzt frohgemut oder entsetzt konstatiert: Habermas ist „out“ und Carl Schmitt „in“, der erliegt dem „naturalistischen Fehlschluss“.

Mit solchen Missverständnissen hatte Habermas übrigens immer wieder zu kämpfen. Kaum etwas hat mehr Schaden für das Verständnis seines Denkens angerichtet als das verbreitete Schlagwort von der „herrschaftsfreien Kommunikation“. In seinem Hauptwerk, der „Theorie des kommunikativen Handelns“ von 1981, entwirft Habermas vielmehr auf der Basis integrierter Ansätze aus Sprechakttheorie, Diskursethik, Universalpragmatik etc. ein Design für die Möglichkeitsbedingungen gelingender Kommunikation. An keiner Stelle behauptet er, dass damit eine reale alltägliche Sprechsituation erfasst werden kann. Worum geht es genau? Es geht um Geltungsansprüche, die Teilnehmer eines Diskurses wechselseitig erheben und auch mit der Perspektive auf intersubjektive Zustimmbarkeit argumentativ einzulösen suchen – argumentativ, nicht durch Aktivierung von Droh- und Erpressungspotenzialen, also Imperativen bloßer Machtausübung.

Habermas wurde zum Vordenker der Studentenrevolte von 1968

Bei Veröffentlichung des zweibändigen Mammutwerkes hatte Habermas als Philosoph bereits einen weiten Weg zurückgelegt. Standen die Anfänge des Göttinger, Zürcher und schließlich Bonner Studenten aus gut situiertem Gummersbacher Bürgerhaus nach dem Krieg im Zeichen von Heidegger – von dem sich Habermas lossagte, als dessen fortwirkend-unbelehrtes Verhältnis zum Nationalsozialismus öffentlich wurde –, so geriet er nach der Bonner Promotion als Forschungsassistent Adornos am Frankfurter Institut für Sozialforschung in den Bannkreis des Reformmarxismus der durch die Frankfurter Schule repräsentierten Kritischen Theorie.

Er musste sich freilich, weil er dem Institutsdirektor Max Horkheimer „zu links“ war, in Marburg bei Wolfgang Abendroth habilitieren, mit einer später legendär gewordenen Arbeit zum „Strukturwandel der Öffentlichkeit“. 1964 wurde er dann trotzdem Horkheimers Nachfolger auf dem Frankfurter Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie. „Erkenntnis und Interesse“ – 1968 erschienen, auf dem Höhepunkt der von Habermas zunächst unterstützten, dann mit wachsender Distanz bedachten Studentenrevolte – wurde das Hauptwerk der marxistischen Phase.

Die „Theorie des kommunikativen Handelns“ reifte dann in Starnberg heran, wo Habermas von 1971 bis 1981 als Co-Direktor Carl Friedrich von Weizsäckers am Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt amtierte (1983 kehrte er an die Frankfurter Uni zurück). Sie brach mit der Marx-Tradition insofern, als jetzt nicht mehr Arbeit, sondern eben Kommunikation Zentralparadigma gesellschaftlichen Handelns war. Dass sie zu einem der von Habermas beharrlich traktierten Themen wurde, hatte zweifellos auch lebensgeschichtliche Gründe: Durch eine Gaumenspalte an „normalem“ Sprechen gehindert, hatte er das Misslingen von Kommunikation am eigenen Leib schmerzvoll erfahren.

Mehrfach stand Habermas im Zentrum harscher Auseinandersetzungen

Der denkgeschichtliche Stellenwert des Großwerks beruht auf der Konsequenz, die es aus den Aporien einer radikalisierten Vernunftkritik in der Moderne zieht. Diese zerstöre – so Habermas’ Einwand gegen Foucault und den französischen Poststrukturalismus – ihre eigene Basis: Wenn Vernunft in toto unter Ideologieverdacht gestellt werde, müsse sich die Kritik an ihr selbst außerhalb der Vernunft stellen. Was aber nicht möglich sei. Weil Habermas allerdings die Motive der Kritik an einer selbstherrlich aufgespreizten subjektzentrierten Vernunft teilt, „dezentralisiert“, verflüssigt er sie zu einer sich zwischen den Menschen entfaltenden kommunikativen Vernunft. Das hat Folgen auch für die Wahrheitsauffassung: Wahrheit wird ebenfalls zu einer Sache des kommunikativ erzielten Konsenses. Dieser ist aber, so Habermas, stets brüchig und revisionsanfällig. Weil das menschliche Erkenntnisvermögen irrtumsanfällig sei, gebe es keine absoluten Wahrheiten. Philosophische „Letztbegründungen“ seien weder möglich noch nötig.

Habermas baute später sein – normativ auf einer Balance von Geld, Macht und Solidarität beruhendes – Modell konsequent in Richtung auf die Entscheidungsprozesse im demokratischen und sozialen Rechtsstaat sowie ihre Legitimation hin aus. An dieser Stelle wird auch der bruchlose Übergang vom politischen Philosophen zum praktisch einmischungsbereiten homo politicus erkennbar. Als solcher setzte er seine eigene Theorie für sich selbst gleichsam kongenial um: Bekannter als durch die philosophischen Bücher wurde er durch seine zahlreichen publizistischen Interventionen seit den 50er Jahren von einer links-sozialdemokratischen Position aus. Mehrfach stand er im Zentrum harscher Auseinandersetzungen im Grenzbereich von Politik und Wissenschaft. Den Historikerstreit der End-80er Jahre um die Bewertung und Einordnung des NS-Völkermords trat er recht eigentlich vom Zaun.

Seine oft polemischen und alarmistischen Essays und Zeitungsbeiträge verdankten sich auch dort, wo sie übers Ziel hinausschossen, stets der Sorge um den langfristigen Bestand der westdeutschen Demokratie angesichts der aus der Vergangenheit in sie hineinlangenden braunen Schlagschatten. Aber auch hier war er sich, wie in seiner Philosophie, für ausdrücklich kommunizierte Korrekturen nicht zu schade: Den lange Zeit abgelehnten und bekämpften Unionsgrößen Konrad Adenauer und Helmut Kohl zollte er im Abstand der Zeit Anerkennung – vor allem für ihre europapolitischen Visionen und Leistungen. So rückte er nach und nach vom linken Rand ins Zentrum der bundesdeutschen Gesellschaft. Die Verleihung des Buchhandels-Friedenspreises von 2001 zeigte in der Frankfurter Paulskirche die komplette Staatsspitze versammelt. Damals war es längst zeitgemäß geworden, als Politiker gleich welcher Couleur Habermas-Zitate im Mund zu führen. Habermas wurde, was seinem Selbstverständnis mitnichten entsprach: der Philosoph der alten Bundesrepublik.

Die Schüler des Verstorbenen bevölkerten und bevölkern die Universitäten, aber aus der jüngeren Generation der Soziologen und Philosophen gibt es auch unüberhörbare Distanzsignale. Das kann nicht anders sein, wie will man ohne Abgrenzung im Schatten eines Übervaters erträglich weiterleben? Über manches lässt sich in der Tat mit Gründen streiten: Unterschätzt Habermas mit seinem deliberativen Diskursmodell nicht die affektiven, emotionalen Anteile menschlicher Kommunikation? Reicht ein Verfassungspatriotismus als Patriotismus für Demokraten aus, wo doch alle Demokratien im Kern dieselbe Verfassung haben? Und muss man über die Perspektiven der europäischen Einigung nicht doch noch illusionsloser sprechen, als es der europabegeisterte Philosoph tat? Ihn abzuschreiben, gibt es indes keinerlei Grund, mögen mit einschlägigen Versuchen auch etliche jetzt rasch bei der Hand sein. Die Probleme, denen er die Anstrengung des Gedankens gewidmet hat, sind nach wie vor virulent. Und solange das so ist, bleibt Habermas aktuell.