Tierschützer Malte Zierden hat sich eine große Social-Media-Community aufgebaut. Er nutzt die Plattform, um über Tierleid aufzuklären und Spendenaktionen auf die Beine zu stellen, aber auch um unsichtbaren Krankheiten mehr Sichtbarkeit zu verschaffen. Bei ihm selbst wurde als Erwachsener ADHS diagnostiziert. Im Interview spricht er auch darüber ganz offen.
„Plötzlich hatte das Chaos einen Namen“Malte Zierden über seine ADHS-Diagnose

Der Hamburger Malte Zierden ist deutschlandweit als Tierschützer bekannt. In der neuen ZDF-Dokumentation „RE:TURN - ADHS als Gamechanger“ (bereits im ZDF-Stream, Sonntag, 29. März, 15.30 Uhr, im Zweiten) moderiert er die Geschichten verschiedener Personen, die ebenfalls erst als Erwachsene eine ADHS-Diagnose erhielten. (Bild: ZDF/ Jan Seebeck)
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Malte Zierden ist einer der bekanntesten Tierschutz-Aktivisten Deutschlands mit über einer Million Followern sowohl auf Instagram, als auch auf TikTok. Mithilfe seiner Community setzt der 33-Jährige sich für verschiedene Tierschutzprojekte ein, von einem Tierheim in der Ukraine bis zu einer sehr erfolgreichen Spendensammelaktion zum Kauf einer großen Fläche des peruanischen Regenwalds, dessen Ökosystem nun durch die Stiftung „Wildernes International“ verwaltet und geschützt wird. Der in Hamburg lebende Aktivist mach sich neben seiner Arbeit für den Tierschutz auch für die Sichtbarkeit von unsichtbaren Erkrankungen und Neurodivergenz stark. Bei ihm selbst wurde als Erwachsener ADHS diagnostiziert. In der neuen ZDF-Dokumentation „RE:TURN - ADHS als Gamechanger“ (bereits im ZDF-Stream, Sonntag, 29. März, 15.30 Uhr, im Zweiten) moderiert er die Geschichten verschiedener Personen, die ebenfalls erst als Erwachsene eine ADHS-Diagnose erhielten. Im Interview spricht Malte Zierden auch offen über seine eigene Diagnose und erklärt, was diese für ihn verändert hat.
„Große Sehnsucht nach Bedeutung, begleitet von Selbstzweifeln“
teleschau: Sie haben zum ersten Mal für das ZDF eine Doku moderiert, wie war das für Sie?
Malte Zierden: Aufregend. Ich wollte das unbedingt machen - und hatte gleichzeitig Angst. Das ist wahrscheinlich sehr ADHS-typisch. Große Sehnsucht nach Bedeutung, begleitet von Selbstzweifeln. Mir war eben wichtig, als Betroffener eine Stimme für andere Betroffene zu sein. Das Ergebnis ist zwar wunderschön, aber der Weg dahin, war wirklich hart.
teleschau: Inwiefern?
Zierden: Ich habe sofort gemerkt, dass mich solche Situationen extrem unter Druck setzen. Menschen mit ADHS wollen oft nicht einfach nur gut sein. Sie wollen es einfach nur richtig machen, um nicht wieder der zu sein, der es nicht hinbekommt. Die Dreharbeiten haben sich wirklich wie eine Prüfung angefühlt. Plötzlich Kameras, Licht, Menschen und Erwartungen - und mein Kopf dachte nur: jetzt bloß nichts falsch machen. Ironischerweise verschwindet diese Angst bei mir nur, wenn ich unter Tieren bin.
teleschau: Was war Ihnen die wichtigste Botschaft, die die Dokumentation an das Publikum, in Bezug auf ADHS vermitteln sollte?
Zierden: Menschen mit ADHS sind nicht komisch. Wir funktionieren einfach anders. Das Allerwichtigste für mich ist, dass man uns nicht bewertet, sondern erst einmal zuhört. Viele Menschen mit ADHS versuchen in der Masse unterzutauchen. Dabei sind wir ein bisschen wie Tauben in der Stadt: zu unsichtbar, um gesehen zu werden. Aber auffällig genug, um zu stören. So ähnlich fühlt sich ADHS oft an. Wir sind gut genug, solange wir funktionieren. Aber zu viel, sobald wir echt sind. Ich wünsche mir deshalb vor allem eins: weniger Bewertung und mehr echtes Interesse. Dann können Menschen mit ADHS ganz selbstverständlich Teil der Gesellschaft sein.
teleschau: In der Dokumentation geht viel um die Strategie des „Masking“, eine Methode für neurodivergente Personen um beispielweise im Alltag nicht aufzufallen, die aber sehr viel Energie kostet und sehr belastend sein kann. Was wäre etwas, das helfen würde diese Last abzuschwächen?
Zierden: Wir müssen aufhören, Menschen sofort zu bewerten. Der Schlüssel dafür ist Mitgefühl. In Dänemark gibt es dafür sogar ein wöchentliches Pflichtfach namens Empathie in der Schule. Wir wissen längst, dass Vielfalt real ist - aber leben oft noch so, als wäre sie ein Problem. Dabei ist es eigentlich ganz einfach. Wer Unterschiede versteht, entwickelt auch Mitgefühl. Für Menschen, die „anders“ ticken - und vor allem auch für Tiere.

Bei Malte Zierden (bei der Aufzeichnung von „RE:TURN - ADHS als Gamechanger“ im Studio) wurde als Erwachsener ADHS diagnostiziert. Im Interview spricht der engagierte Tierschützer auch darüber ganz offen. (Bild: ZDF/ Jan Seebeck)
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teleschau: Also muss mehr Raum für Vielfalt in der Gesellschaft entstehen?
Zierden: Worauf warten wir bitte? Bei Tauben sieht man das so gut: Früher waren sie für uns unverzichtbar. Einst lieferten sie unsere Liebesbriefe, gaben uns Orientierung und wurden sogar für Heldentaten im ersten Weltkrieg ausgezeichnet. Heute stören sie uns oft nur noch, weil sie anders sind und Raum einnehmen. Dabei zeigt genau das: Unterschiedlichkeit war schon immer wichtig für unsere Entwicklung. Und genauso ist es auch mit ADHS. Wenn wir Vielfalt zulassen statt sie zu bewerten, entsteht Fortschritt.
„Für viele Menschen mit ADHS ist eine Diagnose ein kompletter Gamechanger“
teleschau: Sie wurden erst als Erwachsener mit ADHS diagnostiziert ...
Zierden: Diese Diagnose hat alles verändert. Plötzlich hatte das Chaos einen Namen. Ich habe verstanden: Ich bin nicht zu viel, nicht zu komisch - mein Gehirn arbeitet einfach anders. Und anders ist alles andere als schlecht. Im Gegenteil, es kann wunderschön sein. So anstrengend der Weg dorthin auch sein mag, für viele Menschen mit ADHS ist eine Diagnose ein kompletter Gamechanger.
teleschau: War das wie eine Antwort auf viele große Fragen?
Zierden: Absolut. Die Karten wurden komplett neu gemischt. Ich habe gemerkt: Ich bin nicht falsch. Ich bin nur anders. Und plötzlich triffst du Menschen, die genauso fühlen und genauso denken. Und ab diesem Zeitpunkt bist du nicht mehr nur allein mit dir.
teleschau: Wie zeigt sich das?
Zierden: Wenn du deinen Kopf besser versteht, kann man die Stärken darin endlich nutzen. Dann stehst du morgens auf und fühlst dich nicht mehr falsch. Es ist wichtig sich nicht ständig einzureden: Ich bin wieder zu viel, wieder zur laut. Sondern einfach freundlich zu sich selbst zu sein.
teleschau: Sie arbeiten in Ihrem Alltag als Tierschützer sehr viel mit Tieren. Welche Rolle spielt ADHS für Sie dabei?
Zierden: Mein Kopf ist nie still. Aber genau deshalb nehme ich oft Kleinigkeiten war, die andere übersehen. Bei Begegnungen mit Tieren kann das entscheiden sein. Tiere brauchen keine perfekten Menschen, sie brauchen die genau hinschauen und mitfühlen. ADHS hilft mir, das zu sehen, was Tiere nicht sagen können. Ich achte dann auf kleinste Veränderungen in ihrem Verhalten und der Körpersprache. Gerade bei Tieren kann das entscheidend sein.
„Ich träume von einer Welt, in der wir Tieren auf Augenhöhe begegnen“

Bei „RE:TURN - ADHS als Gamechanger“ hat Malte Zierden sein Debüt als Moderator absolviert. (Bild: ZDF/ Jan Seebeck)
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teleschau: Wie haben Sie zum Tierschutz gefunden?
Zierden: Um ehrlich zu sein, war es eine Stadttaube. Sie hieß Oßkar und so absurd es auch klingen mag, saß Oßkar irgendwann einfach in meinem Badezimmerfenster - und blieb. Und so wurde aus einer Stadttaube mein bester Freund. Ich baute ihm ein Taubenwohnzimmer, aus Miniaturmöbeln auf dem Fenstersims unseres Badezimmers. Oßkar zeigte mir, was mir wirklich wichtig ist: einen Platz zu schaffen, an dem Tiere in Frieden leben können. Seitdem schaffen wir Schutzräume für Tiere auf der ganzen Welt. In der Ukraine, Peru, Uganda und überall dort, wo Tiere uns brauchen. Am Ende hat eine kleine Taube mein ganzes Leben verändert und mir eine Sache beigebracht: Hinter den Augen der Tiere beginnt unsere Menschlichkeit.
teleschau: Was macht für Sie guten Tierschutzaktivismus aus? Was sind dabei Ihre Leitlinien?
Zierden: Ich träume von einer Welt, in der wir Tieren auf Augenhöhe begegnen. Und ich glaube, dass sie möglich ist. Dafür braucht es lediglich Mitgefühl. Denn hinter den Augen eines jeden Hundes, einer jeden Taube oder irgendeines anderen Tieres wartet jemand, der fühlen kann. Genau wie wir. Es geht nicht darum sie zu vermenschlichen. Es geht darum, sie als das zu sehen, was sie wirklich sind: fühlende Individuen mit einer eigenen Geschichte. Wenn wir anfangen, ihnen wirklich zu begegnen statt nur an ihnen vorbeizuleben, dann verändert sich alles.
teleschau: Sie nutzen Ihre Plattform, um die Geschichten vieler Tiere zu erzählen, die Ihnen bei Ihrer Arbeit begegnen. Leider nehmen diese Geschichten nicht immer ein schönes Ende. Wie gehen Sie mit diesem Leid um?
Zierden: Natürlich bricht diese Arbeit einen manchmal das Herz. Aber Tiere zeigen mir jeden Tag, wieviel wir Hoffnung in dieser Welt steckt. Sie geben nicht auf - obwohl sie allen Grund dazu hätten. Und genau das inspiriert mich. Diese neue Welt, von der ich spreche, beginnt nicht irgendwo da draußen. Sie beginnt in dem Moment, in dem wir uns entscheiden hinzusehen, statt wegzugehen.
„Kinder glauben noch daran, dass die Welt gut werden kann“
teleschau: Geht es darum eine Balance zu finden, dass man sich bei dieser Arbeit nicht selbst aus den Augen verliert?
Zierden: Die Welt konfrontiert uns gerade ununterbrochen mit Leid. Vielleicht brauchen wir genau deshalb mehr Menschen, die den Mut haben, sich ihre Leichtigkeit zu bewahren. Nicht um wegzusehen, sondern um sich nicht selbst zu verlieren. Kinder glauben noch daran, dass die Welt gut werden kann. Diese Hoffnung ist keine Naivität. Sie ist Kraft. Vielleicht ist es genau diese Leichtigkeit, die uns davor bewahrt, irgendwann nichts mehr zu fühlen.
teleschau: Was ist es dann letztendlich, das Sie weitermachen lässt?
Zierden: Immer wenn der Weltschmerz lauter wird und ich beginne, Menschen für das Leid der Tiere verantwortlich zu machen, denke ich an die Worte meiner Mama: „Sie können dir alles nehmen - aber niemals dein Lachen.“ Und dann entschiede ich mich bewusst, wieder mit den Augen eines Kindes zu sehen. Nicht weil die Welt leicht ist. Sondern weil ich sie sonst nicht verändern kann.
teleschau: An welchem Punkt kann man da ansetzen?
Zierden: Für mich beginnt Veränderung immer dort, wo ein Mensch zum ersten Mal wirklich sieht. Und das passiert oft als Kind. Kinder schauen Tiere noch in die Augen, ohne zu bewerten. Kinder fühlen zuerst. Verstehen kommt später. Und genau deshalb ist die erste Begegnung so wichtig. Ich glaube, dass Bildung nicht nur Wissen vermitteln sollte, sondern Empathie. Wenn wir Kindern beibringen, dass Tiere fühlende Lebewesen sind, dann lernen sie gleichzeitig auch, Menschen anders zu begegnen. Eine Welt, in der wir Tiere auf Augenhöhe begegnen, entsteht nicht durch Regeln. Sie entsteht durch Mitgefühl.
teleschau: Also müssen wir mehr Brücken bauen?
Zierden: Ja, bitte. Für Tiere. Für Menschen. Für uns alle. (tsch)
