Unser Kolumnist, der Astrophysiker Heino Falcke, schreibt über die Trauer um ein Baby, das kurz nach der Geburt gestorben ist.
SternschnuppenkinderIhre kleine Kraft macht diese Welt menschlich

Eine Sternschnuppe am Himmel
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Vier Monate und viereinhalb Tage war sie bei uns: ein wunderschönes Baby, verkabelt, versorgt und geliebt. Jede Bewegung von ihr war ein Fest. Als sie auf der Intensivstation eine halbe Stunde an meinem Finger genuckelt hat, war es ein berührender Moment, denn es war nicht klar, ob sie jemals würde schlucken können. Sie war eine Kämpferin. Als sie zu ihren Eltern Hause nach Hause kam, weil die Ärzte sagten, dass dies der Beginn des Sterbeprozesses sei, waren wir abends in ihrem neuen Zuhause. Sie lag auf dem Sofa, und eine Stimme im Raum sang wie ein Engel für sie. In dem Moment wusste ich ganz sicher, heute wird sie nicht sterben. Vielleicht irgendwann später, heute aber nicht.
Wochen später war es dann doch ein Kampf zu viel. Ihre Kraft reichte nicht mehr aus. Als wir von ihrem Tod hörten, fragte ich meine Frau: „Glaubst du, dass sie im Himmel ist?“ – „Ja“, antwortete sie. „Ich glaube, dass sie jetzt lachen kann“ und ich dachte gerade: „Jetzt kann sie endlich schlucken“. Glaube trägt manchmal gerade dort, wo er eigentlich zerbrechen sollte.
Was macht ein erfolgreiches Leben aus?
In der Nacht nach ihrem Tod konnte ich nicht schlafen und sah im Fernsehen noch eine Sendung über melancholische Rockballaden. „Like a candle in the wind.“ Elton John. Wie passend in diesem Moment. Viele Lieder handeln vom Abschiednehmen und vom Verlust. Viele Künstlerinnen und Künstler sind nur kurz aufgeblitzt mit ihren Liedern und danach wieder verschwunden. Aber auch Weltstars sind auf einmal nicht mehr. „Was macht ein erfolgreiches Leben aus?“, frage ich mich. Was bleibt von einem Leben? Muss es lang sein, um etwas zu bewegen? Muss es überhaupt irgendetwas sein, oder ist ein Leben nicht an sich schon mehr wert als Gold?
Damals, in jener Nacht, erinnerte mich meine Astronomie-App plötzlich daran, dass bald der Höhepunkt eines jährlichen Sternschnuppenschauers anstehen würde, ein Ereignis, das wir uns gerne in klaren Sommernächten anschauen. Sternschnuppe. Was für ein schönes deutsches Wort das doch ist. Eine Schnuppe ist das glühende Ende eines Dochts, das man abschneidet, damit die Kerze nicht rußt. Wenn die Schnuppe herunterfällt, dann leuchtet sie noch einmal kurz auf und zieht eine Lichtspur nach unten. So kann aus dem letzten Funken nochmal ein großes Feuer entstehen.
Sternschnuppen ziehen unseren Blick in den Himmel
Sternschnuppen entstehen durch Staubkörner, die mit großer Geschwindigkeit durch unsere Atmosphäre schießen und dabei die Luft zum Glühen bringen. Es ist, als ob für einen kurzen Moment ein Stern aufleuchtete und dann wieder verschwände – ein wahrhaft flüchtiger Moment in der scheinbaren Ewigkeit des Alls. Aus vielen solcher Staubkörner ist einst unser ganzer Planet entstanden.
Kein noch so helles Staubkorn kann die Welt allein verändern – es braucht immer viele. Wer allerdings eine besonders schöne Sternschuppe sieht, vergisst sie nicht so schnell und wird im Herzen berührt. Sternschnuppen ziehen unseren Blick in den Himmel.
So setzte ich mich in jener Nacht nach draußen, schaute nach oben und wartete. Da war sie dann plötzlich, diese eine Lichtspur, die hinter unserem Haus verschwand. Der fallende Docht. Das kurze Glimmen. Warst du das? Du bist ein Sternschnuppenkind, das war mir in dem Moment klar. Nur kurz hast du glühen dürfen, aber in dieser Zeit warst du für uns ein heller Stern. Dein Leuchten hat uns verändert, und deine Spur wird in unserem Gedächtnis bleiben. Du erinnerst uns daran, wie zerbrechlich und wunderbar das Leben ist. Du bist jetzt wieder zurückgekehrt in deine himmlische Heimat, zu unserem Schöpfer, dessen Faust uns manchmal drückt, aber dessen Hand uns auch birgt.
Selbst der größte Stern im All wird irgendwann verglühen
Was macht es für einen Unterschied, ob du 90 Tage alt wirst oder 90 Jahre, frage ich mich. Der Mensch ist wie ein Gras, das am Morgen noch sprosst und des Abends welkt, so steht es schon in den alten Psalmen. Angesichts der Milliarden Jahre, die es gedauert hat, bis unser Planet mit uns Menschen darauf entstanden ist, sind wir doch alle eigentlich Sternschnuppenkinder. Selbst der größte Stern im All wird irgendwann verglühen. Selbst vom mächtigsten Mann der Welt bleibt am Ende nicht mehr als ein kurzes Glimmen. Wir sollten unsere Bedeutung nicht überschätzen, aber auch nicht vergessen, wie wunderschön eine einzelne Sternschnuppe sein kann: ein kurzes Leuchten und Lächeln, das die Welt schöner macht. Immerhin, wir blühen. Auch wenn der Schmerz nie ganz vergeht, die Liebe bleibt und siegt.
Am Karfreitag wärst du ein Jahr geworden. Meine Gedanken und Gebete gelten an diesem Tag nicht den großen Stars und Sternchen, die die Nachrichten dominieren, sondern dir und den vielen anderen Sternschnuppenkindern auf dieser Welt. Und denen, die sie in ihren Armen geborgen haben. Ihr Schmerz, ihre kleine Kraft und ihr verborgenes Leuchten machen diese Welt so menschlich.



