Am 17. Mai hätte er seinen 100. Geburtstag gefeiert: Dietmar Schönherr schrieb als Schauspieler und Moderator deutsche Fernsehgeschichte - und hatte trotzdem das Gefühl, den falschen Beruf ergriffen zu haben.
„Das Ganze ist also eine 'Rederei'“Diese TV-Legende brachte die Talkshow nach Deutschland

Am 17. Mai hätte Dietmar Schönherr seinen 100. Geburtstag gefeiert. (Bild: IMAGO / teamwork)
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Als Dietmar Schönherr im Juli 2014 im Alter von 88 Jahren starb, vermeldete die Homepage seiner Hilfsorganisation „Pan y Arte“ die traurige Botschaft: „Bis zuletzt setzte sich Dietmar Schönherr mit aller Kraft für die Menschen in Nicaragua ein. Für ihn waren 'Brot und Kunst' - pan y arte - die wichtigsten Lebensmittel des Menschen“, schrieben die Verantwortlichen im Gedenken an ihren Vereinsgründer und Ehrenvorsitzenden. „Mit liebenswerter Hartnäckigkeit schuf er sein Lebenswerk. Dank seines unermüdlichen Engagements erhalten Hunderte von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in Nicaragua seit 20 Jahren Zugang zu Bildung und Kultur.“ Bei Schönherr, der am 17. Mai vor 100 Jahren geboren wurde, hätte eine solche Würdigung sicher viel Anklang gefunden - mehr als jede Auseinandersetzung mit seinem Werk für Film und Fernsehen.

Womöglich habe er, so sagte es Dietmar Schönherr einmal, ein Leben lang den falschen Beruf ausgeübt. Als Commander Cliff McLane in der Sciene-Fiction-Serie „Raumschiff Orion“ wurde er berühmt. (Bild: ARD / Degeto)
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Denn womöglich habe er, so sagte es Dietmar Schönherr einmal, ein Leben lang den falschen Beruf ausgeübt. Entwicklungshelfer hätte er eigentlich werden sollen. Nicht Schauspieler. Nun, viele Jahre war er beides. Bis ins hohe Alter agierte der Österreicher im Theater auf der Bühne, den Lear hat er gespielt. Und vor der Kamera stand er noch mit knappen 80 Jahren - und das gleich für mehrere Produktionen - darunter der großartige Heimatfilm „Der Judas von Tirol“ (2006), der auf einer Buchvorlage aus dem 19. Jahrhundert basiert. Für sein Lebenswerk bekam der Schauspieler 2005 den Deutschen Fernsehpreis. Trotz dieser Auszeichnung, die immerhin zwei „Goldenen Kameras“ folgte, stapelte er stets tief.
Von „Raumpatouille Orion“ bis „Je später der Abend“

Dietmar Schönherr und seine Ehefrau Vivi Bach: Das Foto wurde aufgenommen 1975 vor ihrem Haus in der Nähe von Salzburg. (Bild: ARD / WDR)
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Dietmar Schönherr behauptete selbst von sich, nie in die erste Garnitur der Theater- und Filmschauspieler aufgestiegen zu sein. Koketterie vielleicht. Tatsächlich sind es aber wirklich weniger seine Filme, die dem Publikum bis heute in Erinnerung geblieben sind. Dabei sind großartige darunter, wie beispielsweise das Filmdrama „Reise der Hoffnung“ (1990), der den Auslandsoscar erhielt, oder auch „Der schwarze Tanner“ (1985), ebenfalls vom Schweizer Regisseur Xavier Koller gedreht - eine Eloge auf einen Widerborstigen zu Zeiten des Krieges.
Aber womit kamen sie ihm - wenn es darum ging, sein Werk zu würdigen? Mit dem „Raumschiff Orion“, natürlich: Die späte Kinoauswertung der TV-Kultserie, „Raumpatrouille Orion - Rücksturz ins Kino“ (2003) hatte ihm nochmals einen späten Kinohit beschert. Mit dem Erfolg der Science-Fiction-Serie hatte der Darsteller des Commander McLane dabei nicht einmal gerechnet.

1999 spielte Dietmar Schönherr (Bild, mit Nina Pröll) eine Gastrolle im ORF-Tatort „Passion“. (Bild: ARD Degeto / BR)
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Und natürlich kam die Sprache auch immer auf „Wünsch' Dir was“, die legendäre, weil gewagte Samstagabend-Show an der Seite seiner Frau Vivi Bach, mit der er von 1969 bis 1973 eine ganze Nation vor dem Fernseher versammelte. Und: Schönherr gilt als eine Art Begründer der Talkshow in Deutschland. „Je später der Abend“ lief ab 1972, drei Jahre lang. Und er hat, schöner als keiner, der ihm folgte, damals erklärt, was sich denn eigentlich hinter dem englischen Begriff „Talkshow“ verbirgt: „Talk heißt 'reden'. Das Ganze ist also eine 'Rederei'.“
Mit all dem hatte er längst abgeschlossen, mehr oder minder wohl auch mit dem Fernsehen. „Ich habe nicht so viel Zeit, dass ich sie mit einer Serie vertrödeln kann“, sagte er in seinen 70ern einmal. Allzu viele Serienauftritte hat es in seiner langen Karriere denn auch nicht gegeben. Schönherr war stets einer, der auf Qualität achtete. Sicher, es waren Niederlagen dabei. Wie zum Beispiel die ProSieben-Serie „Der Gletscherclan“ (1994), die bald nach ihrem Start wieder abgesetzt wurde.

Im ZDF-Fernsehfilm „Zeit für Träume“ (2008) hatte Dietmar Schönherr seinen letzten TV-Auftritt. (Bild: ZDF / Susanne Dittmann)
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Begonnen hatte der Sohn eines österreichischen Generals seine schauspielerische Arbeit bereits kurz nach dem Abitur: „Junge Adler“ (1944) hieß der UFA-Film. Es folgte der Kriegsdienst, den er nur in der Ausbildung erlebte. 1946 kam er dann zu seiner ersten Hauptrolle. „Wintermelodie“ hieß die Produktion, die er auch deshalb bekam, weil er Skifahren konnte.
Schönherr über Ehefrau Vivi: „Wir lieben uns seit vielen Jahren - so kitschig das klingt“

Mit seiner zweiten Ehefrau Vivi Bach war Dietmar Schönherr von 1965 bis zu ihrem Tod 2013 verheiratet. (Bild: Sean Gallup/Getty Images)
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Später widmete Dietmar Otto Edler von Schönleiten, so sein wirklicher Name, sein Leben seiner Familie und seinem Engagement für die Stiftung für Arbeits- und Kulturprojekte in Nicaragua, die er 1985 gründete. Viele Steine seien ihm bei dieser Arbeit in den Weg gelegt worden, ließ er einmal wissen. „Man erleidet unglaubliche Frustrationserlebnisse, hat aber auch enorme Glücksgefühle“, lautete sein Fazit über seine Erfahrungen. „Aber das Geben ist keine einseitige Angelegenheit, es kommt hundertfach zurück.“
Ungefährlich war die Arbeit im Krisengebiet nie: Nie mehr konnte der erprobte Entwicklungshelfer Schönherr jenen Angriff der Contras vor fast 40 Jahren verdrängen, als er „in Badehosen“ beim Bau eines Kulturzentrums ins Kreuzfeuer geriet. „Wir schmissen uns hinter das gerade fertige Fundament einer Schule. Das Kabel einer Zementmaschine wurde 14-mal durchschossen. Da wussten wir, worauf wir uns hier eingelassen hatten.“
Bis ins hohe Alter kehrte er in das friedlich gewordene Nicaragua einmal jährlich zurück - „nicht, um Ratschläge zu geben, sondern bloß, um Mitarbeiter zu ermutigen“. Etwas von alldem ließ Schönherr auch in seinen Roman „Die blutroten Tomaten der Rosalia Morales“ einfließen, der ebenfalls in Nicaragua spielt. Melancholisch, traurig, aber durchaus auch manchmal komisch erzählt er von dem Land.
Über die Ehe mit Vivi Bach verriet Schönherr einmal: „Wir lieben uns seit vielen Jahren - so kitschig das klingt. Wir waren durch den Beruf sehr oft getrennt. Die Wiederbegegnungen waren dann jedes Mal ein großes Glückserlebnis.“ Er und Vivi, das sei einfach eine Symbiose, trotz der gelegentlichen Wutanfälle seiner selbst - wenn etwa mal ein Nagel partout nicht in die Wand will - mit den dann fälligen Geschenken der Reue seinerseits. „Nein“, sagte er dann noch, „ich kann mir wirklich nicht vorstellen, wie das gehen soll, wenn einer von uns beiden geht.“ Doch die dänische Sängerin, Schauspielerin und Fernsehmoderatorin starb am 22. April 2013 auf Ibiza, Schönherr folgte ihr nur etwas mehr als ein Jahr später. (tsch)