Die Fußball-WM findet in Mexiko statt, aber die Gewalt der Drogenkartelle und über 130.000 Vermisste prägen das Land.
WM im Schatten der KartelleDie Macht der Drogenbanden überschattet die Fußball-WM in Mexiko

Der Kampf gegen die Kartelle. (Archivbild)
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Mexikos WM-Traum im Schatten der Kartelle. Die Fußball-WM findet in Mexiko statt, doch die Macht der Drogenkartelle ist allgegenwärtig. Zwischen Sportfest, Gewalt und über 130.000 Vermissten steht das Land vor einer Zerreißprobe.
Für ungläubiges Staunen sorgte eine Nachricht im argentinischen Fernsehen, bei der sich die Sprecherin an den Kopf griff. Ausgerechnet ein Ort, der als Symbol für die Dominanz mexikanischer Drogenkartelle galt, wurde zur neuen sportlichen Wirkungsstätte von Diego Armando Maradona. Im Jahr 2018 trat die Fußballlegende das Traineramt bei den Dorados de Sinaloa in Culiacán an.
Es handelte sich um denselben Maradona, der 1986 in Mexiko den Weltmeistertitel errang und dessen sportliche Laufbahn sowie sein Privatleben von seiner Abhängigkeit von Kokain überschattet waren. Überraschend gelang es ihm, den zuvor wenig ernst genommenen Zweitliga-Club in die höchste Spielklasse des Landes zu führen.

Der legendäre Diego Armando Maradona als Trainer in Sinaloa.
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Trotz des Engagements von Maradona, der im November 2020 verstarb, oder des halbjährigen Gastspiels von Pep Guardiola bei den Dorados zum Ausklang seiner aktiven Karriere (Januar bis Ende Juni 2006), wird Sinaloa kaum mit Sportereignissen in Verbindung gebracht. Vielmehr ist der westmexikanische Bundesstaat untrennbar mit dem Namen „El Chapo“ verknüpft: Einst leitete der einflussreiche Drogenboss das gefürchtete Sinaloa-Kartell.
Joaquín Guzmán, so der bürgerliche Name eines der weltweit meistgesuchten Verbrecher, wurde zu Beginn des Jahres 2016 inhaftiert. Ein Jahr später, 2017, erfolgte seine Überstellung an die USA, wo er seitdem eine lebenslange Freiheitsstrafe verbüßt.
Die Machtposition der kriminellen Banden und Syndikate blieb davon jedoch weitgehend unberührt. In der ARD-Dokumentation „Mexiko: WM im Schatten der Kartelle“ stellt Federico Chávez Semerena, Vorsitzender der Sportkommission des Kongresses von Mexiko-Stadt, fest: „Heute ist es längst erwiesen, dass es Gemeinden gibt, in denen die Kartelle regieren“.
Diese Einschätzung teilt der Sportjournalist und Fußball-Kommentator David Faitelson, der hinzufügt: „Das Problem heute sind die Verbrechen der kriminellen Gruppen, der Drogenkartelle, die leider unseren Frieden und unser Leben an sich gerissen haben.“ Er betont, dass es Gegenden gebe, in denen diese Organisationen eine größere Autorität als die staatlichen Institutionen Mexikos besäßen.
WM-Austragungsorte im Spannungsfeld
Mexiko beteiligt sich mit drei Austragungsorten an der Weltmeisterschaft: den Metropolen Mexiko-Stadt, Guadalajara und Monterrey. Diese stellen zugleich die drei bevölkerungsreichsten Städte des Landes dar. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) beschreibt die Situation im Land wie folgt: „Das Vermögen ist zwischen den Landesteilen und Bevölkerungsgruppen äußerst ungleich verteilt.“
Während sich im Norden und im Zentrum des Landes vergleichsweise wohlhabende Regionen mit international wettbewerbsfähigen Unternehmen befinden, stellt das BMZ fest: „Der Süden ist im Vergleich weniger entwickelt“.
Die Profile der Gastgeberstädte
Mit mehr als 20 Millionen Menschen in seiner Metropolregion bildet Mexiko-Stadt das Zentrum des Landes. Die Stadt wird als mitreißend, faszinierend und lebendig beschrieben. Einer der kulturellen Höhepunkte ist der „Día de muertos“, an dem Anfang November der Verstorbenen gedacht wird.
Die Hauptstadt, gelegen nahe dem bekannten Vulkan Popocatépetl, ist jedoch auch von Lärm geprägt. Auf einer Höhe von über 2200 Metern ist die Luft durch das immense Verkehrsaufkommen oft schlecht. Zudem gibt es unsichere, dunkle Straßen. Die soziale Kluft zwischen Wohlstand und Armut ist unübersehbar.
Im Nordosten liegt Monterrey, nur gut 200 Kilometer von der Grenze zu den USA entfernt. Eine wohlhabende Industriemetropole, die in den vergangenen Jahren von größeren Gewaltausbrüchen der Drogenkartelle weitgehend verschont geblieben ist.

In der Nähe des Akron-Stadions in Zapopan wurde vor der WM ein Massengrab entdeckt.
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Guadalajara liegt im Westen, circa 500 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Die Stadt ist reich an Kultur und Traditionen; hier hat die bekannte Mariachi-Musik ihren Ursprung. Gleichzeitig wird Guadalajara als eine Bastion des Cártel Jalisco Nueva Generación (CJNG) betrachtet. Ereignisse, die sich dort erst im Februar zutrugen, nährten die Bedenken hinsichtlich der Sicherheit während der WM.
Guadalajara: Ein Zentrum der Gewalt
Im Anschluss an die Tötung des Anführers Nemesio Oseguera Cervantes, auch bekannt als „El Mencho“, wurde die Organisation für eine Welle schwerer Gewalt im Februar verantwortlich gemacht, bei der landesweit über 70 Menschen ums Leben kamen.
Vom Auswärtigen Amt in Deutschland wird von Reisen in den Bundesstaat Jalisco abgeraten - „mit Ausnahme der Metropolregion Guadalajara bei Anreise per Flugzeug und Puerto Vallarta bei Anreise per Flugzeug oder Schiff“.
Schon in den späten 1970er-Jahren formierte sich in Guadalajara das gleichnamige Kartell. Es gilt als das erste große mexikanische Verbrechersyndikat, das eng mit Kokainlieferanten aus Kolumbien kooperierte. Die Organisation zerfiel nach der Inhaftierung ihres Anführers Miguel Ángel Félix Gallardo im Jahr 1989 in konkurrierende Fraktionen. Zu den bekanntesten Figuren, die daraus hervorgingen, zählte „El Chapo“ Guzmán. In der Folge entstanden unter anderem das Sinaloa-, Tijuana-, Golf- und Juárez-Kartell, welche den Drogenkrieg in Mexiko über Jahrzehnte hinweg bestimmten.
Das Drama der Vermissten in Mexiko
Experten für Sicherheit erwarten nicht, dass die Kartelle die Weltmeisterschaft gezielt als Plattform für Gewalttaten missbrauchen. Ein Polizeichef aus dem Bundesstaat Jalisco äußerte gegenüber der auf Drogenkriminalität fokussierten Nachrichtenseite CrashOut: „Sie möchten sich keinen weiteren Ärger einhandeln“. Er fügte hinzu: „Sie gehen bei ihren Aktionen klug vor und werden vorsichtig sein.“
Zudem sei eine WM auch für die Kartelle lukrativ, sagte die Forscherin Ana María Cifuentes der Zeitschrift „Proceso“. Dabei geht es etwa um Drogenhandel, Prostitution und Weiterverkauf von Tickets.

In Mexiko gelten über 130.000 Menschen als verschwunden.
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Die „Guerreros buscadores“, die suchenden Krieger, beabsichtigen jedoch, die Aufmerksamkeit der WM zu nutzen. Hinter diesem kämpferisch anmutenden Namen verbirgt sich eine tragische Realität: In Mexiko werden mehr als 130.000 Personen vermisst. In einem Bericht zur WM-Endrunde schreibt Amnesty International: „Befeuert wird dieses massenhafte Verschwindenlassen durch organisierte Kartelle, korrupte Behörden und die fortschreitende Militarisierung“. Die Organisation verweist dabei auf die Entdeckung von Massengräbern mit mindestens 500 Leichen in der Nähe des Stadions von Guadalajara.
Die erweiterten Geschäftsfelder der Kartelle
Die Aktivitäten der mexikanischen Unterwelt beschränken sich mittlerweile nicht mehr allein auf den Drogenhandel. Dies war vor 40 Jahren, zur Zeit der WM-Austragung 1986, noch anders. Inzwischen haben sich die illegalen Aktivitäten auf viele weitere Sektoren ausgedehnt. So sind kriminelle Organisationen massiv in den Diebstahl und Schmuggel von Benzin involviert, was ein Geschäft in Milliardenhöhe darstellt. Sie zweigen illegal Kraftstoff aus Pipelines ab, besitzen eigene Tanklastwagen sowie Schiffe und bestechen Beamte.
Schutzgelderpressung ist ein weiteres Geschäft der Kartelle. Betroffen sind von Avocado- und Limettenanbauern bis hin zu kleinen Ladenbesitzern. Auch Produktpiraterie zählt zu den großen Einnahmequellen krimineller Gruppen. Im Zentrum von Mexiko-Stadt können Käufer gestohlene Arzneimittel oder gefälschte Hochschulabschlüsse ebenso wie gefälschte Trikots der Tri - der Fußball-Nationalmannschaft des Landes, in dem die Kartelle mit das Sagen haben. (dpa/red)
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