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Drei Frauen erzählen„Mehr als arbeiten kann man ja nicht“ – Wie schwer das Auskommen mit der Rente ist

Lesezeit 10 Minuten
Katharina H. ist im Porträt zu sehen. Sie steht vor einer mit Weltraummotiven bemalten Wand und stützt eine Hand an auf einen Pfosten. Sie trägt ein gepunktetes Halstuch und eine getönte Brille. Ihr Haar ist grau und kurz geschnitten.

Katharina H. hat nach dem Berufsleben begonnen, sichehrenamtlich im Johanniterstift und bei der AWO zu engagieren.

Trotz Vollzeit knappe Rente ist keine Seltenheit. Aber es gibt auch das positive Beispiel einer kämpferischen Frau.

Der Unterschied ist erheblich: Die Rentenhöhe beträgt bei allen Frauen nur rund zwei Drittel von dem, was Männer durchschnittlich als Altersrente beziehen. In Euro heißt das: Frauen bekommen im Schnitt 420 Euro weniger. In Worten: das Risiko, im Alter zu verarmen, ist deutlich höher.

Die Zahlen gehen auf eine Studie des Wirtschafts- und Sozialinstituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2019 zurück. Und nach einem Vergleich der 37 OEDC-Länder aus demselben Jahr ist dieser so genannte Gender Pension Gap nirgendwo in Europa größer als in Deutschland.

Diese Benachteiligung spiegelt alles wider, was in der Wertschätzung der von Frauen geleisteten Arbeit bislang schiefgelaufen ist. Die traditionellen Bilder von Geschlechtern und Erwerbsarbeit wirken immer noch nach: Es gibt weiterhin einen großen Gehaltsunterschied, Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit oder in Minijobs oder setzen ganz aus, wenn sie eine Familie gründen. Es sind außerdem überwiegend Frauen, die ihre Angehörigen pflegen. Das hat alles Auswirkungen auf das, was sie später an Geld zur Verfügung haben. Die Sicherung der eigenen Existenz bleibt - trotz aller Reformen - für Frauen eine große Herausforderung.

Rente: Altersarmut bei Frauen wird noch zunehmen

Bei den Paaren mit über 65 Jahren lebt jede vierte Frau in erster Linie von den Einkünften des Mannes. Stirbt der Partner oder fällt dieser Halt durch eine Scheidung weg, ist die Not groß: Jede fünfte alleinlebende Frau über 65 muss mit weniger als 900 Euro monatlich leben. Laut Bertelsmann-Stiftung wird der Anteil der über 67-jährigen, alleinlebenden Frauen in Altersarmut bis zum Jahr 2036 stark steigen. Dann müssen sich bereits 27,8 Prozent auf staatliche Unterstützung verlassen. Das Problem ist bekannt.

Drei Rentnerinnen, die sich im Ehrenamt engagieren

Und wie sieht die Situation konkret aus? Drei Frauen aus Köln erzählen uns aus ihrem Leben, wie sie damals mit dem Thema Altersvorsorge umgegangen sind und in welcher Situation sie sich jetzt befinden. Ihr Berufsleben fällt in eine andere Zeit, in der sie sich noch ganz anders als heute behaupten mussten. Sie haben gearbeitet und sich um andere Menschen gekümmert, sind dafür schlechter bezahlt worden als ihre männlichen Kollegen oder haben für ihre Sorgearbeit gar nichts bekommen.

Heute engagieren sie sich ehrenamtlich in den Wohlfahrtsverbänden. Zu sagen, ihr Einsatz ist unbezahlbar, ist so wahr wie zynisch. Denn natürlich sollte man sich überlegen, wie gerade der Dienst dieser Frauen an der Gesellschaft mehr als mit Beifall belohnt werden könnte.


Katharina H., 67 Jahre, aus Köln

Maschinenbauingenieurin und Vorkämpferin für gerechte Bezahlung

Ich denke, ich bin in der privilegierten Situation, dass ich als Frau, von meiner eigenen Rente sehr gut leben kann. Damals stand das noch gar nicht zur Debatte, dass dies heute so schwierig sein würde. Diesen Weitblick habe ich sicher unter anderem meinem Vater zu verdanken, auch wenn ich damals noch nicht so richtig verstanden habe, wie wichtig dies mal sein wird.

Er wollte, dass ich finanziell unabhängig bin und bleibe. Ich habe die Ausbildung als technische Zeichnerin bei der Deutz AG in Köln angefangen und habe insgesamt 48 Jahre dort in Vollzeit gearbeitet. Das ist eine Ausnahme in meiner Generation. Ich habe keine Kinder – deshalb war das machbar. Ich habe immer sehr gerne und viel gearbeitet, war immer gerne ganz vorne mit dabei und an allen Neuerungen interessiert.

Lange Wege, um eine Damentoilette zu erreichen

Ich habe mich im Laufe der Zeit bis zur Maschinenbauingenieurin hochgearbeitet und war - zu der damaligen Zeit - somit eine der wenigen Frauen in dieser Branche. Ich weiß noch, dass wir, während der betrieblichen Ausbildung, lange Wege zurücklegen mussten, um überhaupt eine Damentoilette zu erreichen.

Jedes Mal, wenn ich mir eine neue Position mit mehr Verantwortung erarbeitet hatte, musste ich um mein Gehalt kämpfen. Das war nicht immer leicht. Ich habe immer wieder darauf gedrängt, für dieselbe Arbeit auch dasselbe Geld wie meine männlichen Kollegen zu bekommen. Der Gehaltsunterschied lag mitunter bei mehreren hundert D-Mark im Monat. „Ich kann nichts dafür, dass ich kein Mann bin“, habe ich dann gesagt. „Dann kündigen Sie doch, wenn es Ihnen nicht passt“, war manchmal die Antwort.

Ich hatte Angst, aber ich habe mich nicht unterkriegen lassen
Katharina H., ehemalige Maschinenbauingenieurin

In solchen Situationen wurde mir schon mal heiß und ich hatte Angst, aber ich habe mich nicht unterkriegen lassen. Wenn ich damals nicht auf den Tisch gehauen hätte, sähe meine Rente heute sicher anders aus. Mit meiner Beharrlichkeit habe ich für meine nachfolgenden Kolleginnen den Weg erleichtert.

Woher mein Selbstbewusstsein kommt, ist doch klar, wenn man immer mit Männern zusammenarbeitet, das stärkt! Und auch das hat sicher mit meinem Elternhaus zu tun. Mein Vater war ein Gewerkschafter, der mich immer moralisch unterstützt hat. Ich bin übrigens später selbst Gewerkschafterin geworden und habe auch für Kolleginnen und Kollegen für mehr Geld und Gerechtigkeit gekämpft. Ich kann Ungerechtigkeiten nicht ausstehen, da werde ich verrückt. Dagegen muss ich was tun. Auch heute noch.

Mein Vater hat mir auch dazu geraten, Eigentum anzuschaffen. Ich habe mir eine Wohnung gekauft und sie abbezahlt. So abgesichert habe ich mit 57 Jahren einen Altersteilzeitvertrag unterschrieben und bin mit 60 in die aktive Freizeitphase gegangen.

Besteuerung der Rente ist „ein Schlag ins Gesicht“

Ich hatte immer meine Alters-Vorsorge im Blick und deshalb noch zusätzliche in zwei Riesterrenten eingezahlt. Dass alles so gut nach Plan gelaufen ist, hat sicher auch mit Glück zu tun. Denn ich sehe sehr wohl in meinem Bekanntenkreis, dass es Frauen gibt, die zwar ebenfalls sehr viel gearbeitet haben, aber nicht mit ihrer Rente auskommen können. Deren Rente wird aufgestockt. Genau wie die Rente derer, die gar nicht gearbeitet haben.

Auch dass die Rente versteuert wird, ist für die, die für eine gute und hohe Rente gesorgt haben, ein Schlag ins Gesicht. Oder dass man sowohl bei der gesetzlichen als auch der betrieblichen Rente Abgaben an die Krankenkasse zahlen muss, finde ich nicht okay.

Ich finde, da läuft etwas gewaltig schief. Grundsätzlich bin ich froh, im Sozialstaat Deutschland geborenen zu sein, auch wenn es an vielen Stellen knirscht! Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie mir den richtigen Weg durchs Leben, gezeigt und vorgelebt haben und bin traurig, dass sie mich nicht auch bei meinem Übergang ins sorgenfreie Rentnerleben begleiten konnten.


Frau P., 73, aus Köln

„Nach der Scheidung musste ich Rentenanteile an meinen Mann abgeben“

Ich bin jetzt 73 Jahre alt und bin in eine Anlage gezogen, in der man nur mit Wohnberechtigungsschein leben kann. Das hatte ich mir früher natürlich nicht so gedacht. Ich dachte immer, es wird schon reichen. Denn ich habe erst als Arzthelferin und dann als Arztsekretärin immer in Vollzeit gearbeitet. Zunächst in Praxen und später im Krankenhaus.

Es gab unglaublich viel zu tun, die Gehälter aber waren eher nicht so bombastisch. Frauen verdienten damals generell weniger als Männer, wobei Männer häufiger in höher gestellten Berufen arbeiteten. Ich hatte zumindest die Möglichkeit, mich weiterzubilden und bekam dafür Unterstützung von meinen Eltern. Ich hatte gute Eltern.

Ohne Gehalt in der Praxis mitgearbeitet

Ich habe wahnsinnig gerne gearbeitet, es war anstrengend, aber sehr abwechslungsreich. Jeder Tag war anders und ich hatte Kontakt mit den unterschiedlichsten Menschen. Das war toll, genau das richtige für mich. Ich denke mit Freude an den Beruf zurück. Und eigentlich wollte ich gar nicht in Rente gehen.

Als mein Mann selbst eine Praxis aufbaute, habe ich ihm dabei geholfen und quasi umsonst für ihn gearbeitet. Was man halt so macht. Diese zehn Jahre, in der ich nicht in die Rentenkasse eingezahlt habe, fehlen mir jetzt. Von meinem Mann bin ich nun schon seit 30 Jahren geschieden und laut Gerichtsurteil musste ich an meinen Mann bei der Scheidung Rentenanteile abgeben. So ist es jetzt. Ich bekomme 873 Euro gesetzliche Rente und 68 Euro Betriebsrente.

Vom kleinen Einkommen etwas weglegen? Unmöglich

Ich weiß nicht, wie ich hätte anders oder besser vorsorgen sollen. Von meinem Gehalt damals hätte ich gar nichts weglegen können. Und mehr als arbeiten kann man ja nicht.

Ich musste, als ich in Rente ging, Grundsicherung beantragen. Heute kriege ich Wohngeld und komme damit zurecht. Urlaub machen kann ich natürlich nicht, daran ist nicht zu denken. Es ist halt so.

Ich arbeite jetzt ehrenamtlich und betreue Demenzkranke bei CarUSO, einem Unterstützungsdienst der Kölner Caritas. Das macht mir Spaß. Ich kümmere mich um die Männer und Frauen, gehe mit ihnen spazieren oder spiele mit ihnen, sodass die Angehörigen zumindest stundenweise entlastet werden. Ich bekomme dafür eine Aufwandsentschädigung von 7,50 Euro in der Stunde, die ich für das Fahrgeld brauche. Diese Arbeit möchte ich auf keinen Fall aufgeben. Man ist beschäftigt und das ist ein wichtiger Aspekt.

Ich kenne Frauen, denen es nicht so gut geht wie mir. Einige sind noch verheiratet. Die sagen mir: ‚Wenn er nicht mehr ist, weiß ich nicht, wie es weitergehen soll.‘ Ja, wenn die Männer sterben, bekommen die Frauen weniger Geld, sicher. Man hat sich früher einfach darauf verlassen, dass es schon irgendwie gut geht. Deshalb denke ich manchmal, man sollte eine Mindestrente von 1200 Euro einführen. Das würde einiges ändern. Davon hört man gerade nichts mehr, aber ich fände es angebracht.


Frau J., 74, aus Köln

„Was passiert mit mir, wenn ich alleine bin?“

Als ich jung war, war die eigene Vorsorge gar kein Thema. Man hat einfach gelebt, so gut es ging. Ganz ohne Angst davor, was kommen würde. Ich habe mit Anfang 20 geheiratet, ein Jahr später bekam ich mein Kind und ich konnte mit meiner Familie in eine kleine Betriebswohnung ziehen. Irgendwann sind wir dann in eine andere Wohnung gezogen und mit dem Geld kamen wir immer irgendwie aus.

Ich glaube, unsere vergleichsweise Bescheidenheit hat damit zu tun, dass wir das Leben der Generation vor uns noch so deutlich vor Augen hatten. Meine Eltern zum Beispiel haben mir vorgelebt, wie man in sehr schwierigen Verhältnissen mit mehreren Kindern über die Runden kommt. Das Leben damals war wirklich nicht einfach. Und seither hat sich doch schon vieles verbessert.

Ich selbst habe meine Arbeit wegen meines Kindes unterbrochen, weil damals Erziehung und Beruf nicht gleichzeitig zu bewerkstelligen war. Kindergartenplätze zum Beispiel gab es erst für Kinder ab drei Jahren. Als mein Kind selbstständiger wurde, habe ich noch für einige Jahre eine Arbeit im Büro angenommen. Die wenigen Jahre, die ich dann dort zum Schluss auf Steuerkarte gearbeitet habe, haben mir aber nicht sehr viele Rentenpunkte eingebracht.

Für ältere Frauen kaum Jobs

Mit 57 wurde ich arbeitslos und musste die Erfahrung machen, dass man in dem Alter nur noch schwer einen Job bekommen kann. Mit 60 Jahren ging ich vorzeitig in Rente. Allein von meiner Rente könnte ich nicht leben.

Deswegen würde ich allen Frauen natürlich raten, eine gute Ausbildung zu machen und frühzeitig an die eigene Vorsorge zu denken. Ich sehe, dass viele Frauen dies bereits tun und sich heute um einiges selbstbewusster behaupten.

Wenn ich mich heute mit gleichaltrigen Frauen treffe, kommen wir häufig auf dieselben Themen zu sprechen. Was passiert mit mir, wenn ich alleine bin? Wie könnte ich einen Heimplatz finanzieren? Würde der Anteil der Rente für mein Leben reichen? Der Punkt ist: Wir können zwar immer darüber reden, aber wir können die Probleme nicht lösen. Und wer weiß schon, wie das Leben läuft?

Diese Momente haben nichts mit Besitz, Konsum oder Reichtum zu tun, sondern mit Menschlichkeit.
Rentnerin J. über ihr ehrenamtliches Engagement

Ich weiß nur, dass ich nicht stillsitzen kann. In meiner Freizeit engagiere ich mich ehrenamtlich in einem Altenheim und beim Caritasverband. Das ist mir sehr wichtig. Das mache ich mit Herzblut, denn es ist eine dankbare Aufgabe. Sie öffnet mir den Blick fürs Wesentliche und für Momente, die einen wirklich glücklich machen.

Diese Momente haben nichts mit Besitz, Konsum oder Reichtum zu tun, sondern mit Menschlichkeit. Vielleicht sollten wir deshalb die ausgerufene Zeitenwende als einen Wink verstehen: Wenn wir künftig insgesamt mit weniger auskommen müssen, erkennen wir vielleicht wieder das, was am Ende tatsächlich zählt. Das menschliche Miteinander.


Hilfsangebote und Informationen für Seniorinnen und Senioren: Der Wegweiser „Gut informiert älter werden“ ist bei den Wohlfahrtsverbänden und in den Bürgerämtern kostenlos erhältlich. Nach Stadtbezirken gegliedert sind Adressen der Außenstellen der Sozialämter, der Seniorenvertretung, der Seniorenberatungsstellen, der präventiven Hausbesuche, der SeniorenNetzwerke, und Bürgerzentren aufgelistet. Außerdem kann er bei der Redaktion von KölnerLeben angefordert werden: 0221 / 221-22093 oder per E-Mail an koelnerleben@stadt-koeln.de, Bitte im Betreff „Wegweiser“ angeben! Download zum Wegweiser „Gut informiert älter werden“ hier.

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