„Marmor, Stein und Eisen bricht“ oder „Marmor, Stein und Eisen brechen“? Ein Anruf bei Autor und Sprachkritiker Bastian Sick auf der Suche nach der endgültigen und definitiven Antwort auf die ewige grammatische Streitfrage des deutschen Schlagers.
„Marmor Stein und Eisen bricht“Die Mutter aller Pop-Grammatikfehler?

Erfolgreicher Sänger: Drafi Deutscher veröffentlichte seinen erfolgreichsten Hit „Marmor, Stein und Eisen bricht“ 1965. . Cinetext/Max Kohr
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Am 9. Mai wäre Drafi Deutscher 80 Jahre alt geworden. Der 2006 gestorbenen Schlager-Ikone, nicht nur als Sänger erfolgreich, sondern später auch als Produzent und Komponist für Nino de Angelo („Jenseits von Eden“, dessen englische Version „Guardian Angel“ er gemeinsam mit Chris Evans unter dem Namen Masquerade zum Charterfolg machte) oder Boney M. („Belfast“), gelang 1965 mit „Marmor, Stein und Eisen bricht“ ein Hit, der die Jahrzehnte überdauert hat. Genauso lange streitet die Fachwelt aber darüber, ob das eigentlich richtiges Deutsch ist. Bestseller-Autor Bastian Sick („Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“) hat sich in seiner Arbeit mit dem Lied auseinandergesetzt. Ein Anruf in der Hoffnung auf die Beantwortung der drängendsten linguistischen Streitfrage der deutschen Musikgeschichte.
Herr Sick, darf die Kunst eigentlich alles, also auch die Regeln der deutschen Sprache verletzen?
Kunst darf selbstverständlich mit der Grammatik kreativ umgehen und sie auch mal verändern oder beugen, wie man es nicht erwartet. Kunst dient ja immer einem höheren Zweck und dem hat sich eigentlich alles andere unterzuordnen.
Der Interpret des Evergreens, dessen titelgebender Refrain als Mutter aller Pop-Grammatikfehler gilt, Drafi Deutscher, wäre am 9. Mai 80 Jahre alt geworden. Muss man ihm für „Marmor, Stein und Eisen bricht“ nicht nur aus Sicht des deutschen Schlagers, sondern auch aus sprachkritischer Perspektive dankbar sein?
Ich habe diesem Schlager eine ganze Kolumne gewidmet, die auch in einem meiner Bücher erschienen ist, und bin insofern dankbar für diesen unterhaltsamen Stoff, den das Lied geliefert hat. Ich muss dann aber gleich, darauf hinweisen, dass das natürlich nicht die Mutter aller Grammatikfehler im deutschen Schlager ist. Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass das ein Fehler sei.
Wir bitten um Erläuterung.
„Marmor, Stein und Eisen bricht“ kann man als Verkürzung sehen für „Marmor, Stein und Eisen, das bricht“. Oder als Kombination aus „Marmor, Stein und Eisen“, und diese Kombination bricht. Da gibt es viele andere Beispiele. Wenn ich sage: Bier, Brot und Käse passt eigentlich immer - da brauche ich nicht den Plural, ich kann es eben auch im Singular ausdrücken. Denn der Singular ist immer dann möglich, wenn die Subjektteile als eine inhaltliche Einheit aufgefasst werden. Und es gibt viele Sprichwörter, die darauf aufbauen: Brot und Salz, Gott erhalt’s. Glück und Glas, wie leicht bricht das. Da ist Hopfen und Malz verloren. Es sind Teile von einem Ganzen.
Es gibt also nicht die eine Antwort auf die Frage, wie das Lied korrekt heißen müsste, und wir Hörenden müssen diese Ambivalenz jetzt bis ans Ende aller Tage aushalten?
Das ist richtig. Und das ist oft in der Grammatik der Fall, dass sie zwei Möglichkeiten anbietet. Es gibt natürlich die Puristen, die sagen: Nur die eine Möglichkeit ist die einzig wahre, alles andere ist falsch. Aber falsch ist es eben gar nicht unbedingt. Sondern es ist eine andere Möglichkeit, die auch ihre Berechtigung hat.
Für den Bayerischen Rundfunk hatte sie keinerlei Berechtigung. Er weigerte sich im Jahr 1965, das Lied zu spielen, mit Verweis auf seine Erziehungsverpflichtung.
Das war natürlich eigentlich nur ein Vorwand. Sie wollten nicht die Grammatik unter Strafe stellen, sondern sie wollten eigentlich Drafi Deutscher aus dem Rundfunk verbannen, weil er als zu progressiv galt, als Revoluzzer. Drafi Deutscher passte den damaligen Vorstellungen, gerade in Bayern, eben nicht ins Konzept.
Man hätte, wenn es denn eine Frage der Grammatik gewesen wäre, später konsequenterweise auch Die Ärzte boykottieren müssen, bei denen es „Wegen dir“ heißt statt wie bei Udo Jürgens korrekterweise „Deinetwegen“, oder?
Auch ich habe ja viel dazugelernt im Laufe meiner Tätigkeit als Autor und Sprachkolumnist. Und ich ging ursprünglich auch davon aus, dass „wegen dir“ nicht richtiges Deutsch sei, es müsse „deinetwegen“ heißen, weil das, so nahm mich an, der Genitiv sei. Aber „deinetwegen“ ist gar nicht der Genitiv. „Von deinent wegen“ hieß es früher mal, das ist ein alter, untergegangener Dativ.
Interessant. Aber technisch verlangt „wegen“ den Genitiv.
Ja, aber „wegen deiner“ sagen nun wirklich die allerwenigsten, das kann ich auch keinem verübeln. Es klingt ungewohnt und alles, was wir nicht gewohnt sind, ist erst mal komisch, und das lehnen wir ab. Und auf diese Weise können sich natürlich auch Fehler einschleichen und populär werden.
Zum Beispiel?
Dass alle glauben, es müsse „wohlgesonnen“ heißen statt „wohlgesinnt“. Obwohl es „wohlgesonnen“ streng genommen gar nicht geben kann, weil es kein Verb gibt, das „wohlsinnen“ heißt. Es ist ein aus dem Hauptwort Sinn gebildetes Adjektiv, „wohlgesinnt“, so wie die Gesinnung auch. Und zwei Menschen, die gleicher Einstellung, gleicher Überzeugung sind, sind Gleichgesinnte und nicht etwa Gleichgesonnene. Aber weil „wohlgesonnen“ in den Ohren der meisten einfach richtig klingt, hat das eigentlich richtige „wohlgesinnt“ nach wie vor kaum Chancen.
Wir sind Ihnen angesichts Ihrer Ausführungen wohlgesinnt, Herr Sick.