Abo

Me-Time oder Problem?Wann der soziale Rückzug zur Gesundheitsgefahr wird

5 min
Mann steht vor dem Fenster seiner Wohnung

Sozialer Rückzug kann eine Antwort auf stressige Alltagsphasen sein. Unter Umständen ist das Verhalten aber auch Merkmal einer psychischen Erkrankung.

Wer sich isoliert, riskiert seine Gesundheit. Experten erklären, wann Rückzug gefährlich wird und wie man wieder rauskommt.

Ein Abend allein auf dem Sofa, eine Feier, die man ausfallen lässt, oder der Verzicht auf einen Café-Besuch: Es gibt Menschen, die sich bewusst oder unbewusst isolieren. Dies kann eine vorübergehende Phase sein, die dem Wiederaufladen sozialer Energiereserven dient. Wenn dieser Zustand jedoch länger andauert, kann er sich zu einem gesundheitlichen Problem entwickeln.

In manchen Lebenslagen, beispielsweise nach einer Feier oder während belastender Phasen, benötigt man eine persönliche Auszeit. Laut Tatjana Reichhart ist es völlig unbedenklich, sich für eine Weile oder an ein bis zwei Abenden wöchentlich bewusst eine Pause zu gönnen, um eigenen Interessen nachzugehen oder zur Ruhe zu kommen. Die in München praktizierende Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie arbeitet als Coach und Trainerin.

Sie führt aus: «Wenn der Rückzug selbst gewählt ist und wir die Zeit absichtsvoll für uns selbst verwenden, würden wir aber nicht von sozialem Rückzug sprechen, sondern eher von Me-Time.» Weiterhin: Diese als Me-Time bezeichnete Phase spendet Kraft und unterstützt das Wiederauffüllen der Energiereserven.

Die problematische Seite des Rückzugs

Laut Reichhart wird die Situation bedenklich, sobald man nach Feierabend konstant derart ausgelaugt ist, dass keine Kraft mehr für Freizeitaktivitäten oder Verabredungen mit Freunden bleibt und man stattdessen apathisch vor dem Fernsehgerät verharrt. «Das ist keine qualitativ hochwertig genutzte Zeit und die bringt in der Regel auch nicht die Energie zurück.»

Doch nicht nur dieser Aspekt macht die soziale Isolation problematisch. Entscheidend ist ebenfalls die dahinterliegende Absicht. Der Psychologe Klaus Nuyken erläutert: «Sozialer Rückzug kann auch eine Vermeidungsstrategie sein, mit der man negativen Gefühlen aus dem Weg gehen will».

Eine Person, die aus Furcht vor dem Urteil anderer (etwa dem Gedanken «Die finden mich bestimmt doof») eine Verabredung storniert, agiert dysfunktional. Dieses Vermeidungsverhalten senkt zwar kurzfristig die Angst, doch auf lange Sicht wird sie dadurch intensiviert und aufrechterhalten. Sie kann sich sogar verschlimmern, was in einer zunehmenden Beeinträchtigung der Lebensqualität resultiert.

Der Zusammenhang von Isolation und psychischen Leiden

Manchmal entsteht daraus ein Teufelskreis: Personen, die sich von ihrem Umfeld distanzieren, bekommen keine positive Rückmeldung mehr. Laut Nuyken kann dies die Tendenz zur Isolation weiter intensivieren. «Sozialer Rückzug hängt eng mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen zusammen und ist in aller Regel ein Symptom der Krankheit.»

Im Fall von Depressionen ist dies hauptsächlich auf die charakteristische Antriebslosigkeit und die Unfähigkeit, Freude zu erleben, zurückzuführen. Bei Angststörungen ist hingegen die Vermeidung der entscheidende Faktor. Sozialer Rückzug kann jedoch auch als Begleiterscheinung eines Traumas oder in Verbindung mit spezifischen Persönlichkeitsstörungen auftreten.

In der Regel bemerken die Betroffenen anfangs nicht, dass sie sich isolieren und ihnen dieser Zustand schadet. Reichhart empfiehlt deshalb Selbstreflexion: «Wichtig ist es daher, sich zu reflektieren und zum Beispiel zu überlegen: Wie zufrieden und erholt bin ich vor einem Abend alleine vor dem Fernseher und wie ist es danach?». Anschließend könne man einen mentalen Vergleich anstellen: Wie würde sich die Situation nach einem Treffen mit einem Freund oder einer Freundin oder nach der Ausübung eines Hobbys darstellen?

Wege aus der Isolation: Den Kontakt wiederherstellen

Die Wiederaufnahme von Kontakten kann sich als schwierig erweisen, insbesondere nach einer längeren Phase der Isolation. Falls eine psychische Erkrankung die Ursache ist, wird Betroffenen geraten, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen und beispielsweise eine Depression therapeutisch behandeln zu lassen.

Wenn dies nicht zutrifft, empfiehlt Tatjana Reichhart eine Analyse des eigenen sozialen Umfelds: Welche Kontakte bestehen und zu wem soll die Verbindung reaktiviert werden? Gemeinsame Hobbys, wie etwa Sport, können ebenfalls gute Anknüpfungspunkte bieten, um Beziehungen neu zu beleben. Des Weiteren legt sie nahe, feste Termine für soziale Aktivitäten im Kalender zu blocken, da diese im hektischen Alltag sonst oft vernachlässigt werden.

Für den Wiedereinstieg sind vor allem kleine Schritte entscheidend. Klaus Nuyken rät: «Statt einer Party kann man mit einem Treffen mit einer einzelnen, vertrauten Person starten oder erstmal eine Nachricht schicken». Zudem ist ein Treffen in einem Café einer Einladung nach Hause vorzuziehen. Auf diese Weise lässt sich die Dauer der Zusammenkunft leichter steuern, ohne die andere Person hinauskomplimentieren zu müssen.

Die Technik „Struktur vor Lust“

Nuyken empfiehlt darüber hinaus die Anwendung einer Methode aus der Depressionstherapie: Struktur vor Lust. Dies bedeutet konkret, sich beispielsweise vorzunehmen, am nächsten Tag um 10 Uhr eine Nachricht an eine frühere Bekanntschaft zu senden, selbst wenn die momentane Stimmung dagegen spricht.

«Das ermöglicht positive Erfahrungen», erläutert Nuyken. Das Abwarten auf die passende Motivation könne das Problem hingegen verschärfen. «Denn in der Regel kommt die nicht», fügt der Psychologe hinzu.

Ein weiterer hilfreicher Ansatz für die ersten Kontaktversuche ist laut Nuyken das Prinzip der Koexistenz. Er beschreibt damit Zusammenkünfte, bei denen man zwar gemeinsam Zeit verbringt, aber kein ständiger Gesprächsbedarf besteht, wie etwa bei einem Kinobesuch. Es geht darum, «Etwas gemeinsam erleben, was nicht mit tiefen Gesprächen verbunden ist.»

Tatjana Reichhart unterstreicht, dass es in jedem Fall essenziell ist, den Kontakt zu anderen wiederherzustellen. Einsamkeit stellt nämlich einen Risikofaktor für zahlreiche, nicht nur psychische, Erkrankungen dar. «Wir Menschen sind sozialen Wesen und Beziehungen zu anderen Menschen sind unser Lebenselixier.» (dpa/red)

Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.