In der Raumfahrt scheint der Fokus klar auf dem Mars zu liegen. Doch unser nächster planetarer Nachbar ist er nicht.
Reise zum MarsGeben wir Milliarden für den falschen Planeten aus?

Ein Flug zur Venus oder zu Merkur liegt zwar geografisch näher an der Erde, würde aber schnell zu einer extremen Belastungsprobe für Mensch und Technik werden. (Archivbild, mit KI bearbeitet)
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Wenn es um die Zukunft der bemannten Raumfahrt geht, fällt fast reflexartig ein Name: Mars. Rover durchkämmen seine Oberfläche, Visionen von Kolonien liefern seit Jahren Stoff für Schlagzeilen.
Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass die Erde deutlich nähere Nachbarn hat. Die NASA weist darauf hin, dass die Venus unserem Planeten auf bis zu rund 38 Millionen Kilometer nahekommt. Auch Merkur bewegt sich – je nach Konstellation – in deutlich geringerer Distanz als der Mars, der selbst im günstigsten Fall etwa 55 Millionen Kilometer entfernt bleibt.
Die eigentliche Frage drängt sich damit auf: Warum richtet sich der Blick so konsequent auf den weiter entfernten Roten Planeten – und nicht auf den näheren Nachbarn vor unserer kosmischen Haustür?
Die höllische Nachbarin: Venus
Die Antwort ist eine pragmatische. Ein kürzerer Flug zur Venus wäre zwar möglich, doch die Bedingungen vor Ort machen eine Landung oder gar eine Erkundung durch den Menschen unmöglich. Das „BBC Science Focus Magazine“ beschreibt die Venus als einen der unwirtlichsten Orte im Sonnensystem.
- Extreme Hitze: An der Oberfläche herrschen laut NASA-Messungen durchschnittlich 465 Grad Celsius. Sonden, die dort landeten, überstanden diese Bedingungen nur für sehr kurze Zeit.
- Enormer Druck: Der atmosphärische Druck ist etwa 90-mal höher als auf der Erde, vergleichbar mit dem Druck in 900 Metern Meerestiefe.
- Giftige Atmosphäre: Die dichte Wolkendecke besteht hauptsächlich aus Kohlendioxid mit Wolken aus Schwefelsäure.
Der überraschende Nachbar: Merkur

Der Merkur erlebt die größten Temperaturunterschiede im Sonnensystem, von über 400°C auf der Tagseite bis zu eisigen -180°C auf der Nachtseite. (Symbolbild)
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Noch überraschender ist die Rolle des Merkur. Obwohl er, wie Berechnungen des Fachmagazins „Popular Mechanics“ zeigen, im Durchschnitt unser nächster Nachbar ist, machen ihn die extremsten Bedingungen des Sonnensystems zu einem noch unmöglicheren Ziel als die Venus.
- Der heimliche Nachbar: Im Durchschnitt ist Merkur der Planet, der der Erde am nächsten ist. Das liegt an seiner engen Umlaufbahn, die verhindert, dass er sich jemals so weit von uns entfernt wie Venus oder Mars.
- Extreme Temperaturschwankungen: Der Planet erlebt die größten Temperaturunterschiede im Sonnensystem, von über 400°C auf der Tagseite bis zu eisigen -180°C auf der Nachtseite.
- Keine schützende Atmosphäre: Der Hauptgrund für die extremen Bedingungen ist die nahezu fehlende Lufthülle. Ohne eine Atmosphäre, die Wärme speichert oder verteilt, heizt sich die Tagseite stark auf, während die Nachtseite tief auskühlt. Merkur gilt nach heutigem Kenntnisstand als vollständig steril – und damit deutlich unwirtlicher als die Venus.
Der Mars als realistisches Ziel
Im direkten Vergleich dazu bietet der Mars weitaus günstigere Voraussetzungen für die Forschung. Zwar ist auch seine Umgebung eine Herausforderung, aber eine realistischere.
- Beherrschbare Temperaturen: Obwohl es oft sehr kalt ist, bewegen sich die Temperaturen mit Werten zwischen etwa -80 und +20 Grad Celsius in einem Rahmen, der technisch handhabbar ist und nicht zur sofortigen Zerstörung von Material führt.
- Feste Oberfläche und dünne Atmosphäre: Der Mars besitzt eine feste Oberfläche, auf der Sonden landen, fahren und forschen können. Seine dünne Atmosphäre bietet zudem einen gewissen Schutz vor der Sonnenstrahlung.
- Erdähnlicher Tag-Nacht-Rhythmus: Ein Marstag, auch „Sol“ genannt, dauert etwa 24,5 Stunden. Dieser Rhythmus ist dem der Erde sehr ähnlich, was für die Anpassung von Menschen und potenzieller Landwirtschaft von großem Vorteil wäre.
Die Entscheidung für den Mars als primäres Ziel der bemannten Raumfahrt ist also keine Frage der Distanz, sondern der Machbarkeit. Während Venus oder Merkur faszinierende Forschungsobjekte aus der Ferne bleiben, bietet der Mars die realistische Möglichkeit, zu landen, zu forschen und die Präsenz der Menschheit im All langfristig auszubauen.
