Abo

Ronzheimer stellt Bürgergeld-Betrügerin - die sagt„Gesetze in Deutschland haben mich verdorben“

4 min
Paul Ronzheimer führt mit Anna (Name geändert) ein Streitgespräch zum Bürgergeld. (Bild: Joyn)

Paul Ronzheimer führt mit Anna (Name geändert) ein Streitgespräch zum Bürgergeld. (Bild: Joyn)

„Wie geht's, Deutschland?“, will Paul Ronzheimer in neuen Folgen seiner SAT.1-Reportagereihe wissen. Zum Auftakt fühlt der „Bild“-Vize Bürgergeld-Betrügern und „Deutschlands faulstem Arbeitslosen“ auf den Zahn. Ein Unsittenbild mit kräftigem Pinselstrich.

„Viele Bürger haben den Eindruck, Deutschland sei ein Selbstbedienungsladen für Sozialbetrüger, Faulenzer und Schmarotzer“, sagt Paul Ronzheimer eingangs seiner neuen TV-Reportage für SAT.1. An diesem Eindruck, mag man einwenden, ist der Hauptarbeitgeber des stellvertretenden „Bild“-Chefredakteurs nicht ganz unschuldig.

Andererseits: Wer würde ernstlich bestreiten, dass Reformbedarf am deutschen Sozialsystem besteht, der darüber hinausgeht, dass das Bürgergeld ab 1. Juli Grundsicherung heißen soll? Und wer Sozialbetrüger, Faulenzer und Schmarotzer nur ernstlich sucht, der findet sie am Ende auch. So wie Anna, die eigentlich nicht Anna heißt.

Mit 25 Jahren kam sie einst als Spätaussiedlerin aus Polen und hat seither viele Jahre versicherungspflichtig gearbeitet. Doch damit ist es längst vorbei. Heute bezieht Anna Bürgergeld, verdient schwarz hinzu und hat aus unerfindlichen Gründen das Bedürfnis, darüber vor Ronzheimers Kamera zu philosophieren. Wenn auch stimmlich und optisch anonymisiert.

„Ja, ich bin eine Betrügerin, aber ich schäme mich nicht mehr“

Schlechtes Gewissen? Das habe sie zuletzt vor Jahren gehabt, als sie noch dachte, ihr Bürgergeld würden denjenigen fehlen, „die es nötig haben“. „So ist es ja auch gedacht“, erwidert Ronzheimer etwas zu offensiv erschrocken, was direkt durchschaut wird: „Bist du so naiv oder tust du nur so?“ Annas Punkt: Sie habe gar keine Chance in versicherungspflichtiger Vollzeit mehr zu verdienen als in ihrem aktuellen Modell.

Paul Ronzheimer hat neue Filme für die SAT.1-Reihe „Wie geht's, Deutschland?“ gedreht. (Bild: Joyn / Christoph Köstlin)

Paul Ronzheimer hat neue Filme für die SAT.1-Reihe „Wie geht's, Deutschland?“ gedreht. (Bild: Joyn / Christoph Köstlin)

Bei dem kommt einiges zusammen. Grundbetrag sowie Zuschüsse für Miete und Nebenkosten belaufen sich auf 1.263 Euro im Monat. Zuzüglich ihres schwarz verdienten Lohns liegt sie bei monatlich 2.400 Euro. Ronzheimer nennt die kurz vor der Rente stehende Frau frei heraus eine Betrügerin, was nur ein Achselzucken bewirkt: „Ja, ich bin eine Betrügerin, aber ich schäme mich nicht mehr.“ Sie sei ja „ein korrekter Mensch“, versichert Anna, „aber die Gesetze in Deutschland haben mich verdorben. Geld umsonst zu bekommen, das kannte ich nicht.“

Paul Ronzeimer verlässt den Recherche-Termin einigermaßen konsterniert. Es bleibt nicht das einzige Mal.

„Deutschlands faulster Arbeitsloser“ empfängt Paul Ronzheimer

Aber was will man auch erwarten, wenn man in Hannover „Deutschlands faulsten Arbeitslosen“ aufsucht. Den Titel trägt Jannis mit Stolz. Seine Social-Media-Reels aus dem selbst gewählten Lotterleben machten Schlagzeilen. Er habe sich als freiberuflicher Video-Regisseur „ein bisschen überarbeitet“, informiert er den Reporter. Jetzt probiert er es mal mit dem Gegenteil.

Dass die Bundesregierung plant, den Druck auf Leistungsempfänger zu erhöhen, findet der junge Mann schlecht fürs „Volksklima“. Ronzheimer wendet ein, dass Schmarotzertum wohl auch nicht gut fürs „Volksklima“ sei. „Verschwendete Energie“ nennt Jannis die Aufregung über Leute wie ihn. Man könne da als Einzelner doch eh nichts ausrichten. Einen Job anzunehmen, den man nicht ausüben wolle, sei hingegen „verschwendete Lebenszeit“, also deutlich schlimmer.

In der von der Oma gesponserten Wohnung hat Jannis „ein bisschen den Überblick verloren“, wie Ronzeimer euphemistisch protokolliert. Zwischen Schmutzwäschebergen und Kartons wird offenbar spontan vor der Kamera ein Inkasso-Schreiben der Krankenkasse geöffnet - Zahlungsrückstände von gut 2.900 Euro. „Oh“, hustet Jannis, dem da kurz die eingeübte Nonchalance entgleitet. So kann man es ausdrücken.

„Ich bin auch AfD, bin ich ganz ehrlich“

„Oh“, hat sich womöglich auch ein Herr aus Aachen gedacht, als zwei Sozialbetrugs-Ermittler vom Jobcenter mit Ronzheimers Kamerateam hinterdrein bei seiner vermeintlichen Wohngemeinschaft aufkreuzten. Ergebnis der Prüfung: keine WG. Der Bürgergeld-Empfänger lebt mit der vermeintlichen Mitbewohnerin in einer Partnerschaft, weshalb ihm die Bezüge nicht zustehen. Schuld sind auch hier die anderen, die Ausländer etwa, die bestimmt nicht so intensiv geprüft würden wie er selbst. „Ich bin auch AfD, bin ich ganz ehrlich“, gibt der Ertappte verblüffend ungeniert zu Protokoll.

Gut, dass Paul Ronzheimer in einem seiner Erklär-Einschübe festhält: „Es gibt viele ehrliche Menschen, die Bürgergeld brauchen.“ Den filmischen Beleg liefern ein ehemaliger Fliesenleger mit kaputtem Rücken und eine alleinerziehende Mutter ohne Kindergartenplatz. Und doch hallt aus dieser Reportage vor allem die Prognose der 65-jährigen Arbeitslosen aus der „Bürgergeldhauptstadt“ Gelsenkirchen nach, deren erwachsene Kinder mit über 40 noch nie gearbeitet haben: „Irgendwann knallt et.“

Da könnte was dran sein. (tsch)