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Der Untertassen-DetektivZu Gast bei Deutschlands bekanntestem Ufo-Jäger

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4712 vermeintliche Ufo-Sichtungen hat Hans-Werner Peiniger mit seinen Kollegen schon überprüft. Er sagt, ihn reize vor allem die detektivische Arbeit.

Lüdenscheid – Nachtschwarzer Himmel, darauf ein heller runder Klecks. Als hätte jemand versucht, mit Tipp-Ex ein bisschen Dunkelheit wegzukorrigieren. Eine Frau schreit: „Das ist doch komisch, das ist doch nicht normal.“ Ein Mann antwortet: „Das ist ein Flugzeug.“ Die Frau: „Das ist kein Flugzeug. Das hat doch gar keine Scheinwerfer.“

Zoom auf das Licht, es zerfließt in Pixeln, die Kamera wackelt. Dann ist das Video vorbei.

Hans-Werner Peiniger, 64 Jahre alt, 49 Jahre davon Vorsitzender der Gesellschaft zur Erforschung des Ufo-Phänomens, sitzt in seinem Büro in Lüdenscheid, vielleicht zehn Quadratmeter groß, in den Schränken neben, hinter und über ihm 1000 Ufo-Bücher, schaut auf seinen Bildschirm und sagt: „Ja. Das war ein Polizeihubschrauber.“

Natürlich hat Peiniger das nicht auf den Aufnahmen erkannt, die ihm vor zehn Tagen aus Bergkirchen, Bayern, zugeschickt wurden. Wie auch, ist darauf doch nur wenig mehr als ein weißer Punkt zu erkennen. Aber Peiniger hat, nachdem er sich den Clip mehrmals angesehen hatte, das getan, was ein Vorsitzender der Gesellschaft zur Erforschung des Ufo-Phänomens ebenso tut.

Menschen halten alles mögliche für Ufos: Insekten, Heißluftballons, den Mond

Er hat die Frau angerufen, sie befragt, zu Datum und Uhrzeit der Beobachtung, zu ihrem Standort, zu Bewegungen und Winkelhöhe des Objekts. Dann hat er im Internet den Flugraum über Dachau überprüft, Transpondersignal und Luftfahrtkennung gefunden und siehe da: ein Polizeihubschrauber. Anschließend hat er alles auf einer Karte eingezeichnet - da waren Sie, da war der Hubschrauber - und der Frau gemailt. Sie hat nicht geantwortet, er einen Bericht geschrieben und den Fall als „abgeschlossen“ in seine Exceltabelle eingetragen.

Jetzt sitzt er am nächsten. Foto von einem Campingplatz, über den Bäumen helles Blau und ein verschwommenes, braunes Dings. „Insekt“, sagt Peiniger, „das durch das Bild fliegt.“ Auch eher ein irdisches Ereignis.

Hans-Werner Peiniger ist sozusagen der Ufo-Oberkommissar Deutschlands. 4712 Sichtungen hat seine Gesellschaft, die sich kurz „GEP“ nennt, bereits überprüft, sie füllen 60 Leitz-Ordner. Als er anfing, mit 14, im Jahr 1972, sang David Bowie im Radio vom Sternenmann, der im Himmel wartet, um die Menschen zu treffen, und der jugendliche Peiniger sendete, so erzählt er es, jeden Abend mit seiner Taschenlampe Signale zur Kontaktaufnahme in die Atmosphäre. Schaltete Anzeigen in Zeitungen: Wer hat ein Ufo gesehen? Doch Belege für außerirdischen Besuch fand er nicht.

Bereits seit langer Zeit nun glaubt Peiniger nicht mehr daran, dass schon einmal Wesen von einem anderen Planeten auf der Erde gelandet sind. Stattdessen versucht er jede vermeintliche Alien-Begegnung, die ihm bekannt wird, aufzuklären. Früher jeden Abend, nach der Arbeit bei der Telekom. Seit er im Februar in den Ruhestand ging, noch öfter.

Er rekonstruiert astronomische Konstellationen, wertet meteorologische Messwerte aus, einst klagte er Radardaten der Bundeswehr per Informationsfreiheitsgesetz ein. Und wenn jemand behauptet, gestern Nacht sei ein Raumschiff in seinem Garten gelandet und habe Spuren hinterlassen, dann fährt Peiniger dorthin, mit Magnetometer und Geigerzähler und nimmt Bodenproben. Meldet ein Deutscher ein Ufo bei der Flugsicherung, leitet die an Peinigers GEP weiter.

„Menschen halten alles mögliche für ein Ufo: Heißluftballons, Satelliten, den Mond“, sagt Peiniger. „Mir und meinen Mitstreitern geht es darum, mehr Sachlichkeit in die Diskussion zu bringen.“

Seltsame Augenzeugen-Esoterik

Nun ist das mit der Sachlichkeit bei Ufos natürlich ein Problem. Wie sachlich über ein Thema reden, bei dem viele Menschen es bereits lächerlich finden, überhaupt darüber zu sprechen? Es ist ja so: Seit die Menschheit über Außerirdische spekuliert, seit der US-amerikanische Hobbypilot Kenneth Arnold 1947 berichtete, fliegende Untertassen am Mount Rainier gesehen zu haben, seit der Restaurant-Betreiber George Adamski 1952 behauptete, er habe Venusianer getroffen, die ihn vor einem Atomkrieg warnten, schwebt über der Auseinandersetzung mit extraterrestrischem Leben eine doch seltsame Augenzeugen-Esoterik. Fast möchte man meinen, dass, wenn es denn Ufos wirklich gibt, ihre beeindruckendste Technologie nicht die Überbrückung von Galaxien sein muss, sondern immer genau dort aufzutauchen, wo in unserer iphonisierten Gesellschaft gerade zufällig niemand eine Kamera zur Hand hat, die ein halbwegs scharfes Bild schießen kann.

Dann aber kam der Bericht des Pentagons, beauftragt vom US-amerikanischen Kongress, veröffentlich am vergangenen Freitag durch das Büro des Direktors der nationalen Nachrichtendienste. Und plötzlich waren Ufos eine Sache, mit der sich die Geheimagenten einer Weltmacht beschäftigten. Zwar ist in dem Papier von Außerirdischen an keiner Stelle die Rede, allerdings von 143 Erscheinungen am Himmel, die nicht eindeutig hätten identifiziert werden können. Dokumentiert nicht etwa von aufgebrachten Damen in Dachau, sondern von Kampfjetpiloten der US-Navy.

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Peiniger ist Realist

Hans-Werner Peiniger öffnet jetzt auf seinem PC das vielleicht bekannteste Video, das das Pentagon veröffentlicht hat. „Gimbal“ heißt es. Zu sehen ist eine Infrarot-Aufnahme aus dem Jahr 2015, in der ein ovaler Schatten über die Wolken rauscht, sich ruckartig dreht, wie, na ja, man sich eben eine fliegende Untertasse vorstellt. Peiniger bleibt einen Moment lang ruhig. Man hofft ein bisschen, dass er das Ganze nun aufklärt, als einzigen Schwindel. Wie er es damals getan hat, 1994 beim Fehrenbacher Ufo. Zwei 14-Jährige hatten Polaroids geschossen, auf dem ein Raumschiff über Apfelbaumkronen zu sehen war. Kamerateams rückten an, angebliche Fachleute erklärten das Ufo für echt, berechneten den Durchmesser auf sieben Meter.

Peiniger zog wochenlang durch die Spielzeugläden und fand schließlich auf einem Wühltisch das gleiche Modell, das die Jugendlichen benutzt hatten. Als er sie befragte, gestanden sie. Eigentlich hatten sie nur den Großvater täuschen wollen.

Aber bei dem Pentagon-Video, da fehlen auch ihm die schlüssigen Erklärungen. „Militäraufnahmen sind nicht mein Spezialgebiet“, sagt Peiniger. In Internetforen habe er aber schon durchaus logische Ausführungen dazu gelesen. Man sehe hier wohl ein Triebwerk eines weitentfernten Kampfjets. Das erscheine tiefschwarz, weil es so heiß sei. Und der Infrarot-Effekt verfüge zudem über einen Korrekturmechanismus, der es nur aussehen lasse, als drehe sich das Objekt. „Aber vielleicht ist es auch eine russische oder chinesische Drohne?“, sagt Peiniger. Der Vorsitzende der Gesellschaft zur Erforschung des Ufo-Phänomens, das muss man hier festhalten, ist ein Realist. Und vielleicht ist das ja  auch die gewagtere Position. Es ist schon schwierig, sich Unendlichkeit vorzustellen. Und dass wir darin auch noch alleine sind? Fast unmöglich.

Ein Funken Hoffnung

Einen Funken Hoffnung, dass es schon morgen so weit sein könnte – die Außerirdischen sind da – den trage er immer im Hinterkopf, sagt Peiniger. „Allerdings sehr weit hinten.“

Und was dann? Was, wenn die Außerirdischen da sind?

„Das wäre eine tolle Meldung“, sagt Peiniger. „Aber unsere Arbeit würde das nicht verändern.“ Denn danach würden die Menschen ja wohl erst recht Ufos sehen, wo eigentlich nur ein Polizeihubschrauber fliegt.

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