In der Ost-Dramedy „Mensch Mutti!“ verkörpert Kultschauspielerin Steffi Kühnert die Mutter zweier erwachsener Töchter. Das ungleiche Frauen-Trio muss den Familienbetrieb retten: ein in die Jahre gekommenes Fitness-Studio. Ein wunderbarer Film über Zusammenhalt - mit gesellschaftlicher Botschaft?
Steffi Kühnert in Ost-Komödie mit Tiefgang„Diese Solidarität wünsche ich mir auch im Großen“

Steffi Kühnert spielt in der Ost-Dramedy „Mensch Mutti!“ die Mutter zweier erwachsener Töchter. Das ungleiche Frauen-Trio muss den Familienbetrieb retten: ein in die Jahre gekommenes Fitness-Studio. Ein wunderbarer Film über Zusammenhalt - mit gesellschaftlicher Botschaft? (Bild: R. Krüger)
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Die Ostberlinerin Steffi Kühnert war schon in der DDR als Bühnenstar erfolgreich. Nach der Wende avancierte die heute 63-Jährige auch in Film und Fernsehen zur Kultschauspielerin - mit natürlichem, überaus präzisen Spiel, das nicht selten ostdeutsche Charaktere in Szene setzte. Unvergessen ist ihre Rolle als Ehefrau Milan Peschels im mit dem deutschen Filmpreis ausgezeichneten Sterbedrama „Halt auf freier Strecke“ (2011) von Andreas Dresen. Mittlerweile bildet Steffi Kühnert an der „Ernst Busch“, der vielleicht berühmtesten Schauspielschule Deutschlands, den Nachwuchs aus. In der bezaubernden, klugen Ost-Dramedy „Mensch Mutti!“ (Freitag, 29. Mai, 20.15 Uhr, im Ersten) verkörpert Kühnert die Mutter zweier erwachsener Töchter. Das ungleiche Frauen-Trio muss den Familienbetrieb retten: ein in die Jahre gekommenes Fitness-Studio in der Provinz. Ein Gespräch über den Zusammenhalt im Kleinen, der doch eigentlich auch im Großen möglich sein müsste.
teleschau: „Mensch Mutti!“ ist ein Film über die Kraft, aber auch die Herausforderungen der Provinz. Wie stehen Sie als gebürtige Berlinerin dazu?
Steffi Kühnert: Ich komme gerade aus meinem Garten, weil ich mittlerweile vorwiegend in einem Dorf an der Mecklenburger Seenplatte lebe. Insofern ist die Frage schon beantwortet: Ich kann mit dem Landleben durchaus viel anfangen. Nicht nur landschaftlich, sondern auch, was das Zusammenleben der Menschen hier betrifft. Unser Film entstand im Mansfelder Land, das ist südliches Sachsen-Anhalt. Der Ort Gerlau, den wir da thematisieren, ist allerdings fiktiv.
teleschau: Wovon erzählt der Film „Mensch Mutti!“ im Subtext?

In der Ost-Dramedy „Mensch Mutti!“ verkörpert Steffi Kühnert die ehemalige DDR-Spitzenturnerin Christa. In ihrer Heimat, einem Provinzort in Sachsen-Anhalt, gründete sie einst ein Fitnessstudio. Mittlerweile kämpft der betagte Laden in der strukturschwachen Region einen vermeintlich aussichtslosen Kampf ums Überleben. (Bild: © ARD Degeto Film/Christoph Assmann)
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Steffi Kühnert: Von Heimat, Identität, familiärem Zusammenhalt und der Lebensgemeinschaft in einer kleinen Gemeinde. Natürlich geht es auch um den Osten, denn es war sicher eine bewusste Entscheidung, die Geschichte in der ehemaligen DDR spielen zu lassen. Auch die Regisseurin kommt aus der Region. Wir spüren schon dem Lebensgefühl dort nach, auch wenn die Geschichte an sich in jeder Provinz spielen könnte.
„Eigentlich war alles außerhalb Berlins in der DDR Provinz“
teleschau: Was macht diese Geschichte interessant?
Steffi Kühnert: Es geht um eine Frau mit zwei erwachsenen Töchtern, deren Mann überraschend stirbt. Nun steht sie alleine da mit einem in die Jahre gekommenen Fitness-Studio, das kurz vor der Insolvenz steht. Es ist wohl kein Zufall, dass diese Geschichte in einer strukturschwachen Region mit viel Arbeitslosigkeit spielt. Eine Region, wo das wirtschaftliche Überleben nicht einfach ist. Gerade mit einem kleinen Betrieb, der ja nur dann funktioniert, wenn andere Leute, die auch nicht auf Rosen gebettet sind, den Laden unterstützen. An dieser Stelle wird - durchaus humoristisch - auch etwas über den alten, aber auch den neuen Zusammenhalt dieser Ost-Provinz erzählt.
teleschau: Kennen Sie die Ost-Provinz aus der eigenen Biografie?
Steffi Kühnert: Oh ja (lacht). Ich kenne die Provinz der ehemaligen DDR sehr gut durch meine Arbeit am Theater. Ich bin Berlinerin und habe auch dort die Schauspielschule besucht. Danach ging es für mich aber erst mal drei Jahre nach Eisenach in Thüringen und vier Jahre nach Weimar. Viel weiter weg und noch provinzieller konnte man als junge Schauspielerin in der DDR kaum leben. Eigentlich war alles außerhalb Berlins in der DDR Provinz. Als ich jung war, habe ich Berlin sehr vermisst. Es war der Ort, an dem jene Dinge passierten, die man nicht verpassen wollte. Selbst in der DDR gab es solche Orte (lacht). Umso erstaunlicher, wie sich mein Leben gewandelt hat. Wir bauten uns über die letzten 25 Jahre einen Ort bei Waren an der Müritz nach und nach auf. So haben wir Berlin nun tatsächlich freiwillig verlassen. Ich habe dort nur noch eine ganz kleine Wohnung, weil ich ja noch an der Schauspielschule unterrichte.

Eine Mutter und zwei Töchter - das macht drei ungleiche Frauen in der bezaubernden Ost-Komödie „Mensch Mutti!“ im Ersten: Das in die Jahre gekommene Fitnessstudio von Familie Hopp muss gerettet werden. Es packen an: Tochter Daniela (Lucie Heinze, links), Mutter Christa (Steffi Kühnert) und Ballerina-Tochter Serafina (Frida-Lovisa Hamann) aus Paris. (Bild: © ARD Degeto Film/Adrian Gross)
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teleschau: Was gefällt Ihnen am Landleben?
Steffi Kühnert: Na ja, es ist das Übliche. Man hat im Leben irgendwann genug erlebt, als dass die Hektik und der Stress einer Großstadt einem noch irgendetwas geben würden, das man spannend findet. Hier versuche ich nun, jeden Tag spazieren zu gehen. Es ist ruhig, es ist grün. Mit den Menschen ist es intimer. Körper und Geist kommen zur Ruhe oder können sich mit dem beschäftigen, was einen eben beschäftigt. Ich brauche den Lärm nicht mehr.
„Die jungen Leute heute haben es sehr viel schwerer“
teleschau: Wie war das Verhältnis zwischen Stadt und Provinz in der DDR?
Steffi Kühnert: Der Unterschied war auf jeden Fall krasser als heute. Ich hatte ja meine Eltern in Berlin, und ich war noch sehr jung, als ich nach Thüringen ging. Es war damals eine Weltreise von Eisenach nach Berlin, die Verkehrsverbindungen waren sehr schlecht. Ich hatte anfangs richtig Heimweh, es war damals schwer für mich. Das Leben für uns Schauspieler am Theater war sehr einfach. Wir hatten fast nichts, selbst meine Wäsche nahm ich immer mit nach Berlin mit, weil ich in Eisenach nicht waschen konnte. Natürlich haben wir dort auch schöne Sachen erlebt. Aber so abgeschnitten zu sein vom pulsierenden Leben Berlins, das war damals schon hart für mich mit Anfang oder Mitte 20.

Serafina (Frida-Lovisa Hamann, links) und Daniela (Lucie Heinze, zweite von links) wollen ihre Mutter Christa (Steffi Kühnert) davon überzeugen, dass sich im familieneigenen Fitnessstudio eine Menge ändern muss. (Bild: © ARD Degeto Film/Adrian Gross)
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teleschau: Im Film geht es auch um die beiden Töchter der Frau, die Sie spielen: die eine hat ihr Glück in der Provinz gefunden, die andere als Tänzerin in Paris Karriere gemacht. Kann man seine Erfüllung auch in der dörflichen Heimat finden?
Steffi Kühnert: Wo man sich Lebensträume erfüllen kann und sein Glück findet - das ist individuell sicher stark unterschiedlich. Es gibt sicher Träume wie im Film der von einer Ballettkarriere, da muss man schon in die Stadt und an große Bühnen gehen, um zu schauen: Wie weit komme ich mit meinem Traum? Wer andere Träume hat, kann oder möchte sie vielleicht sogar in der Provinz verwirklichen. Wobei es ein Unterschied ist, ob man - wie meine jüngere Filmtochter - schon mal weg war, viel erreicht hat und nun auch altersbedingt überlegt, wie es nach dem Tanzen weitergeht.
teleschau: Sie waren immer Schauspielern. Haben Sie mal überlegt, sich einen ganz anderen Traum zu erfüllen?
Steffi Kühnert: Tatsächlich dachte ich in meinem Leben viel darüber nach. Wenn dein Weg so wie meiner halbwegs glücklich verläuft, von der Schule an die Schauspielschule ans Theater und später noch Filme, fragst du dich ab und an: Gibt es da noch mehr als Schauspielerei? Aber, um bei der Wahrheit zu bleiben, am Ende hat bei mir immer die Liebe zu diesem Beruf gesiegt. Ich habe nichts gefunden, was mich mehr interessiert. So bin ich am Ende auch noch Schauspiellehrerin geworden (lacht). Aber ich hatte auch viel Glück. Die jungen Leute heute haben es sehr viel schwerer.
„Unsere Branche steht massiv unter Druck“
teleschau: Sie arbeiten als Lehrerin an der „Ernst Busch“, einer der besten Schauspielschulen Deutschlands, an der Quelle: Wie sieht es mit der Jobsituation des Nachwuchses aus?

„Fit in Gerlau“ soll über Social Media beworben werden: Enkelin Emma (Selma Suckfüll, rechts) filmt Mitarbeiterin Katleen (Ann-Sophie Schindler, links). Oma Christa (Steffi Kühnert) gibt die Einpeitscherin. (Bild: © ARD Degeto Film/Adrian Gross)
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Steffi Kühnert: Es ist ganz schwierig. Ich beobachte, wie es von Jahr zu Jahr abnimmt, dass unsere Leute nach der Ausbildung einen festen Job bekommen. Wir haben 24 Absolventinnen und Absolventen pro Jahrgang. Früher sind sie fast alle irgendwo am Theater untergekommen. Mittlerweile würde ich sagen: Das trifft vielleicht noch auf ein Drittel der jungen Leute zu.
teleschau: Als Konsument hat man den Eindruck - überall wird gedreht, ständig kommen neue Serien und Filme. Und Theater sieht man auch in der Stadt. Warum sind Schauspielende heute trotzdem schlechter dran?
Steffi Kühnert: Unter anderem deshalb, weil überall in der Kultur gespart wird. Das ist natürlich eine politische Entscheidung und der wirtschaftliche Druck, unter dem wir ja heute ganz gehörig stehen, lässt sich besonders leicht an die Kultur weitergeben, weil sie nicht überlebenswichtig erscheint. Was meiner Meinung nach ein Trugschluss ist. Aber so ist die Realität: Theater werden zusammengelegt oder schrumpfen ihre Ensembles. Filme können nicht mehr finanziert werden, weil Investoren kalte Füße bekommen oder Fördergeld fehlt. Unsere Branche steht massiv unter Druck.
teleschau: Ihre beiden Filmtöchter, gespielt von Lucie Heinze und Frida Lovisa Hamann, sind wie sie Absolventinnen der „Ernst Busch“. Sie unterrichten mittlerweile dort. Haben Sie Ihre „Töchter“ früher unterrichtet?
Steffi Kühnert: Ja (lacht). Das ist natürlich eine wunderbare Sache. Ich arbeite seit 2009 als Lehrerin an der „Ernst Busch“. Frida Lovisa Hamann hatte ich in meinen Szenenstudien, mit ihr habe ich damals intensiv und wunderbar zusammengearbeitet. Lucie Heinze war zwei Jahre über Frida, aber ich kenne sie auch noch von der Schule, so ein bisschen aus der Entfernung. Sie ist sehr talentiert, irgendwie cool, und sie hat eine wunderbar praktische Ader. Im Film spielt sie eine Kfz-Mechanikerin, die im Ort geblieben ist und dort gute Ideen hat. Tatsächlich ist Lucie auch im wirklichen Leben ein bisschen so, finde ich.
„Wir hatten unsere Wohnung, unseren Job und genug zu essen“
teleschau: Der wirtschaftliche Krisenmodus zeigt sich in „Mensch Mutti!“ ja auch in der Provinz - wo viele Unternehmer kämpfen. Trotzdem lautet eine Botschaft des Films: Da geht was im Osten! Oder, wie sehen Sie das?
Steffi Kühnert: Ja, da gebe ich Ihnen recht. Der Film hat eine herzerwärmende Atmosphäre und zeigt eine Solidarität, die einerseits aus der gemeinsamen Vergangenheit rührt, aber auch die Zukunft umarmt. So ähnlich ist es auch im Dorf, in dem ich jetzt selbst lebe. Da gibt es eine WhatsApp-Gruppe, da sind alle Dorfbewohner drin. Wenn jemand Hilfe braucht oder sie anbietet, wird etwas in diese Gruppe geschrieben. Bei uns herrscht viel Solidarität und das zeigt mir: Im Kern sind wir doch als Menschen so gepolt. Oft wird der fehlende Zusammenhalt in unserer Gesellschaft kritisiert, dabei besitzen wir dieses Talent doch! Wir müssen einfach nur das machen, was wir auch in unserem Dorf oder unserer Community tun - ohne groß drüber nachzudenken. Diese Solidarität wünsche ich mir auch im Großen.
teleschau: Eine typische Erinnerung an die DDR gibt zu, das politische System war fies, aber der Zusammenhalt der Menschen war doch ein ganz anderer als im Westen. Wie stehen Sie zu diesem Narrativ?
Steffi Kühnert: Ich habe oft darüber nachgedacht, wie es damals wirklich war. Immerhin erlebte ich die DDR als Kind, Jugendliche und junge Erwachsene schon noch eine gewisse Zeit. Was ich auf jeden Fall sagen kann: Das Geld spielte eine sehr viel geringere Rolle als heute. Wir hatten nicht viel davon, aber das störte uns nicht weiter. Wir wussten, es kann uns nichts existenziell Bedrohliches passieren: Wir hatten unsere Wohnung, unseren Job und genug zu essen. Die Lebenshaltungskosten waren niedrig. Es gab eine Grundentspannung, die ich heute nicht mehr spüre. Heute ist alles knapp: die Zeit und das Geld. Ich will die alten Zeiten nicht verherrlichen, aber heute fragen sich viele junge Leute: Komme ich überhaupt noch in den Job nach dem Studium? Schaffe ich es, mir ein Leben zu finanzieren - zumal in der Stadt, wo das Wohnen so extrem teuer geworden ist? Ich weiß es von unseren Schülern, dass sich viele junge Leute große Sorgen machen. Und das ist nicht gut, weder individuell noch für uns als Gesellschaft. (tsch)