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Jahrestag der Atomkatastrophe Keine Rückkehr in Fukushima-Sperrzone

Die Sperrzone

Mehr als 160 000 Menschen, die im 30-Kilometer-Umkreis um das AKW Fukushima lebten, sind seit März 2011 Nuklear-Flüchtlinge. Ein Teil von ihnen lebt noch immer in Notunterkünften, die in den umliegenden Städten und Gemeinden gebaut wurden. Die Regierung in Tokio versucht, weniger stark verseuchte Regionen in der Sperrzone wieder bewohnbar zu machen – durch „Dekontaminierung“. Das heißt: Häuser, Wege und Straßen werden dafür mit Druckwasser abgespritzt, und die oberste Schicht des Bodens wird abgetragen. Der verstrahlte Abfall landet in „Bigbags“ aus Plastik, diese deponiert man am Straßenrand oder in der Landschaft. Der Strahlenmüll soll irgendwann eingesammelt und zwischengelagert werden. Ein Lager gibt es noch nicht.

Zum dritten Jahrestag der Atomkatastrophe wollte Tokio die dauerhafte Rückkehr von Evakuierten in zehn Ortschaften in der absoluten Sperrzone im 20-Kilometer-Umkreis ankündigen. Doch es gibt Probleme damit: Die Dekontaminierung wirkte nicht nachhaltig, und der Wiederaufbau der Infrastruktur verzögerte sich. Die Freigabe ist ohnehin umstritten. Umweltschützer wie Greenpeace und die Ärzte-Initiative IPPNW halten sie für zu gefährlich, weil auch in diesen Zonen die Strahlenwerte gesundheitsgefährdend hoch seien, besonders für Kinder. Die Radioaktivitäts-Dosis darf dort bis zu 20 Millisievert pro Jahr betragen. Zum Vergleich: Im Umkreis von Tschernobyl wurde eine Besiedlung nur erlaubt, wo die Belastung unter fünf Millisievert pro Jahr lag.

Strahlendes Wasser

Die Atomruine steht quasi in einem radioaktiven Sumpf. Auslöser dafür: Die teilweise geschmolzenen Reaktorkerne der Blöcke 1 bis 3 und das Brennelement-Lagerbecken von Block 4 müssen laufend gekühlt werden, um ein Wiederaufheizen zu verhindern. Das dort hineingepumpte Wasser reichert sich mit radioaktiven Stoffen an, läuft in das Kellergeschoss und vermischt sich mit den pro Tag rund 400 Tonnen Grundwasser, die von außen durch die undicht gewordenen Mauern drücken.

Fukushima-Eigner Tepco will den starken unterirdischen Wasserzufluss bremsen, um die Lage zu entspannen. Das Unternehmen hat vor den Reaktoren Brunnen gebohrt, um das dort noch relativ gering belastete Grundwasser abzupumpen und direkt in den Pazifik leiten zu können. Bisher sperrte sich der regionale Fischereiverband allerdings dagegen. Inzwischen deutete er jedoch ein Einlenken an. Im April könnte die Genehmigung kommen.

Tepco verfolgt aber auch den Plan, das Grundwasser komplett um das Kraftwerksgelände herum und damit direkt ins Meer zu leiten. Der Versuch, eine unterirdische Absperrung per Injektion der Chemikalie Natriumsilikat in den Boden zu schaffen, scheiterte. Nun will das Unternehmen die Erde um das Gelände mit riesigen Kühlanlagen einfrieren. Die unterirdische, 1,4 Kilometer lange „Eismauer“ könnte frühestens 2015 fertig werden. Viele Experten halten den Plan für sehr ambitioniert.

Strahlende Wassertanks

Ein schwer beherrschbares Problem auf dem Gelände der Atomruine stellen die rund 1000 Tanks dar, in denen radioaktiv hoch belastetes Kühlwasser gespeichert ist – insgesamt mehr als 300 000 Tonnen. Mehrfach gab es Lecks, zuletzt im Februar. Der bisher schwerste Zwischenfall geschah im August 2013. Damals liefen unbemerkt rund 300 Tonnen Wasser aus, belastet unter anderem mit Cäsium, Strontium und Tritium. In der Nähe der Tanks wurde eine Strahlung von 1800 Millisievert pro Stunde gemessen. Diese Dosis gilt als tödlich, wenn jemand ihr vier Stunden ohne Schutz ausgesetzt ist. Die Arbeiter trugen allerdings Schutzanzug und Gasmaske. Zum Vergleich: In Deutschland dürfen Atomarbeiter maximal 20 Millisievert pro Jahr erhalten.

Künftig will Tepco nur noch „sichere“ Tanks kaufen, die Kapazität soll bis 2016 auf 800 000 Tonnen steigen. Hauptgrund für die Undichtigkeiten war die mangelhafte Qualität eines Teils der Behälter, die das Unternehmen gewählt hatte, um Kosten zu sparen.

AKW-Renaissance

Nach dem Super-GAU 2011 wurden die noch funktionsfähigen 50 AKW stillgelegt, die rund ein Drittel des in Japan verbrauchten Stroms produziert hatten. Die mit der Atomlobby eng verflochtene Regierung der konservativen Liberaldemokratischen Partei (LDP), geführt von Shinzo Abe, unterstützt den Wunsch der Stromkonzerne, die Reaktoren wieder ans Netz zu bringen. Hauptargument sind die hohen Kosten, die durch Kohle-, Öl- und Gasimporte für fossile Ersatzkraftwerke entstehen. Außerdem plant sie den Weiterbau von drei AKW-Projekten, die wegen Fukushima gestoppt wurden.

Abe revidierte damit den Plan seines Vorgängers Naoto Kan, der einen sukzessiven Atomausstieg bis 2040 angepeilt hatte.Inzwischen haben die Konzerne Anträge zum Wiederanfahren von 17 der 50 Reaktoren gestellt. Die neu gegründete japanische Atomaufsichtsbehörde NRA überprüft derzeit, ob die nach Fukushima verschärften Sicherheitsauflagen eingehalten werden, darunter höhere Flutschutzmauern, die Schutz vor Tsunamis bieten sollen.

Die letzte Entscheidung über das Wiederanfahren der AKW fällt jedoch in Abstimmung mit den jeweiligen Präfekturen. Dort gibt es teilweise heftige Widerstände, zumal nach Umfragen eine Mehrheit von 60 bis 70 Prozent der Japaner für den kompletten Atomausstieg ist. Beobachter erwarten allerdings, dass einige Reaktoren in diesem Jahr wieder hochgefahren werden.